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Martin Berthoud

Familienangebote im ZDF

Auf Veränderungen der Familie und der damit zusammenhängenden Medienrezeption reagiert das ZDF programmstrategisch mit thematischen, funktionalen und Genre-Schwerpunkten.

"Wetten, dass ...?": Thomas Gottschalks Abschluss-
moderation nach verlorener Saalwette am 29.2.99
aus Münster. (Bild: ZDF)

Differenzierung und Individualisierung kennzeichnen seit Ende des 20. Jahrhunderts die soziostrukturelle und -kulturelle Entwicklung in westlichen Gesellschaften. Vereinzelung als Bedürfnis und Lebensform wird damit nicht zur Regel. Umfragen zeigen, dass neue Formen des Zusammenlebens erwartet werden, ein damit verbundener Funktionsverlust der Familie als bekannter und bewährter Form dauerhafter sozialer Bindung aber Befürchtungen auslöst. Die Familie bildet bei allen Problemen und Wandlungen nach wie vor den Standard geglückter sozialer Bindung. Sie erfüllt ihre vielfältigen gesellschaftlichen Reproduktionsfunktionen.

Ob die Stabilität und Wandlungsfähigkeit dieser gesellschaftlichen Lebensform durch das Fernsehen – öffentlich-rechtliches des ZDF zumal, das sich in seinen Programmzielen der sozialen Integration verpflichtet weiß – gefördert wurde, kann hier dahingestellt bleiben. Ihr Wandel erfordert den Blick nach vorn. Das Programmziel soziale Integration verpflichtet gerade in Zeiten der Individualisierung und Differenzierung dazu, sich mit der Familie als wichtigster Form gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen. Dabei geht es nicht um einen Beitrag zur individuellen und gesellschaftlichen Bewältigung des sozialen und familiären Wandels.

Veränderungen der Familie

Die Veränderungen der Familie selbst und der Medienrezeption machen es schwerer, diese Orientierung umzusetzen. In seinen Anfangsjahren war das Fernsehen Ereignis an sich – auch in der Familie. Es bildete schon aufgrund seines bevorzugten Standorts im Wohnzimmer eine Art familiären Lagerfeuers. Das Programm im Gesamten war von daher a priori Familienprogramm im Sinne des gemeinsam rezipierten und/oder besprochenen, die gemeinsame Lebenssituation reflektierenden Programms. Die nahezu durchgängig gemeinsame familiäre Rezeptionssituation ist mittlerweile aufgebrochen. Im Jahr 2000 besaß mehr als jeder zweite Haushalt zwei und mehr Fernseher. Diese sind über das Haus verstreut. Individualisierung ist wie beim Besitz von Musikabspielgeräten mehr und mehr Standard geworden. Die einheitliche familiäre Rezeptionssituation ist in der Folge aufgebrochen.

Veränderungen der Rezeptionssituation

"Löwenzahn" - Peter Lustis Hexenkräter (Bild: ZDF)

Das Bedürfnis nach diversifizierten Rezeptionssituationen auch in der Familie wird durch die Angebotsentwicklung hervorgerufen. 36 Programme kann ein Haushalt durchschnittlich empfangen. Die breite Publikumsansprache der Hauptprogramme steht längst im Wettbewerb vor allem mit altersspezifischer Zielgruppenansprache. Kinderkanäle und solche für Jugendliche und junge Erwachsene versuchen, Publikum zu binden und setzen bei speziellen Geschmacksvorlieben an. Für Familienfernsehen, das sich an alle Generationen der Familie richtet, ändern sich die Realisationsbedingungen. Es ist nicht mehr in der Zeitabfolge der Gesamtheit der Sendungen eines einzelnen Programms umgesetzt, sondern mehr und mehr zeitsynchron in der Summe einer Vielzahl von Kanälen. Programmveranstalter realisieren Familienprogramm in Senderfamilien, deren einzelne Kanäle gleichzeitig alle Alterssegmente der Familie ansprechen.

Konsequenzen für das Hauptprogramm

Wenn sich das ZDF als der gesellschaftlichen Integration verpflichtetes nationales Hauptprogramm unter diesen Bedingungen nicht von seinem Anspruch verabschiedet, auch Familienprogramm zu sein, muss es ihn auf neue Art und Weise einlösen. Gesellschaftliche Gruppen und Familien untereinander ins Gespräch zu bringen, gelingt nicht mehr von selbst wie zu Zeiten der Empfangbarkeit von drei Programmen. Familienprogramm muss unter den heutigen Rezeptions- und Angebotsbedingungen zum einen mehrkanalige Angebotsstrategien nutzen, wie dies ZDF und ARD gemeinsam mit dem Kinderkanal tun. Es bedarf zum anderen der Konzentration auf einzelne Programme und Sendeplätze sowie ihrer wesentlich deutlicheren Profilierung als Programm-Marken. Familienprogramm unterliegt insoweit in der Programmentwicklung grundsätzlich denselben Anforderungen wie alle anderen Programme. Sie fordern wesentlich klarer als früher, bestimmte Ziele und Themen im Programm umzusetzen, um Programme erfolgreich zu familiär gemeinsam gesehenen und besprochenen zu machen.

