In einer zunehmend globalisierten Welt sind Krieg und Terror - nicht zuletzt
durch die hohe Medienpräsenz - Teil des Alltags im Leben von Kindern und
Jugendlichen geworden. Diese Entwicklung stellt PädagogInnen vor neue Herausforderungen.
- Wie sollen sie mit solchen Situationen umgehen?
- Welche Fragen, Ängste und Bedürfnisse haben
Kinder? Wo sind die Ansatzpunkte pädagogischer Förderung?
- Wie ist eine Unterstützung in Richtung Friedenserziehung
möglich?
Die Bundeszentrale für politische Bildung und das Internationale Zentralinstitut
für das Jugend- und Bildungsfernsehen führten zu diesem Thema im
Juni 2004 ein viertägiges Kolloquium mit dem Titel "Children
and young people watching war - What to do when the next war is coming?"
durch. 20 internationale WissenschaftlerInnen stellten aktuelle Forschungsergebnisse
zum Thema Irak-Krieg und dessen Bedeutung für Kinder und Jugendliche
weltweit vor und diskutierten über die Konsequenzen. Aus den intensiven
Diskussionen wurden Guidelines für Fernsehschaffende erstellt und Ideen
für einen angemessenen pädagogischen Umgang mit dem Thema gesammelt.
Dieses Dokument fasst Ideen und Hinweise für die pädagogische Arbeit
zusammen.
Teilnehmer des Kolloquiums:
Prof. Christian Büttner, Hessische Stiftung Friedens-
und Konfliktforschung, Deutschland
Prof. Joanne Cantor, University of Wisconsin-Madison, USA
Dr. Cynthia Carter, Cardiff University, Wales, Großbritannien
Verena Egbringhoff, logo!, Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF), Deutschland
Dr. Ingrid Geretschlaeger, Medienpädagogischen Beratungsstelle
an der NÖ Landesakademie, Österreich
Dr. Maya Götz, Internationales Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen (IZI), Deutschland
Andreas von Hören, Mediaprojekt Wuppertal, Deutschland
Prof. Dafna Lemish, Tel Aviv University, Israel
Dr. Peter Lemish, Independent Researcher, Israel
Prof. Máire Messenger Davies, University of Ulster, Nordirland
Dr. Peter Nikken, Expert Center on Youth and Media, Niederlande
Chris Schüpp, Young People's Media Network, UNICEF, Deutschland
Caroline Seige, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland
Prof. Ellen Seiter, University of Southern California, USA
Prof. Crain Soudien, University of Cape Town, Republik Südafrika
Petra Strohmaier, Internationales Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen (IZI), Deutschland
Prof. Samy Tayie, Cairo University, Ägypten
Dr. Juliette Walma van der Molen, Amsterdam University, Niederlande
Ragna Wallmark, Utbildningdradion (UR), Schweden
Willi Weitzel, Willi wills wissen, BR, Deutschland

Kinder und Jugendliche in ihrem Wunsch nach Informationen ernst nehmen
In unserer von Medien durchdrungenen Gesellschaft nehmen nicht nur Jugendliche,
sondern auch Kinder aktuelle Ereignisse, Kriege, Terroranschläge usw.
sehr wohl wahr. Die Welt rückt dichter zusammen und der Krieg, der eigentlich
geografisch weiter entfernt liegt, kommt direkt in den Alltag und die Wohnzimmer
von Kindern (in Industrienationen).
Das heißt, in unserer Zeit kann es nicht mehr darum gehen zu versuchen,
Kinder und Jugendliche von diesen Ereignissen fernzuhalten, sondern es muss
ein angemessener Umgang mit den Themen, den Gefühlen und dem Wissen von
Kindern und Jugendlichen gefunden werden.
Veronica, ein Mädchen aus Deutschland
Experten im Interview
Aus einem Online-Forum, BBC Newsround, zum Thema Irak-Krieg:
Es nervt mich total, dass die Erwachsenen jedesmal, wenn irgendeine
heikle Angelegenheit in den Nachrichten zur Sprache kommt, sagen: "Das
könnte den Kindern schaden!".
Beleidigend!
Vielleicht ist das der Fall bei sehr jungen Kindern, aber wenn sie von Kindern
sprechen, meinen sie alle, vom Kleinkind bis zu den 18-Jährigen.
