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Dr. Maya Götz
Wie
gehen Kinder mit Schloss Einstein um?
Im Rahmen der
Studie "Bedeutung von Soap Operas im Alltag von Kindern und Jugendlichen"
wurde eine Teilstudie zur Kinder-Weekly Schloss Einstein durchgeführt.
Mit 392 Grundschulkindern wurde über die Serie in Gruppen diskutiert
und in Einzelinterviews 40 regelmäßige Einstein- Seherinnen
und -Seher befragt. Dieses empirische Material ermöglicht qualitative
Aussagen darüber, was Kindern an Schloss Einstein gefällt,
was es für sie auf einer tieferliegenden Ebene bedeutet und
wie die Sendung unter Gleichaltrigen und in der Familie diskutiert
wird.
Die derzeitige Lieblingssendung der Grundschulkinder
ist Pokémon, Schloss Einstein folgt mit viel Abstand auf
dem 2. Platz
Eindeutig die Lieblingssendung ist Pokémon
(RTL 2). In allen Klassenstufen, sowohl bei den Jungen als auch
bei den Mädchen, gaben die Kinder Pokémon als
ihre Lieblingssendung an. Mit viel Abstand folgen Schloss Einstein
vor Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Big Brother.
Hohe Akzeptanz von Schloss Einstein bei
Kindern und Eltern
Bei Grundschulkindern und ihren Eltern hat
Schloss Einstein eine ausgesprochen hohe Akzeptanz. In den
Gruppendiskussionen äußerten sich fast alle Kinder positiv
zur Serie. Alle Kinder in den Einzelinterviews gaben an, ihre Eltern
würden Schloss Einstein gut finden und befürworten,
dass sie die Serie sehen. Damit unterscheidet sich Schloss Einstein
in der Akzeptanz deutlich von den Daily Soaps und Big Brother.
Das entscheidende Merkmal von Schloss
Einstein: Kinder spielen die Hauptrolle
Die Kinder nehmen Schloss Einstein
als eine Sendung wahr, die gezielt für sie produziert wurde.
Das entscheidende Merkmal ist, dass Kinder die Hauptrollen spielen.
Wie die Einzelinterviews ergaben, sind die beliebtesten Figuren
Nadine und Oliver, gefolgt von Alexandra und Budhi.
Schloss Einstein macht Spaß
Kinder nehmen Schloss Einstein als
eine Sendung wahr, bei der sie viel lachen können. Das heißt,
das ihnen besonders die witzigen Momente der Serie Spaß machen.
Überraschenderweise gehören dazu nicht nur der Comedy-Strang,
sondern auch viele relativ unspektakuläre Szenen und kleine
Geschichten, wie zum Beispiel die, als Katharina den Budhi vor den
Augen ihres Vaters überraschend küsst. Über das "komische
Gesicht", das der Junge machte, lachten die Kinder noch Stunden
nach der Sendung.
Erste Liebe ist spannend, aber nur in
einer kindhaften Form. Konkretes um Sexualität passt für
Kinder nicht zu Schloss Einstein
Für Mädchen und Jungen ist die
Ergänzung der lustigen Szenen und des Abenteuerstrangs mit
erster Liebe etwas sehr Attraktives. Es sind jedoch ausgesprochen
kindhafte Zugänge zum Thema Erotik und Sexualität. Sie
sprachen vor allem die Szenen und kleinen Geschichten mit romantischer
Spannung über die aufregenden Momente eines ersten Interesses
aneinander an.
Kritische Anmerkung
Was Kinder bewegt, sind weniger konkrete Sachthemen (Zungenkuss,
Verhütung etc.). Dies holen sie sich, wenn es sie interessiert,
aus anderen Medien (Bravo, Mädchen etc.). Von konkreten
Themen zur Sexualität fühlen sich insbesondere die Jüngeren
unangenehm berührt.
