Gerhard Fuchs
Familienfernsehen in der
ARD
Die Messlatte der ARD
liegt hoch. Sie will ein "Voll"-Programm, in dem jedes Familienmitglied
eigene Sendungen findet, das aber auch zahlreiche Angebote macht,
die für die ganze Familie interessant sind.
Was
ist Familienfernsehen? In Abwandlung des legendären Satzes
von Gert K. Müntefering müsste die Antwort lauten: Familienfernsehen
ist, wenn Familien fernsehen. Doch, wie misst man eine "Familienquote"?
Sollte man das Etikett Familienfernsehen nur vergeben, wenn die
gesamte Familie schaut? Reicht es, wenn ein Teil der Familie schaut?
Muss ein gewisser Kinder- und/oder Elternanteil erreicht werden?
Programmstrategie der
ARD
Angebote, die von der ganzen
Familie angenommen werden, müssen die schwierige Aufgabe meistern,
über die sehr unterschiedlichen Ansprüche der Zielgruppen
hinweg für jeden etwas zu bieten. In der ARD gibt es eine Programmkoordination
Familienprogramm: Gibt also deren verantwortetes Programm einen
Eindruck des Genres Familienprogramm? Versammelt sind in dieser
ARD-Familienkoordination in erster Linie die Kinder-Fachredaktionen
der Häuser. Sie beschließen für die ARD neue Formate,
finanzieren diese teilweise gemeinschaftlich und planen auch die
Sendeflächen der Familienkoordination. Der Samstag- und der
Sonntagvormittag sind in erster Line bestückt mit Formaten
wie "Pumuckl", "Tigerenten Club", "Schloss Einstein", "Die Sendung
mit der Maus", "Simsalagrimm", "Die Augsburger Puppenkiste" – und
"Teletubbies". Alles ausgewiesene Kinderprogramme, die zwar Familien
vor dem Bildschirm zusammenbringen, aber dennoch eher in die Kategorie
Kinder- oder allenfalls Jugendprogramm passen. Eltern dürften
dieses Programm jedenfalls kaum ohne ihre Kinder anschauen. Umgekehrt
sieht es bei den weiteren Programmen der ARD-Familienkoordination
am werktäglichen Nachmittag aus: "Fliege", "WunschBox" und
die Tiersendungen haben vorwiegend ältere Zuschauer.
Die ARD versucht im Gegensatz
zu den zielgruppenfixierten, werbefinanzierten Sendern, möglichst
alle Altersgruppen anzusprechen. Familienprogramme sind für
uns alle Programme, die jedes einzelne Familienmitglied aus eigenem
Anreiz heraus anschauen möchte. Umgekehrt könnte man aber
auch definieren, dass Familienprogramm sich dadurch auszeichnet,
dass alle Familienmitglieder dieses Programm ohne Einschränkung
oder Gefahr konsumieren könnten, quasi ein erweitertes FSK-Siegel.
Wie beim öffentlich-rechtlichen Kinderprogramm sollte dann
gelten: Ein Programm, das Spaß macht und möglichst anregt,
aber auf Gewaltdarstellungen und Werbeblöcke verzichtet. Damit
wären aber bereits qua Definition etliche Formate ausgeschlossen,
die sich im werbefinanzierten Fernsehen einer ordentlichen Akzeptanz
auch bei der "Familien"-Zielgruppe erfreuen, beispielsweise "Die
Stunde der Wahrheit" oder "Wer wird Millionär?".
Lässt man einmal den
aus öffentlich-rechtlicher Sicht wünschenswerten Verzicht
auf Werbung außen vor, so sollte dennoch für alle von
Kindern genutzten Programme gelten, dass bestimmte Mindestanforderungen
an die Sendungen eingehalten werden, so der Verzicht auf explizite
Gewalt- oder Sexszenen. Umgekehrt ist es auch für den Programmplaner
ratsam, die Angebote für die ganze Familie so zu gestalten,
dass die Eltern sich mit ruhigem Gewissen für das gemeinsame
Fernsehen mit den Kindern entscheiden können.