Es sieht fast so aus, als würden sie glauben, Leute in meinem Alter
hätten keinen eigenen Verstand ... zu behaupten, dass uns Infos schaden,
beleidigt unsere Intelligenz.
Gemma, 14 Jahre, vom 29. Mai 2004 (aus einer noch unveröffentlichten
Studie von Dr. Cynthia Carter)
Aus den Medien und aus Gesprächen mit Freunden und Freundinnen haben Kinder
meist schon eine Reihe von Informationen. Oft sind es jedoch nur kleine Details,
zum Teil deutlich emotional oder politisch gefärbt. Meist sind die Konstruktionen,
die sich die Kinder erarbeiten, bildhaft, in Anlehnung an Fernsehen und Pressefotos.
Hier brauchen Kinder Informationen, die auf sie zugeschnitten sein sollten,
die weder traumatisieren noch trivialisieren. Die Informationen sollten ihnen
helfen, die Bruchstücke, die sie schon wissen, einzuordnen, die Geschehnisse
zu verorten und Ängste abzubauen.
Ludwig, ein 9-jähriger Junge aus Deutschland
Während Ludwig, ein 9-jähriger Junge aus Deutschland, sein Bild
(rechts) malt, erzählt er uns, was er aus dem Fernsehen gerne erfahren
würde:
"Ich möchte gerne wissen: Wer denn Krieg gegen
wen führt? Wer hat mehr Chancen zu gewinnen? Wie sehen denn die Soldaten
aus? Wie viele gibt's denn überhaupt?," ,gefolgt von einer
Menge weiterer Fragen.
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(PDF)
Orientierungspunkte für PädagogInnen und Fernsehproduzierende:
- Informieren - Informationen zu den journalistischen
Schlüsselfragen.
- Kontextualisieren - Informationen zur Geografie,
zur Kultur und zu den Leuten, die von dem Konflikt betroffen sind.
- Mehrperspektivität - den Konflikt aus verschiedenen
Blickwinkeln und von den verschiedenen Konfliktpartein verstehen.
- Vervollständigen - Häufig wird ein Konflikt
nur in Zeiten (gut medial darstellbarer) Eskalation in den Medien zum Thema.
Hier gilt es, die historische Perspektive zu erweitern: die Entstehung der
Auseinandersetzung, die Vorkriegszeit und die Bemühungen, einen Krieg
zu verhindern; aber auch die Verdeutlichung, was Krieg als gewalttätigstes
und letztes Mittel in einem Konflikt für alle am Konflikt Beteiligten
bedeutet.
- Angemessen in Bezug setzen - den Konflikt in Beziehung
zum Alltag von den Kindern in Konfliktregionen zu sehen, die davon betroffen
sind, einschließlich ihrer Gefühle und Sorgen. Aber auch den
Bezug zu den Kindern hier zu setzen und der Frage nachzugehen, inwieweit
das eigene Land bedroht bzw. eben auch nicht wirklich gefährdet ist.
Auf die Frage, was sie als Fernsehchefin gemacht hätte, antwortet die 9-jährige
Shirley aus Israel:
"Ich hätte eine spezielle Sendung für Kinder gemacht, weil Erwachsene
wissen, was Krieg ist, und Kinder nicht".
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Wie Kinder die Kriegsberichterstattung sehen
Kinder und Jugendliche sehen und deuten die Kriegsberichterstattung auf
andere Art und Weise, als dies Erwachsene vielleicht tun.
- Kinder sehen die Nachrichten in Bezug zu den Erfahrungen
aus ihrem eigenen Alltagsleben und aus der Sicht eines Kindes.
Sean, ein 11-jähriger
Junge aus Amerika, stellte sich den Krieg als eine Schulhofprügelei
vor.
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Die 8-jährige Monique aus Deutschland machte
sich Sorgen darüber, wie sie wohl, im Falle eines Angriffs, auf die
Flucht gehen solle, wo sie doch die Verantwortung für drei Mäuse
und zwei Katzen habe und diese sich nicht alle gleichzeitig tragen lassen.
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- Kinder nehmen den aktuellen Krieg wahr, indem sie auf
ihren eigenen bisherigen Medienerfahrung aufbauen.