Abenteuerstrang ist wichtig, steht aber
nicht im eigentlichen Mittelpunkt
Der Abenteuerstrang gehört zu den "Basics"
der Rezeption. Das heißt, die Spannung, die die Kinder erleben,
wenn eine Bombe oder ein Schatz gefunden wird, ist für alle
wichtig und ein offensichtliches Motiv, die Sendung zu sehen. Auf
tieferliegender Ebene stehen die Abenteuer jedoch nur für einige
ältere Grundschulkinder (9 bis 10 Jahre) im Vordergrund.
Einzelne Figuren sind wichtig, sind aber
nur bei wenigen der eigentliche Grund, die Sendung zu sehen
Für alle Kinder ist es wichtig, dass
Kinder und Jugendliche die Hauptrollen spielen. Für einige
wenige waren ganz spezielle Figuren der Hauptgrund, die Sendung
regelmäßig zu sehen. In diesen Fällen sind es die
Figuren Nadine (Mädchen 9 bis 10 Jahre) und Oliver (Jungen
10 bis 12 Jahre), in denen die Kinder sich wiederfinden und die
sie sich als Vorbild nehmen.
Kritische Anmerkung
Ohne Frage sind die Figuren in Schloss Einstein gelungen
und typisieren eine größere Bandbreite an Charakteren,
als sonst in weiten Teilen des Kinderprogramms üblich. Dennoch
wäre an einigen Stellen die Erweiterung klassischer Stereotypen,
z.B. die Wissenschaftlerin (Alexandra), die Sozialkompetente und
Attraktive (Nadine), zu wünschen. Kinder nehmen diese Stereotypen
wahr, nutzen sie auch so wie sie sind. Aus pädagogischer Perspektive
wäre es jedoch zu wünschen, den Figuren noch mehrere Variationen
zuzugestehen und (Geschlechter-)Klischees zu erweitern bzw. zu überwinden.
Schloss Einstein ist etwas Eigenes, eine
Welt, die nicht den Erwachsenen zugeordnet und nicht mehr Kleinkinderprogramm
ist.
Für einige ältere Grundschulkinder
(10 bis 11 Jahre) war Schloss Einstein vor allem deswegen
besonders bedeutsam, weil es ihnen eine eigene Welt bietet. Die
Eltern finden es gut, dass sie die Sendung sehen; sie selbst sehen
sich aber nicht unbedingt die Sendung mit an. Die Kinder genießen
es, dass Schloss Einstein keine Serie für "ganz Kleine"
(genannt: Teletubbies), keine ausschließliche "Witzesendung"
(genannt: verschiedene Zeichentrickangebote) und nicht nur Abenteuersendung
(z.B. Pfefferkörner) ist. Es ist eine Serie, die die
Kinder als gezielt für ihre Altersgruppe produziert wahrnehmen
und die "einen Raum speziell für sie" bietet. Eingebunden in
den verlässlichen Kontext einer Kindermedienwelt haben sie
hier etwas, wo sie sich, mit dem Einverständnis der Eltern,
ihre konkreten jetzigen oder bald kommenden Alltagsprobleme ansehen
können.
Vom ästhetischen Stil bietet es eher den "Unauffälligen"
(Kinderwelten 2000) etwas. Die anderen (vor allem Mädchen)
finden sich hier eher im Umfeld von Gute Zeiten, schlechte Zeiten
wieder und geben diese Daily Soap als ihre Lieblingssendung an,
sehen aber trotzdem manchmal gerne Schloss Einstein.
