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Bayerischer Rundfunk

10.02.2010


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Kultur



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Kabarett im Bayerischen Rundfunk Köpfe, Bretter und wie sie zueinanderpassen

Ausgerechnet am 1. April hatte Karl Valentin seinen ersten Auftritt im Rundfunk. 1927 trat er in der "Deutschen Stunde in Bayern" auf. Damals erlebte das Kabarett seine erste Blüte. Die dritte bahnt sich gerade an. Beim Bayerischen Rundfunk ist Kabarett heute präsenter denn je.

Illustration: Mehrere Kabarettisten auf einer Bühne

Bei manchen Sachen muss man genau sein. Es heißt nicht Ballon fliegen, sondern Ballon fahren. Es heißt auch nicht Kabarä, sondern Kabarett. Mit Doppel-T, wie Brettl. Kabarä ist das mit den schönen Damen mit den Beinen. Kabarett funktioniert auch ohne Damen und sogar, wenn man eine Nase hat wie Georg Ringsgwandl oder Wadl wie Ottfried Fischer. Comedy heißt es übrigens auch nicht. Dafür reicht es schlechtestenfalls auch, wenn man nur die Nase vom Ringsgwandl oder Ottis Wadl hat.

Jahrhundertwende: Schwarze Kater und scharfe Richter

Früher mal hieß Cabaret nichts anderes als Kneipe. Wenn am Tresen außer Bier, Wein und Absinth noch anderes Geistiges geboten war, kamen die Gäste früher und gingen später.

Kabarettklassiker

Bild vergrößern Bildunterschrift: Rauchen, Poussieren, Politik: Le Chat Noir in Paris

Um 1880 merkten das, zuerst in Paris, immer mehr Wirte. Fasziniert von den Darbietungen des Pariser "Le Chat Noir" eröffnete, pünktlich zum Start des 20. Jahrhunderts, Ernst von Wolzogen in Berlin das erste deutsche "Überbrettl." Binnen weniger Jahre erwuchs ihm starke Konkurrenz.

Kabarettklassiker

Bild vergrößern Bildunterschrift: Strick, einer der "Elf Scharfrichter", bei der Premiere des Schwabinger Kabaretts Zwiebelfisch

In München und Wien waren Musikanten und Coupletsänger in den Bierhallen und Beisln schon lang Teil des Spiels gewesen. Jetzt kaperte die Bohème die alte Tradition, um sie literarisch-dramatisch aufzurüsten und politisch nachzuladen. Otto Falckenberg, nachmals Leiter der Münchner Kammerspiele, wirkte mit seinen Hackebeil-bewehrten "Elf Scharfrichtern" für ein paar Jahre stilbildend; heute residiert eine der besten bayerischen Kabarettbühnen in Passaus Scharfrichterhaus.

Goldenen 20er, braune 30er

Die 20er-Jahre sahen den ersten Boom von Kleinkunst und Kabarett. Auf der Bühne vereinigten sich Clowns und Dichter, Volkssänger und Politprovokateure zu schnell wechselnden, aber lang nachwirkenden Ensembles. Das neue Medium Rundfunk wirkte mit.

Kabarett im Münchner Vorkriegs-Rundfunk
Teaserbilder BR-Geschichte

Die Deutsche Stunde in Bayern. Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung mit beschränkter Haftung sendete ab 1924 Premieren am laufenden Band in die Empfangsgeräte, die anfangs meist in Hörstuben standen. Man lauschte: Den ersten Nachrichten, der ersten Opernübertragung ("Lohengrin"), der ersten Sportreportage (Eishockey), dem ersten Zeitzeichen. Und den ersten Unterhaltungskünstlern.

Weiß Ferdl trat im Februar 1925 erstmals im Funk auf, Karl Valentin debütierte am 1. April 1927. Die Bühnenberühmtheit Joachim Ringelnatz wurde 1928 wegen eines "anstößigen Kinderbuchs" als Rundfunkautor geschasst: Politisches und/oder Provokantes waren weniger erwünscht, nach 1933 erst recht nicht.

Otto Reutter und Claire Waldoff in Berlin, Karl Valentin und Weiß Ferdl in München erregten Aufsehen über die Grenzen Deutschlands hinaus. In Schwabing knüpften der "Alte Simpl" und "Zwiebelfisch" an die Tradition der Scharfrichter an. 