Dabei setzt das ZDF mehrere thematische, funktionale und Genre-Schwerpunkte:

    "Nesthocker - Familie zum Verschenken" (Bild: ZDF)

  • Angebote für Kinder bleiben integraler Bestandteil des ZDF-Hauptprogramms. Dem Kinderkanal kommt ergänzende Funktion zu. Kinderprogramme sprechen die nachwachsenden Zuschauerschichten an und bilden einen Eckpfeiler des Programms für Familien. Kinder als die Zuschauer der Zukunft ernst zu nehmen heißt, ihnen eine Vielfalt der Genres zu bieten. Kinderprogramm ist mehr als fiktionales Programm. Unterhaltung und Information gehören dazu. Die thematische und die Genre-Vielfalt unterscheiden öffentlich-rechtliche von kommerziellen Kinderprogrammen.

  • Im Kinderprogramm haben die Sendungen, die von Erwachsenen und Kindern gemeinsam geschaut werden, einen besonderen Stellenwert. Ein Klassiker wie "Löwenzahn", der nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen die Welt erklärt, ist ein solches besonderes Familienprogramm und wird in Planung wie Produktion mit besonderer Kontinuität gepflegt.

  • Ereignisprogramme sind die Programme, die Familien in Zeiten des Zielgruppenfernsehens ins Gespräch bringen. Das selbst gesetzte Showereignis "Wetten, dass ...?" ebenso wie Spitzensport-Übertragungen werden altersgruppenübergreifend rezipiert. Das ZDF akzentuiert diese Sendungen besonders in seinem Programm und entwickelt neue Programmereignisse, wie im vergangenen Jahr zum Beispiel die Show "Der geschenkte Tag" zugunsten von UNICEF.

  • Familien als Akteure und Thema bleiben ein Kernpunkt der erzählenden und unterhaltenden Programme. Das Genre der Familienserie bleibt neben den Krimis eine tragende Säule des Serienangebots. Es wird dauernd weiterentwickelt. Nicht nur Klassiker wie "Forsthaus Falkenau" spiegeln im Verlauf der Jahre die Veränderungen der Beziehungsstrukturen und Lebenssituationen von Familien. Neue Serien wie "Nesthocker" thematisieren neue Familienkonstellationen ("Patchwork-Familie"), die für viele Menschen bereits konkreter Erfahrungshintergrund sind. Auch in der Show werden Formate aufgelegt, die wie "Jede Sekunde zählt" Familien zu tragenden Akteuren eines Spiels machen. Schließlich beleben wir das Genre des Familienfilms, in dem die Probleme Heranwachsender und ihre Auseinandersetzungen mit ihren Eltern im Mittelpunkt stehen (z.B. "Küss mich Frosch").

  • Das Familiengespräch in Familien mit schulpflichtigen Kindern ist stark davon geprägt, welches Wissen in der Schule vermittelt wird. Mit Bildungsprogrammen modernen Zuschnitts, die nicht auf Belehrung setzen, sondern auf erlebbare und nachvollziehbare Geschichten, die Wissen transportieren, versteht sich das ZDF-Hauptprogramm als Anreger für Bildungsprozesse auch in der Familie. In Dokumentationen über
    (Zeit-)Geschichte, fremde Länder und Kulturen am Sonntag um 19.30 Uhr mit Reihen wie "Terra X", "Sphinx" und "Geheimnisse des Universums" gibt das ZDF Anregungen zur Horizonterweiterung.

  • Familienthemen bleiben ein wichtiges Element der aktuellen und analytischen Service- und Informationsprogramme mit (Hintergrund-)Berichterstattung. Tips für die Lebensführung in wirtschaftlichen, Erziehungs-, Reise- und anderen Alltagsfragen, ebenso wie Magazinbeiträge und Dokumentationen/Reportagen zu Familienthemen finden sich dauerhaft im Angebot.

"Wetten, dass ...?" (Sendung vom 14.10.200 aus Hannover; Bild: ZDF)

Familienprogramm zeigt sich in der aktuellen Programmflut damit unverändert facettenreich. Es eröffnet in Inhalt, Form und Genre viele Wege für das Gesamtprogramm. Wenn es in der Rezeption genauso anregend wirkt, erfüllt es eine wichtige Funktion sozialer Kommunikation.


DER AUTOR
Martin Berthoud ist Leiter der Hauptabteilung Programmplanung beim Zweiten Deutschen Fernsehen in Mainz.

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