Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, IZI

Ausgabe: 13/2000/2 - TEXTAUSZUG:


Ursula von Zallinger und Kirsten Schneid

Trends im internationalen Kinder- und Jugendfernsehen

PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL 2000


Der Einfluss von Kindern auf Programmgestaltung und -produktion wächst weltweit. Packende Themen für Jugendliche werden rar.

PRIX JEUNESSE 2000: Wieder ein Rekordfestival, mit noch mehr Beiträgen und Teilnehmern aus noch mehr Ländern als je zuvor. Und erfolgreich dazu!

Erfreulich vor allem die hohe Qualität der Programme: Viel Neues und mehr Humor. Interessante visuelle Mischformen, neue Techniken, aber auch klassisches Geschichtenerzählen. Und Geschichten erzählt aus der Perspektive der Kinder. Beeindruckend auch die schauspielerischen Leistungen von Kindern, die sichtbar liebevoll von ihren Regisseuren betreut waren.

Viel Diskussionsstoff also für die Teilnehmer, die sich regelmäßig nach den Vorführungen zu ihren Gruppendiskussionen getroffen haben; und kaum jemand wollte diesen so wichtigen Erfahrungsaustausch unter Kollegen verpassen. Die täglichen Sitzungen waren regelmäßig überfüllt. Wann hat man schon Gelegenheit, mit Kolleginnen und Kollegen aus über 60 Ländern der Welt Kinderprogramm zu diskutieren?!

Teilnehmer, die am Anfang vielleicht noch mit Scheuklappen schauten und diskutierten, legten diese jedoch schnell ab. Denn mit ihren Hintergrundinformationen zu den eingereichten Sendungen haben die Macher ihnen Augen und Ohren geöffnet. Nicht wenige von ihnen sind mit neuen Ideen und Anregungen, aber auch mit wichtigen Kontakten nach Hause gefahren.

Patricia Arriaga aus Mexiko, die Chef-Moderatorin des PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL 2000, hat die wesentlichen Trends im Folgenden für uns zusammengefasst.

  • Mehr innovative Programme und interessantere Programmkonzepte
  • Fernsehen und Computer vermischen sich mehr und mehr: Fernsehsendungen haben häufig eine eigene Webseite; Computer sind in die Programminhalte integriert.
  • Kinder sind immer öfter selbst die Macher: Mit einem bestimmten Grundwissen in Produktion und Technik drehen sie ihre eigenen Geschichten.
  • Es gibt wieder mehr Humor im Kinderfernsehen. Aber auch schwierige Themen und Tabus werden wieder öfter angegangen. Der Trend geht in Richtung, Kinder emotional anzusprechen.

Die genannten Trends gelten vor allem für Programme der Altersgruppe 6 bis 11 Jahre, also jene Zielgruppe, die auch für die Macher die wichtigsten Adressaten sind.

Die 11- bis 15-Jährigen

Bei den 11- bis 15-Jährigen liegen die Dinge ein bisschen anders. Emotional packende Geschichten für die Älteren? Fehlanzeige! Auch wenn diese Altersgruppe tiefe, konfliktbeladene Gefühlsprozesse durchlebt in den Programmen spiegelt sich das so nicht wider. Gehen die Programm-Macher davon aus, dass diese Altersgruppe bereits an Sitcoms, Sport und MTV verloren gegangen ist ?

Trotzdem gab es einige starke Sendungen mit guten Scripts und innovativem Erzählstil für diese Altersgruppe zu sehen. Im Bereich Fiction zum Beispiel das Siegerprogramm "Microsoap" von der BBC: Eine Serie über Scheidungskinder und ihre Kämpfe mit den neuen Partnern der Eltern verpackt mit viel Humor und Spezialeffekten. Die Serie ist in Großbritannien mit Marktanteilen von bis zu 40 Prozent überaus erfolgreich.

Die zweitplazierte Sendung "Die Geheimnisse von Kineret" (Keshet Television, Israel) ist eine Kriminalgeschichte, die die klassischen Zutaten dieses Genres gekonnt mit neuen Techniken verknüpft: Das Mädchen Kineret verliert seinen Vater bei einem Autounfall. Seitdem weigert Kineret sich, zu sprechen. Geheimnisvolle E-mail-Boschaften eines Unbekannten suggerieren ihr, dass ihr Vater noch lebt.