TV-Formate für die Familie
Die gegenwärtigen TV-Hits
für die ganze Familie sind jene Formate, die von Erwachsenen
und Kindern gleichermaßen gesucht – und viel wichtiger: verstanden
werden. Familienprogramm bedeutet nicht, dass Kinder gelangweilt
das Erwachsenenprogramm kaum wahrnehmen und eigentlich nur die Atmosphäre
des familiären Zusammenseins suchen – wobei das Fernsehen eigentlich
nur stört. Verstanden werden bedeutet aber auch, dass von Familien-Formaten
im Großen und Ganzen kein Tiefgang erwartet werden darf. "Flimmo",
der TV-Ratgeber für Eltern, wirbt mit dem Hinweis: "Showzeit
ist Familienzeit"1. Fernsehshows
vereinten die Familie vor dem Apparat, und das, obwohl heutzutage
viele Kinder einen eigenen Fernseher hätten und die Sehgewohnheiten
von Jung und Alt oft weit auseinander gingen. So erzählt der
9-jährige Fabian, dass ihm "Wer wird Millionär?" so gut
gefalle, "weil ich das mit meiner Familie gucke und das uns sehr
viel Spaß macht". Vor allem den Kindern im Grundschulalter
sei das gemeinschaftliche Mitfiebern und Mitraten (noch) wichtig.

Photo 1: "Guiness - Die Show der Rekorde",
Folge 4: Der größte Teddybär der Welt. |
Die Quotenhits für
die ganze Familie sind herkömmliche Unterhaltungsformate vom
Schlage "Wer wird Millionär?", "Wetten, dass...?" oder "Guinness-Show".
Spaß zu haben, ist eine Schlüsselmotivation für
die Zuschauer. Auch die Kinder- und Jugendformate sind oft unterhaltend
gebaut. Ein Blick auf die Hitlisten der Kinder zeigt, dass Formate
führend sind, die im Grunde genommen Erwachsenenprogramme sind.
"Wetten, dass...?" ist die Lieblingsshow bei den Kindern, gefolgt
von dem Familienwettbewerb "Stunde der Wahrheit" und "Wer wird Millionär?"
Die Shows mit buntem Ratespiel und spannenden Wettbewerben geben
jedem einzelnen Familienmitglied die Möglichkeit mitzumachen:
Die Kinder können bei "Pokémon"-Fragen auftrumpfen,
die Jugendlichen bei Details aus der aktuellen Musikszene, die Eltern
bei der Allgemeinbildung. Ein nicht zu vernachlässigendes "Familien"-Genre
ist in diesem Zusammenhang der Sport, der ebenfalls die gesamte
Familie zu begeistern vermag. Schon vor diesem Hintergrund ist es
als Programmanbieter wichtig, hier mit herausragenden Sportereignissen
eine attraktive Adresse zu bilden. Kinofilme als ein anderes Beispiel
nutzen – wie bei Disney – einen raschen Wechsel der Ansprachen,
um ganze Familien zu interessieren: Kinderadäquate Handlungen
und raffinierte Tricks und Gags eher für Erwachsene durchmischen
sich.
Ansprüche der Jugendlichen
In anderen Genres ist ein
gemeinsamer Nenner bereits deutlich schwieriger zu erreichen. Viele
Jugendliche wünschen sich mehr Musik und auch Comedy im Programm,
was jedoch angesichts des recht unterschiedlichen Geschmacks in
den Altersgruppen ein schwieriges Unterfangen ist. Ähnlich
wie bei der Musik wird auch in anderen Bereichen die Familienzusammenführung
vor dem Bildschirm erschwert durch die zunehmend speziell auf eine
Altersgruppe zugeschnittenen Formate wie Serien, Daily Soaps und
Reality-Shows. Die ARD zeigt gerade im Vorabendprogramm, wie man
mit professionellen Konzepten auch auf seriöse Art und Weise
eine außergewöhnliche Akzeptanz bei den jüngeren
Zuschauern erreichen kann.