In den Kinderzeichnungen zeigen sich viele Spuren
der Bilder vom 11. September. Bilder, die alle Kinder im Fernsehen oder
in Zeitungen gesehen haben und die nun ihre Vorstellung davon prägen,
wie Krieg aussieht. Es zeigten sich aber auch viele Spuren von Spielfilmen
oder Comics.
- Kinder denken an den Krieg im Sinne von konkreten Handlungen,
kleinen Anekdoten, und vor allem sehen sie den Krieg personalisiert. Tendenzen,
die von den Medien mitgeschürt werden.
Sean, der schon zitierte 11-jährige Junge aus
Amerika, stellte sich das Ende des Kriegs mit einer einfachen Lösung
vor: Präsident Bush geht zu Saddam Hussein
und sagt: "Saddam, mein guter Freund" zu ihm, klopft ihm auf
die Schulter und schneidet ihm dann kurzerhand die Kehle durch. "Alles
vorbei. Und wir übernehmen den Irak, der wird dann wie unser 52.
Bundesstaat."
Sean, ein 11-jähriger Junge aus den USA
- Kinder kennen oftmals eine ganze Menge Details, aber ihnen
fehlen grundlegende Informationen zur Geschichte und zu den Hintergründen.
Auf die Frage: "Und wer sind die Vereinigten
Staaten?", antwortete der 8-jährige Achim: "Die
Armee der Amerikaner!"
Oftmals informieren die Kinder sich untereinander,
wodurch es zu Missverständnissen und Gerüchten kommt. Verena,
ein 11-jähriges Mädchen aus Österreich, weiß zum
Beispiel: "Im Irak dürfen die jetzt
keine Medizin nehmen, weil da so Chemie drinnen war, die jetzt für
die Waffen gebraucht wurde, und die Kinder im Irak dürfen jetzt
keine Medizin haben. Das hat mir meine Freundin erzählt."
- Kinder folgen den allgemeinen Tendenzen des öffentlichen
Diskurses in ihrem Heimatland. In einer Studie zum Irak-Krieg zeigte sich,
dass amerikanische Kinder den Krieg ausnahmslos befürworteten und Kinder
aus Israel den Krieg zu "ihrem Krieg" machten, der geführt
wurde, um sie zu befreien. Kinder in Deutschland und Österreich hingegen
waren absolut dagegen. Auf diesen Grundeinstellungen aufbauend denken Kinder
die Tendenzen dann ausgesprochen konsequent weiter. Die 9-jährige Julia
aus Deutschland stellt sich vor, dass US-amerikanische Soldaten irakische
Kinder exekutiert hätten.
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Julia, ein 9-jähriges Mädchen aus Deutschland:
"Amerikanische Soldaten erschießen
Kinder."
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(PDF)
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Nachrichten bewegen und ängstigen Kinder
Eine von Professor Joanne Cantor (Universität Wisconsin) durchgeführte
repräsentative Untersuchungen mit amerikanischen Kindern und Jugendlichen
zeigte, dass besonders jüngere Kinder sich bei den Nachrichten ängstigen.
Für 7- bis 10-jährige Kinder sind vor allem Bilder von Verletzten
oder von Bombenattentaten beängstigend. 13- bis 17-Jährige hingegen
machen sich eher Sorgen über größere politische Themen, wie
die Bedrohung eines Atomkriegs oder die Rolle des eigenen Landes in einem
Konflikt wie dem Irak-Krieg.
Quelle:
Dr. Juliette Walma van der Molen
befragte holländische Kinder.
In einer Studie mit niederländischen Kindern konnte Dr. Juliette Walma
van der Molen zeigen, dass sich die Zahl der Kinder, die Fernsehnachrichten
beängstigend finden, in den letzten sechs Jahren signifikant erhöht
hat. Krieg und Terroranschläge sind die größten Angstthemen
für mehr als 50% der Kinder.
Es ist aber nicht nur die Emotion Angst, die Kinder bewegt, wenn es um das
Thema Krieg geht. Es sind noch sehr viel mehr Gefühle damit verbunden.
Wut oder auch Besorgnis, dass der Krieg einen selbst betreffen könnte.
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Sonja (7 Jahre), malt einen Verletzten
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Fernando, ein 12-jähriger Junge aus Brasilien
(vgl. Débora Garcia, 2004)
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...(PDF) |
Wie mit der Angst umgehen?