Das drittplazierte Programm "Off Limits Strong Language" von Channel Four, London, ist ein ergreifendes Drama über ein taubstummes Mädchen und seinen Kampf um Würde und Selbständigkeit.

Die Kategorie Non-Fiction für 11- bis 15-Jährige wurde als die schwächste des ganzen Festivals bewertet. Im Gegensatz zu früheren Wettbewerben wurden deutlich weniger kontroverse Themen vorgestellt. Ob das wohl daran liegt, dass für den Wettbewerb 2000 diese Altersgruppe von 12 bis 17 auf 11 bis 15 Jahre verjüngt wurde?

Trends

Als klarer Trend lässt sich erkennen, dass Kindern mehr und mehr die kreative Rolle in ihren eigenen Programmen zugewiesen wird. Auch wenn es bei früheren Wettbewerben immer wieder Beispiele dafür gegeben hat, so ist in diesem Jahr das hohe Niveau der Produktionen aufgefallen. Man scheint sich intensiver um die Ausbildung der jungen Programm-Macher zu kümmern, bevor man sie an die Kameras heranlässt.

Thema einiger Programme für diese Altersgruppe war die kulturelle Identität. Anscheinend traut man eher den Älteren zu, sich mit diesem wichtigen Thema auseinanderzusetzen. In den Programmen für die Kleineren kam dieser Ansatz kaum vor.

Das Siegerprogramm in der Kategorie Non-Fiction war "Sale" von Sveriges Television, Stockholm. Dieses Verbrauchermagazin mit 10- bis 13-jährigen Reportern nimmt die Warenwelt kritisch und witzig unter die Lupe. Das Format ist frisch, innovativ und interaktiv: Ein Großteil der Beiträge beruht auf Vorschlägen, die von den jungen Zuschauern per E-mail an die Redaktion geschickt werden.

Auch bei der zweitplazierten Sendung "Race Around the Corner" (Australian Broadcasting Coporation) sind die Kids die Macher: Teenager drehen kurze, witzige Dokumentationen aus ihrem Alltag. In Teams treten sie mit ihren Produktionen gegeneinander an. Eine Studiojury bewertet die Ergebnisse. Zu gewinnen gibt es eine Traumreise. Das nötige Know-how bekommen die jungen Dokumentarfilmer vorher beigebracht; die Ergebnisse sind absolut professionell.

Auf den dritten Platz wurde das britische Magazin "Nick News" von Nickelodeon/UK gewählt: Ein schnelles, hippes Magazin, durch das junge Reporter führen. Die Berichte beruhen auch hier auf Ideen und Anregungen der Zielgruppe.

Die Kinderjury

Zum ersten Mal gab es beim PRIX JEUNESSE eine Kinderjury, die unabhängig von den erwachsenen Teilnehmern ihre Siegerprogramme ausgewählt hat. Die junge Jury, die aus Münchner Schulklassen und einer kleinen "Spezialjury" von 15 Kindern zusammengesetzt war, sah sich alle Fiction und Non-Fiction-Programme für die Altersgruppe 11 bis 15 Jahre an. Ihre Resultate unterschieden sich teilweise recht deutlich von denen ihrer erwachsenen Kollegen.

Im Bereich Fiction wählten die Kinder "Die Geheimnisse von Kineret" zum Sieger, der bei den Erwachsenen auf den zweiten Platz kam.

Überraschend aber war das Ergebnis in der Non-Fiction Kategorie: Hier siegte ein Programm, das bei den Erwachsenen erst an achter Stelle rangierte: "Die große Schatztruhe für die Kinder der Zukunft: Tibet" eine Dokumentation über tibetische Flüchtlingskinder im indischen Dharamsala und ihre Wünsche für die Zukunft. Diese unterschiedliche Wertung hat doch etwas erstaunt. Unterschätzen die Erwachsenen den Wissensdurst von Kindern, ihr Interesse an fremden Ländern und ihren Kulturen?

Das Experiment mit der Kinderjury war spannend und lehrreich für alle Beteiligten. Ganz sicher wird es beim nächsten PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL eine Fortsetzung geben.



DIE AUTORINNEN
Ursula von Zallinger ist Generalsekretärin der Stiftung PRIX JEUNESSE.
Kirsten Schneid ist Organisationsleiterin PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL.


INFORMATIONEN
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