Erika Mann in der "Pfeffermühle"

Bild vergrößern Bildunterschrift: Erika Mann in der "Pfeffermühle": Das Stück hieß "Kaltes Grauen"

Eine frühe Supergruppe des Kabaretts hätte die Münchner "Pfeffermühle" werden können, bei der neben Klaus und Erika Mann auch Therese Giehse und Sibylle Schloss und als Texter Walter Mehring und Wolfgang Koeppen mitwürzten. Die kurze Lebenszeit der Truppe erklärt sich mit ihrem Gründungsdatum: 1. Januar 1933.

Danach war Kabarett ein Trauerspiel von Verfolgung, Anpassung und Emigration. "Lerne lachen ohne zu weinen", schrieb Tucholsky, bevor er sich 1935 im Exil das Leben nahm. Für die Dagebliebenen hieß das: Lerne lachen ohne zu denken.

Nachkrieg: Das Kabarett des "Nie wieder!"

Irgendwas aber muss im Keller überlebt haben. Praktisch aus den Schützengräben und Trümmern stiegen die Kabarettisten nach 1945 auf die wieder zusammengeflickten Bühnen - Brettl hatte jetzt eine dritte Bedeutung. Mit neuem Lebenshunger und der bangen Hoffnung, nicht nochmal miterleben zu müssen, was man einst nicht verhindern konnte, arbeiteten alte Helden wie Werner Finck mit jungen Talenten wie Dieter Hildebrandt und Wolfgang Neuss für die Demokratie.

Kabarett im Bayerischen Rundfunk
Teaserbilder BR-Geschichte

Wer die Kabarett-Stars nicht auf der Bühne sah, kannte doch meistens ihre Stimmen - aus dem Radio. Die "Hauptabteilung Unterhaltung" des neuen Bayerischen Rundfunks pflegte damals: opulente "bunten Abende", für die man mit großem Orchester, Conferenciers und Komödianten wie Adolf Gondrell und Heinz Erhardt durch Stadthallen und Kursäle tingelte, dazu volkstümliche, aber keineswegs harmlose Dorfwirtschafts-Brettl mit Mundartkünstlern wie dem "Drehorgelbürgermeister" Roider Jackl und "Ratschkatl" Ida Schumacher; schließlich Kabarett im brisanteren Sinn.  

Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben auch

Die ambitionierte und mit 700 Plätzen auch großdimensionierte "Schaubude" in der Reitmorstraße kam dem Erfolg zuvor: Noch sendete der Ü-Wagen – live und ohne Mitschnitt - für eine überschaubare Zahl von Hörern. Die Währungsreform brach dem Kabarett das Genick. Der BR suchte und besuchte neue, oft studentische Ensembles in wechselnden Etablissements – die "Namenlosen", die "Hinterbliebenen", die "Kleinen Fische" und die "Kleine Freiheit" -, über die Unterhaltungschef Rolf Didczuhn schrieb: "Sie vermehrten sich durch Teilung, bis sie nicht mehr existierten."

Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen

Kabarett war angesagt - auch im Fernsehen liefen die meist 90-minütigen Programme zur "Prime Time". Legendär wurde die satirischen Silvestergalas und die Reihe "Seifenblasen", bei der die Künstler aus einem Seifenblasenvorhang auftauchten und wieder verschwanden. Und natürlich die 19 Programme von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Dass Bayerns Regierungspartei das zuvor meist "nicht mal Ignorierte" desöfteren zum Anlass nahm, zu intervenieren, konnten die jetzt TV-prominenten Satiriker als Ritterschlag betrachten.

Bildergalerien

zum Thema: Brettlgeschichte - Von Fincken und Stachelschweinen Brettlgeschichte Von Fincken und Stachelschweinen

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Manchmal ist Lächeln und Zähne zeigen eins. Die Nachkriegsjahre des Kabaretts jedenfalls waren die Fruchtbarsten überhaupt. Dabei waren die Bedingungen am Anfang schlecht: Die Künstler hungrig, das Publikum pleite, die Polizei misstrauisch. [Bildergaleriemehr] zum Thema: Brettlgeschichte - Von Fincken und Stachelschweinen

zum Thema: BR-ettlgeschichte - Menschen, Pointen, Mikrofone BR-ettlgeschichte Menschen, Pointen, Mikrofone

zum Thema: BR-ettlgeschichte - Menschen, Pointen, Mikrofone Nachkriegskabarett im BR