Für öffentlich-rechtliche
Programmanbieter können auch beim Familienprogramm weder die
Quote noch die "Familienmischung" das ausschlaggebende Kriterium
sein. Sonst wären Spielfilme vom Schlage "Der verrückte
Professor" ebenfalls in der Königsklasse dieses Genres. Was
also zeichnet "wertvolles" Familienprogramm aus?
Ansprüche der Kinder
Geht man vom Kinderprogramm
aus, so lautet eine der Leitmaximen, gutes Kinderprogramm bedeute,
gute Geschichten zu erzählen. Man müsse "Orientierung
geben, Handlungsmuster auf jeden Fall, aber auch Perspektiven"2.
Weiter gehe es um die Vermittlung von Handlungsmustern und die Möglichkeit
der Identifizierung mit dem Gesehenen. Es müssten Geschichten
sein aus dem Erfahrungsbereich, der auch den Kindern bekannt sei:
Schule, Freunde, Lehrer, Eltern, Sport.
Die Erfahrungen zeigen,
dass gerade kleinere Kinder ihr Kinderprogramm gerne mit ihren Eltern
schauen, also quasi ein Familienprogramm daraus machen. Das passiert
leider viel zu selten. Mit zunehmendem Alter ändert sich dies.
Jugendliche wollen in der Regel eher alleine oder mit Gleichaltrigen
ohne die Eltern fernsehen. Und für die Jugendformate mussten
deren Macher erfahren, dass als erste Grundregel offenbar gilt:
Wo "Jugend" draufsteht, schaut die Jugend meist noch zögerlicher
rein.
Vor dem Hintergrund der
Statistik, wonach über 40 Prozent aller 6- bis 17-Jährigen
einen eigenen Fernseher haben, stellt sich die Frage nach einem
Familienprogramm verstärkt. Auch die öffentlich-rechtlichen
Anstalten wollen keine theoretisch konzipierten Sendungen anbieten,
die jedes denkbare theoretische Kriterium eines Familienprogramms
erfüllen – nur leider den Makel haben, dass sie die Familie
vor dem Bildschirm nicht mehr erreichen.
Die meisten Kinder sitzen
inzwischen sowieso in der Prime-Time vor dem Schirm, in einer vergleichsweise
knappen Zeit also, in der auch die Erwachsenen ihren TV-Vorlieben
nachgehen wollen. Selbst bei bestem Willen dürften im Hauptabendprogramm,
sowohl in den kommerziellen wie in den öffentlich-rechtlichen
Systemen mit ihrem Grundversorgungsauftrag, nur vereinzelt Familienformate
– wie sie auch immer aussehen könnten – zu platzieren sein.
In der Realität ist viel entscheidender, wie verträglich
das Erwachsenenprogramm für Kinder ist und inwieweit die Programmplanung
berücksichtigt, dass gerade am Beginn des Abends noch eine
beachtliche Anzahl Kinder zuschaut. Hier kommt es auf die Verantwortung
der Programm-Macher an. Dies beginnt bei der Platzierung actionhaltiger
Trailer und reicht bis hin zur Frage der Darstellung grausamer Kriegsszenen
in den Nachrichten.
Familienfernsehen ist daher
nicht nur eine Frage der angebotenen Genres, sondern auch der Einstellung
der gesamten Familie zum Fernsehen. Für die Eltern der Mediengeneration
ist es gerade angesichts der boomenden Multimedia-Angebote und der
steigenden Mediennutzung eine wichtige Aufgabe, ihrem Nachwuchs
bei der Erkundung und Nutzung des komplexen Angebots zu helfen und
ihn zu begleiten. Familienprogramm ist daher nicht nur, was aus
dem Bildschirm strahlt, sondern was vor dem Bildschirm stattfindet
– und aufgrund eines geeigneten Programmangebots überhaupt
erst stattfinden kann: das gemeinsame Fernseherlebnis vor dem Bildschirm.