Für die meisten Kinder ist das "Grundsetting
Internat" der eigentliche Grund, warum sie sich für die Serie
begeistern
Für die meisten der Kinder (von 6 bis
14 Jahren) ist das eigentliche Motiv, die Serie zu sehen, das "Grundsetting
Internat". Hier sind Kinder unter sich, müssen gemeinsam ihre
Probleme lösen und ihren Alltag gestalten. Besonders der aufregende
Schulalltag mit seinen kleinen Szenen von Streichen und lustigen
Situationen ist das tieferliegende Moment, warum Kinder (schwerpunktmäßig
1. und 4. Klasse) sich für die Sendung begeistern. Besonders
willkommen sind Geschichten, in denen Kinder sich zusammenschließen
und dabei die Annäherung an das andere Geschlecht unauffällig
möglich wird. Andere Szenen, die Kinder begeistern, sind diejenigen
Sequenzen, in denen speziellen Kompetenzen (z.B. Internet, Sport)
bewiesen werden. Das Internatssetting, zum Teil von den Kindern
in den intertextuellen Kontext zu Harry Potter und Hanni
und Nanni gestellt, symbolisiert ein Grundgefühl des Schulkinderalltags.
Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Familie, sondern die Auseinandersetzung
unter Gleichaltrigen. Dabei sind die Kinder in ihren Problemen und
Erlebnissen auf sich selber gestellt. Erwachsene bieten nur den
Rahmen und sind manchmal selbst Anlass für Probleme; vor allem
aber sichern sie, dass keine wirklich verletzenden Übergriffe
möglich sind.
Mit welchen Phantasien und Träumen
ist Schloss Einstein verbunden?
Gelingende Freundschaft
Für viele ist Schloss Einstein mit dem Traum von gelingender
Freundschaft und Klassengemeinschaft verbunden. Wichtig ist, dass
die Kinder "nicht gleich prügeln", sondern "das irgendwie wieder
hinbekommen" und "eine Klasse immer ganz doll zusammenhält".
Schloss Einstein ordnen die Kinder als ein Medium ein, in
dem gelingende Freundschaft vorgelebt wird. In den Aussagen der
Kinder wird deutlich, dass die Sendung mit Gefühlen und Fantasien
von Geborgenheit und Integration verbunden ist.
Alles wird am Ende gut
Wichtig ist dabei, dass die Sendung nichts wirklich Schreckliches
zeigt. Aus der Perspektive der Kinder ist Schloss Einstein eine
Sendung, die "nicht so Drama und Drogensucht" behandelt und "kein
Horror und so" gezeigt wird. In den Fantasien deutet sich an, dass
Schloss Einstein mit positiven Bildern einer aufregendem,
aber trotzdem zu bewältigenden Alltagswelt verbunden ist.
Kritische Anmerkung
Die Szene, in der Aram verletzt wurde und Blut zu sehen war, überschritt
für jüngere Kinder diese Grenze. Die Kinder von Schloss
Einstein dürfen Abenteuer erleben, auch mal in Gefahr sein.
Blut und sichtbare Verletzungen können vor allem die jüngeren
Grundschulkinder erschrecken.
Probleme und Ängste kann man angehen
Mehrere Kinder berichteten, sie würden häufig von Schloss
Einstein träumen. Bewegende Szenen aus der Serie werden
hier mit eigenen Ängsten verbunden. In den Träumen ist
Schloss Einstein kein isolierter Rückzugsraum, sondern
ein Ort, an dem die Kinder ihre Probleme mitnehmen und es ihnen
- zumindest im Traum – gelingt, einige Dinge positiv zu regeln.
Häufiger bleiben die Träume aber auch ohne angebahnte
Lösung. Hier wäre es zu wünschen, den Kindern noch
mehr Problemlösestrategien für die sie bewegenden Probleme
im Bereich des Miteinander unter Kindern (von anderen Jungen bedroht
werden, ausgeschlossen sein etc.) anzubieten.
Schloss Einstein trifft die Themen der
Kinder
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
Schloss Einstein die konkreten Themen der Kinder trifft.
Vor allem bestimmte Szenen (z.B. das Bremsen von Oliver auf dem
Fahrrad) und kleine Geschichten (Kinder schleichen sich über
den Boden heimlich in die bereits laufende Schulstunde) sind Kindern
wichtig. In bestimmten Handlungssträngen, wie die Geschichte
des Jungen oder Katharina, die von ihrem Vater verlassen wird, gelang
es der Serie, konkrete Kinderthemen zu symbolisieren. Insofern ist
Schloss Einstein nicht nur Spaß, sondern bietet auch Räume
für Fantasien und bahnt einen aktiven Umgang mit Problemen
an.
