- "...bis zum Äußersten"
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"Denn bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Es ist auch mir gewiss, dass wir in der Ordnung bleiben müssen, dass es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe." Diese Passage aus Ingeborg Bachmanns Rede von 1959, anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, formuliert eine Art künstlerisches Lebensprogramm, eine Haltung, die sich an gesellschaftlichen Normen, an bürgerlicher Anpassung und Selbstbeschränkung geradezu reiben muss.
- Utopie und Realität
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Von ihren frühesten Gedichten bis zum Todesarten-Zyklus hat Ingeborg Bachmann ihre Suche nach Utopia, diesem "Nicht-Ort", immer wieder gestaltet und ihn in einer ganz eigenen Bildsprache anzusiedeln versucht: auf Inseln, an Küsten, Flussufern, in Auen oder Überschwemmungsgebieten, auch in städtischer Umgebung in geheimnisvollen Zonen wie etwa dem „Ungargassenland“ des Malina-Romans. Es sind allesamt unsichere, wechselvolle Orte des Übergangs zwischen den Elementen, Orte der Grenzüberschreitung, der Begegnung und der Trennung. Nur hier, so scheint es, kann ein zutiefst menschliches und doch in der Realität längst aufgegebenes Glücksverlangen Ausdruck und Raum finden.
- Einsehen durch die Musik
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"Denn es ist Zeit, ein Einsehn zu haben mit der Stimme des Menschen, dieser Stimme eines gefesselten Geschöpfs, das nicht ganz zu sagen fähig ist, was es leidet, nicht ganz zu singen, was es an Höhen und Tiefen auszumessen gibt." Musik und Rhythmus spielen eine wichtige Rolle im Werk von Ingeborg Bachmann. Zunächst unmittelbar, denn die frühen Gedichte wie auch der erste Prosaband sind von stark lyrischem Gestus, Klang und Formwillen getragen. Und selbst der Malina-Roman, in der Gangart härter, ist in seinem Spiel mit Thema und Variation wie eine Sinfonie komponiert. Musik und Dichtung vermögen "einander zu erkennen", erhellen sich und treiben sich gegenseitig voran.
- Musik und Dichtung
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Ingeborg Bachmann war bis zu ihrem Tod mit dem Komponisten Hans Werner Henze befreundet: eine produktive Freundschaft, eine Ergänzung von Musik und Dichtung, die von großer gegenseitiger Bewunderung getragen war. Bachmann verfasste die Libretti zu Henzes Opern "Der Prinz von Homburg" und "Der junge Lord". Bachmanns Gedichtzyklus "Lieder von einer Insel" und das Hörspiel "Die Zikaden" sind inspiriert von ihren Besuchen bei Henze in Italien. Zum Hörspiel wiederum schreibt Henze die Musik. Als Bachmann, nach der Trennung von Max Frisch, Anfang 1963 Henze dringlich um Hilfe rief, kam er sofort zu ihr an den Zürichsee, fuhr mit ihr durch Italien und gab ihr freundschaftlichen Halt.
- "Denken ist solitär"
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Vielleicht besteht ein Reiz der Künstlerexistenz gerade in seiner Rätselhaftigkeit, Widersprüchlichkeit, Nichtfestlegbarkeit und Vielfalt. So bleibt auch bis zuletzt das Bild der Bachmann rätselhaft: das Bild einer Dichterin in Rom, die sich dort politisch engagiert, die im Süden das "Erleichternde, das Lösende, Lebbare" erfährt. In diesem "Erleichternden" des Süden jedoch arbeitet sie an ihrem Todesarten-Zyklus, und in all der Finsterkeit des Todesarten-Zyklus fängt sie an, auch "komische Geschichten" von Frauen zu schreiben. Dass die Menschen in einer "Mordgesellschaft" leben, ist lange bekannt, und doch wird Ingeborg Bachmann sich von ihrer großen Utopie nicht lösen: „Man stirbt ja auch nicht wirklich an Krankheiten. Man stirbt an dem, was mit einem angerichtet wird“, sagt sie 1971 in einem Interview. Und spricht, wieder, von dem seltenen Genie der Liebe: "das erwirbt man sich nicht, deshalb hat es etwas Verbrennendes". – Ein letztes und ausführliches Interview gibt sie in Rom, wenige Wochen vor dem Unfall, der ORF-Mitarbeiterin Gerda Haller. Darin deutet sich wiederum die Möglichkeit einer zwar illusionslosen, dabei aber freien und offenen Existenz an, wenn Ingeborg Bachmann z.B. sagt: "Zugegeben, dass man hier aufhört, die Dinge allzu ernst zu nehmen; denn in 2500 Jahren ist viel Wasser den Tiber hinuntergelaufen, und das weiß hier wirklich jeder. Vor das Leben ist das Wort Pazienza geschrieben, also Geduld, Geduld. Hier sind Krisen, Staatskrisen, private Krisen, eher Kinderkrankheiten. Die Leute wissen schon, dass man einfach miteinander auskommen muss. Zugegeben, ich habe hier erlernt, mit den anderen auszukommen. Ich habe es wieder erlernt, aber ich gebe auch zu, wenn die Tür zufällt zu dem Zimmer, in dem ich arbeite, dann gibt es keinen Zweifel: Denken ist solitär."
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