Entscheidend sind hier zunächst die Altersunterschiede. Entwicklungspsychologisch
lassen sich grob drei Phasen unterscheiden. Kleine Kinder von ca. 3 bis 7
Jahren, Kinder von 7 bis 12 Jahren und Jugendliche. Die Übergänge
sind fließend und es gibt große individuelle Unterschiede. Dennoch
lassen sich die potenziell erfolgreichen Tendenzen der Angstbewältigung
anhand dieser Altersgruppen gut zusammenfassen.
Jüngere Kinder (3 bis 7 Jahre): emotionale Sicherheit statt langer
Erklärungen
Für jüngere Kinder sind Töne (laut, Schreien etc.) sehr beängstigend.
Angst auslösend sind speziell auch Bilder von Kindern, die verletzt (besonders,
wenn Blut zu sehen ist) oder verwaist sind. Verunsichernd sind Erwachsene
im Bild, die angstvoll schreiend oder verzweifelt weinend gezeigt werden -
also ganz anders sind als Erwachsene sonst. Übrigens können auch
Erwachsene vor dem Fernseher, die aufgeregt geschockt sind, für Kinder
ausgesprochen verunsichernd sein. Bilder wie die vom Irak-Krieg lösen
bei jüngeren Kindern Trennungsängste aus, sie rufen Gefühle
des Alleinseins hervor: "Was passiert mit mir, wenn Papa und Mama tot
sind?"
Der gut gemeinte Spruch: "Ach das ist doch nur Fernsehen" oder:
"Dafür bist du noch zu klein" oder: "Du brauchst keine
Angst zu haben!" nützt dieser Altersgruppe wenig. Denn diese kognitiven
Strategien der Angstbewältigung tragen erst bei älteren Kindern.
Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger sind nonverbale, aktivitätsorientierte
Strategien: von Augen zuhalten bis den Raum verlassen, Kuscheln, im Bett der
Eltern schlafen, "Double Checking" (lieber zweimal unter dem zum
Beispiel bedrohlichen Bett nachsehen), sich durch freudvolle Aktivitäten
ablenken (Cantor 19991 ).
1 Joannne
Cantor: Mommy, I'm scared.
Dr. Jan Uwe Rogge, deutscher Familientherapeut und Medienpädagoge, rät
von langatmigen Erklärungen ab. Besser ist es nach seiner Erfahrung zu
warten, bis die Kinder von sich aus kommen und Fragen stellen. Dann gilt es,
offen und ehrlich zu antworten und ihnen die Gewissheit zu geben, ernst genommen
zu werden. Mehr
...(PDF)
Jüngere Kinder (8 bis 12 Jahre): Informationen, ernsthafte Gespräch
und Raum für Aktion
Schulkinder erinnern sich sehr genau an erschreckende Bilder. Auch sie sehen
ausgesprochen ungern Bilder von verletzten (blutenden) Kindern. Oftmals empfinden
sie starke Empathie mit den Kindern im Krieg. Je stärker ihre Empathie,
desto stärker auch ihre emotionalen Reaktionen auf die Berichterstattung
(van der Molen noch unveröffentlicht). Schulkinder stellen häufiger
Bezüge zur eigenen Wirklichkeit her: "Was ist, wenn so etwas in
meiner Stadt passiert?" Oder: "Ich habe Angst, dass der Krieg auch
zu uns kommt." Berichte, die ältere Kinder in den Medien lesen oder
sehen, hinterlassen bei ihnen Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit,
des Ausgeliefertseins.
Kognitive Strategien, ein Mehr an Information und lange ernsthafte Gespräche
helfen, mit der Angst umzugehen. Zum Umgang mit Wut und Ohnmachtsgefühlen
hilft es, aktiv zu werden. Online-Foren, die zum Beispiel Kindersender anboten,
wurden viel genutzt. Wichtig ist es, diese Themen nicht aus dem Schulalltag
auszusperren - sie sind ohnehin da.
Jugendliche (13 bis 18 Jahre): Selbst aktiv werden und belehr mich nicht!
Jugendliche nehmen, wenn sie sich denn für das Thema interessieren, Krieg
und Terror sehr ernst. Hier sind es weniger die von den Medien ausgelösten
Ängste als allgemeine Befürchtungen und Gedanken zur Lage der Welt.