Familienfernsehen - Familienalltag

Photo 1: "Guiness - Die Show der Rekorde",
Folge 4: Übergabe der Trophäe "Fußballmarathon". |
Das Fernsehen spielt eine
erstaunliche Rolle im Familienalltag: "Diskussionen", was wohl auch
"Streit" einschließt, gibt es nach Auskunft von Kindern und
Jugendlichen am häufigsten über das Fernsehen, gefolgt
vom Ausgehen, Telefonieren und Videoanschauen3.
Dieses Zusammentreffen der einzelnen Familienmitglieder ist eine
der inzwischen oftmals raren Situationen, in denen die Familie gemeinsam
etwas erlebt. Als Programm-Macher sollten wir mit geeigneten Stoffen
und Programmen dazu anregen, dass sich daraus spannende Gespräche
und Begegnungen ergeben.
Der Erfolg des Kinderkanals
hat dazu geführt, dass Kinder dort ein eigenes Programm finden,
bei dem sich die Eltern sicher sein können, dass dieses Programm
für Kinder geeignet ist. Ein solches Spartenprogramm unterstützt
die Bedürfnisse der jungen Zuschauer, führt aber tendenziell
zu einer Verspartung des Zuschauerverhaltens: Eltern können
heute beruhigt ihre Sprösslinge alleine vor den Bildschirm
setzen – auch wenn dies nicht dem Ideal familienorientierten Fernsehens
entspricht. Ähnliches ist für die Jugendlichen mit dem
Aufkommen der Musikkanäle wie MTV oder Viva passiert: Solche
Spartenprogramme richten sich strikt an die avisierte Zielgruppe
und wirken umgekehrt noch stärker ausgrenzend für die
anderen (Alters-)Gruppen.
Die Kindheit wird immer
kürzer, die Kinder reifen durch den schneller gewordenen Rhythmus
des Lebens schneller. Dafür weitet sich die Jugendphase aus
– in der ein besonderer Drang besteht, sich gegen die Erwachsenen
in einer gewissen Weise auch durch einen andersartigen Medienkonsum
abzugrenzen. Ein Label "Familienprogramm" für ein ganzes Programm
würde daher eher abschrecken. Es ist ja gerade eine Errungenschaft
des Fernsehens, dass heute eine Vielzahl von Formaten angeboten
wird, die speziell auf die Neigungen und Interessen bestimmter Zielgruppen
eingehen. Sowohl in der ARD wie in den Dritten Programmen machen
wir daher ein Programm für die ganze Familie, ein "Voll"-Programm,
in dem jedes Familienmitglied eigene Sendungen findet, in dem es
aber auch zahlreiche Angebote gibt, die für die ganze Familie
interessant sind.
ANMERKUNGEN |
1
Flimmo. München: Programmberatung für Eltern (Hrsg.).
Nr. 1 Februar - Mai 2001, S. 4.
2 Idealisten
oder Realisten? Die deutschen Kinder- und JugendfernsehmacherInnen
und ihre Subjektiven Medientheorien. (Edition TELEVIZION)
München: KoPäd 1999, 192 S.
3 Neue und alte Medien
im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Deutsche Teilergebnisse
einer europäischen Studie. Hamburg: Hans-Bredow-Institut 1999,
142 S.
DER AUTOR |
Gerhard Fuchs, Dr. rer.pol., ist Fernsehdirektor
beim Bayerischen Rundfunk und Professor an der Hochschule für
Fernsehen und Film, München.
INFORMATIONEN |
Internationales
Zentralinstitut
für das Jugend-
und Bildungsfernsehen
IZI
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