Resümee
Für Kinder ist das Wichtigste bei Schloss
Einstein, dass hier Kinder die Hauptrollen spielen. Sie nehmen
Schloss Einstein als eine Serie wahr, die gezielt für
sie produziert wurde. Zusammen mit den Schloss Einstein-Schülerinnen
und -Schülern erleben sie Abenteuer und Schulalltag. Besonders
die witzigen Momente der Serie machen ihnen viel Spaß. Kinder
finden sich in Schloss Einstein mit ihren Themen wieder,
fühlen sich emotional geborgen und haben das Gefühl eines
positiven Gewinns für ihren Alltag. Während es in der
Rezeption von Gute Zeiten, schlechte Zeiten für Kinder
und Jugendliche eher um Vorbilder eines Lifestyles geht und bei
Marienhof übergeordnete Ideale im Vordergrund stehen,
finden sie in Schloss Einstein ihre konkreten Themen wieder.
Dies eröffnet kindgemäße Fantasieräume; bei
Schloss Einstein sind dies Abenteuer und Spaß im Alltag
sowie gelingende Freundschaft. Damit liegt die Serie von der Bedeutung
für Kinder sehr viel dichter am Kinderfilm als an der Daily
Soap.
PROJEKT |
Die vorliegende Zusammenfassung ist das
Ergebnisse einer Teilstudie aus dem Forschungsprojekt
"Bedeutung von Soap Operas im
Alltag von Kindern und Jugendlichen"
Im Mittelpunkt des Gesamtprojektes steht
eine Befragung von 401 Kindern und Jugendlichen, die regelmäßig
Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Marienhof, Verbotene
Liebe, Unter Uns, Schloss Einstein und Big
Brother sehen. In einem Fragenkatalog werden Themenbereiche,
wie Figuren und Inhalte der Serien, die soziale Einbindung der Rezeptionssituation
in Familie und Alltag, Folgekommunikation sowie Fantasien und Träume,
die mit den Serien verbunden sind, abgefragt. Die Formulierung der
Fragen ist bewusst offen gehalten und soll den Kindern und Jugendlichen
Räume bieten, um ihre jeweiligen Präferenzen und Perspektiven
zu artikulieren. Während die Jugendlichen (14 bis 19 Jahre)
den Fragebogen alleine ausfüllten, fand bei den Kindern (6
bis 9 Jahre) und Pre-Teens (10 bis 13 Jahre) dies in Face-to-Face-Interviews
statt. Die Auswertung der Befragung findet auch quantifizierend
statt, der Schwerpunkt liegt jedoch in der qualitativen Auswertung.
Neben antwortvergleichend Auswertungen, geht es um die Herausarbeitung
der individuellen Bedeutungskonstitution, an der sich typische Medienaneignungsmuster
und Funktionen der Serien zeigen. Ergänzt wird die Befragung
durch Gruppendiskussionen in Grundschule, Einzelfallstudien sowie
Medienanalysen und Untersuchung zu Soap-Fanclubs. Die Ergebnisse
der Gesamtstudie wurden am 12. Dezember 2000 auf der IZI-Tagung
"Irgendwo zwischen Marienhof, GZSZ und Schloss Einstein: Fernsehen
für die 10- bis 15-Jährigen" in München vorgestellt
und zusammenfassend in der Fachzeitschrift TELEVIZION
(HEFT 13/2000/2) veröffentlicht;
die Buchveröffentlichung folgt Mitte 2001.
PROJEKTLEITUNG |
Maya Götz, Dr. phil., ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin im Internationalen Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen, München.
maya.goetz@brnet.de
www.maya-goetz.de
© Internationales Zentralinstitut für das
Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) 2000, 2001.
Nachdruck oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit
ausdrücklicher Genehmigung des Herausgebers!
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