Ein interessantes und mittlerweile mehrfach prämiertes medienpädagogisches
Projekt hierzu führte das Medienprojekt Wuppertal durch. Mehr
...

Chancen und Notwendigkeit von politischer
Bildung
Sabine, ein 10-jähriges Mädchen aus Österreich
Themen wie Krieg oder Terroranschläge sind Ereignisse, von denen Kinder
heute nicht ferngehalten werden können. Vielmehr ist es eine Chance für
politische Bildung.
Im Fall der durch die Medien vermittelten Kriege könnte politische Bildung
bedeuten:
- den Konflikt erklären und Kindern die Möglichkeit geben, Fragen
zu stellen und Problematiken aufzuwerfen,
- ermutigen, den Konflikt und die Berichterstattung darüber kritisch
zu betrachten,
- Möglichkeiten aufzeigen, in dieser Situation etwas aktiv zu tun,
- weitere Quellen bieten, die herangezogen werden können, um Informationen,
Links, emotionale Hilfe etc. zu erhalten,
- das Thema positiv angehen und die Hoffnung und den Optimismus nähren.
In den USA versuchten Lehrer und Eltern, ihre Kinder
zu beschützen, und verwehrten ihnen aus diesem Grund den Zugang zu
Medienberichten und vermieden es, mit ihnen über den Krieg zu sprechen.
Dementsprechend schien das Wissen der amerikanischen Kinder über den
Krieg nur bruchstückhaft zu sein. Ihre Vorstellungen der militärischen
Einsätze erinnerten fast an die Geschichten, die man aus Comics kennt.
Und viele ihrer Fragen blieben unbeantwortet.
Mehr
...(PDF)
Statt zu versuchen, die Kinder vor den Nachrichten über den Krieg zu schützen,
müssen wir versuchen, ihnen die Nachrichten so näher zu bringen, dass
sie sie verstehen, ihre Gefühle dazu äußern und sich Gedanken
darüber machen, was sie tun können. Politische Bildung geht in diesem
Fall einher mit Friedenspädagogik und vor allem auch Medienkompetenz.

Chancen und Notwendigkeit von Friedenserziehung
Frieden muss nicht zwangsläufig ein illusionärer und fiktiver Traum
sein. Häufig ist er eine Errungenschaft, die nur dadurch erreicht werden
konnte, dass Menschen und Gesellschaften miteinander verhandelten und Kompromisse
schlossen, die den grundlegenden Bedürfnissen aller Parteien in dem Konflikt
gerecht wurden.
Krieg ist ein Beispiel für das Versagen in einem solchen Prozess. Die
besten Absichten, einen Konflikt zu lösen, schlagen fehl, wenn die Lösung
nur an der Oberfläche kratzt - nicht zum eigentlichen Kern des Problems
vordringt. Ist das der Fall, dann kann sich ein "Circle of Conflict"
entwickeln. Die Gesellschaften werden sich aus dem Zirkel von Auseinandersetzung,
kurzen Ruhepausen und Konflikten nicht herausbewegen, wenn sie sich nicht
ernsthaft mit den eigentlichen Kernthemen auseinander setzen.

Dr. Peter Lemish
Der "Circle of Conflict" ist als Modell auch auf die "kleinen",
alltäglichen Streitfälle im Leben der Kinder durchaus übertragbar.
Dies kann dabei helfen, Kriegs- und/oder Friedensentwicklungen besser zu verstehen.
Typische Ansatzpunkte für Konfliktlösungsprozesse sind:
- Benennen der Probleme, die dem Konflikt zugrunde
liegen;
- Gebrauch von Worten statt von Waffen oder Gewalt;
- Erkennen der unterschiedlichen Bedürfnisse
der Parteien und Versuch, diesen gerecht zu werden;
- Aushandeln eines Kompromisses.
Kinder und Jugendliche stellen dann auch unbequeme, aber berechtigte Fragen:
"Warum herrscht Krieg im Irak?
Warum muss es Krieg geben? Warum halten sich die Erwachsenen nicht an die
Regeln, die sie aufgestellt haben? Uns sagen sie, wir dürften nicht
streiten."