Die Technik war marode, die Zahl der Radiohörer begrenzt, und der vormalige Feind - die Besatzungsbehörde - hörte mit. Der Hunger nach Unterhaltung aber war so groß wie die Zahl der Talente - vom Volkssänger bis zur Edelfeder. [Bildergaleriemehr] zum Thema: BR-ettlgeschichte - Menschen, Pointen, Mikrofone

Volk statt Volksvertreter: das Figurenkabarett der 70er

1969 war Willy Brandt Bundeskanzler und das Kabarett in der Krise. Schon 1957 hatte Friedrich Holländer in seiner  "Spötterdämmerung" geunkt, die Bonmots begännen zu rosten. Jetzt galten die bisher als links verschrienen Satiriker den einen als lasche Witzbolde, den anderen als dröge "Gutmenschen". 

Gerhard Polt

Bildunterschrift: Gerhard Polt

Die Besten unter den Kabarettisten waren da schon weiter als ihre Kritiker: Künstler wie Sigi Zimmerschied oder Gerhart Polt schauten lieber dem Volk als seinen Vertretern aufs Maul, schlüpften in unterschiedliche Rollen, um das Zeitgeschehen zu kommentieren - oft im Dialekt. Polts "Fast wia im richtigen Leben" wird im Bayerischen Fernsehen ein Riesenerfolg.

Comedy überspült Kabarett

Ende der 90er Jahre wurde das politische Kabarett dennoch von der Comedy-Welle überspült und durchgerüttelt. Nicht immer zu seinem Schaden: Mittlerweile bedienen sich "die Politischen" bei der Konkurenz. Die Gagdichte ist höher, das Niveau nicht unbedingt. Dafür wird das Publikum vielköpfiger und jünger. Die Szene auch. Und: Auftritte im Ensemble feiern ein Comeback. Das Erste Deutsche Zwangsensemble - bestehend aus Philipp Weber, Mathias Tretter und Claus von Wagner, drei Herren Anfang 30 - feiert sowohl im Team als auch einzeln große Erfolge. Um mit Berti Vogts zu sprechen: Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.

Die neue Unübersichtlichkeit

Dieter Hildebrandt

Bildunterschrift: Dieter Hildebrandt

Als Dieter Hildebrandt seinem Kabarett-Kollegen Mathias Richling die Nutzung des seit 1980 eingeführten Sendungsnamens "Scheibenwischer" untersagte, waren die Reaktionen gespalten. Hildebrandt argumentierte, das, was Richling mit der Sendung vorhätte, sei nicht mehr Kabarett - Richling hatte angekündigt, auch Comedians in der monatlichen Sendung im Ersten auftreten zu lassen. Für den Altmeister eine Themaverfehlung; die jungen Kollegen sehen das weniger eng. Sie verbinden Politik verstärkt mit Zwischenmenschlichem wie dem Kommunikationschaos zwischen Männlein und Weiblein. Und zeugen dem Kabarett damit neue Fans.

Es ist viel passiert

Die "Nürnberger Kabaretttage" - seit einem Vierteljahrhundert Zentralinstanz für Kabarettvermittlung in Franken - können es sich inzwischen leisten, eine Pause einzulegen: so groß ist die Zahl der Festivals zwischen Ansbach, Bamberg, Hof, Roth, Kissingen und Schweinfurt geworden.

Organisatorin Ulrike Mendlik: "Es ist viel passiert in 25 Jahren. Das Publikum ist jünger geworden. Neue Künstler etablieren sich in Waschsalons und Poetry Slams, manche wie René Marik und Marc-Uwe Kling werden auf YouTube über Nacht zu Stars. Wir waren überrascht, wie viele junge Leute für Klings Gastspiel Schlange standen. Einige hatten ihre Eltern mitgeschleppt." Im Bayerischen Rundfunk gibt es zurzeit über ein Dutzend Sendungen von und mit Kabarettisten - mehr denn je zuvor.

VideoVideo Größer

Einblick vom 1. März 2009: Kabarett im FernsehenVon nichts kommt nichts. Das Bayerische Fernsehen hat Erfolg mit guter Comedy. 

Weiter mit: Michael Altinger
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