15-jähriges Mädchen aus Deutschland
Die Auseinandersetzung mit Kriegs- und Konfliktlösungsprozessen kann
so auch zur Gelegenheit werden, Wissen über Konflikte und ihre Lösung
zu vermitteln - nicht nur zwischen verschiedenen Ländern, auch bei uns
im alltäglichen Leben, im Klassenzimmer oder unter Freunden.

Chancen und Notwendigkeit von Medienkompetenz
Informationen über Konflikte und Kriege sind für die meisten Kinder
ausschließlich medienvermittelt. Für alle Menschen - aber besonders
für Kinder - ist daher Medienkompetenz ein zentrales pädagogisches
Ziel. In Bezug auf den Krieg bedeutet dies:
A. Medienkunde:
Insbesondere bei Kindern sind Kriegsbilder sehr häufig mit Ängsten
und Verunsicherungen verbunden. Medienkompetenz heißt hier auch, emotionale
Belastung zu verarbeiten. Ein Wissen um die überfordernde Mediendarstellungen
und andere Quellen, die einen kindgerechten Zugang zum Thema ermöglichen,
ist hier besonders wichtig.
Was Pädagoginnen und Pädagogen tun können: über Quellen
informieren, gemeinsam Quellen suchen.
- Wo kann ich mich informieren?
- Wissen, wo in welchen Medien (Presse, Fernsehen, Internet etc.) über
den Konflikt berichtet wird.
- Wissen um bestimmte Genres mit unterschiedlichen Herangehensweisen an
das Thema. logo! (ZDF/KI.KA) und neuneinhalb (WDR) bieten Nachrichten
für Kinder, die Tagesschau berichtet (nur) von tagesaktuellen Ereignissen,
Boulevardmagazine betonen die emotional reißerischen Geschichten.
Im Internet bieten verschiedene Fernsehsender etwas zu dem Thema für
Kinder an. Angebote wie fluter.de berichten im Internet.
B. Medienkritik: Kritisches Verständnis dafür, wie Medien berichten
Was Pädagoginnen und Pädagogen tun können: über Tendenzen
entlarven, gemeinsam Quellen untersuchen.
- Jede Medienberichterstattung ist eine Inszenierung! Schon einfache Analysen
können eine kritische Auseinandersetzung fördern.
Was wird gezeigt - was nicht?
Wer spricht wie über was - und worüber wird nicht berichtet?
Welche Absicht liegt hinter dem Einsatz z. B. von "embedded journalists"?
- Unterschiedliche Formate berichten unterschiedlich! Beim Vergleich von
Zeitungen, Internetseiten oder Fernsehsendungen werden schnell Tendenzen
z. B. in inhaltlichen Schwerpunkten, politischen Tendenzen, Emotionalisierung
und Dramatisierung gefunden
Beispiel: Quantitative Medienanalysen,
die auszählen, wie oft für oder gegen den Krieg berichtet wurde,
zeigen eindeutige Tendenzen. So wurden in der ersten Woche nach Kriegsbeginn
im Kinderfernsehen deutlich mehr Stimmen gegen den Krieg gezeigt als im
Erwachsenenprogramm (vgl. Grafik 1)
- Unsere Bilder vom Krieg sind u.a. durch Spielfilme und Computerspiele
geprägt. Ein Artikulieren dieser "inneren Bilder" und ein
Vergleich mit dem, was vermutlich real vor Ort geschieht, wäre sicher
spannend. (Zu Beispielen von Kriegsbildern s. Bildergalerie)
- In der Kriegsberichterstattung stellen sich immer auch ethische Fragen,
die es zu diskutieren gilt. Wie geht es den Menschen, die dort in ihrem
Leiden gefilmt werden? Wie viel darf und soll gezeigt werden? Wo werden
Menschen durch die Medieninszenierung in ihren Gefühlen verletzt?
In Interviews mit in Deutschland lebenden irakischen
Flüchtlingskindern forderten diese zum Beispiel eine sehr viel höhere
Sensibilität. So kritisiert die 11-jährige Alaya: "Bei
uns tragen Frauen Kopftücher. Ich finde nicht gut, dass sie das zeigen.
Eine Frau ist am Knie getroffen worden. Und die zeigen das. Und sie sagt:
Zieht mich nicht aus. Mein Mann wird euch umbringen.? Warum zeigen
die das da? Die sollen lieber etwas anderes zeigen".
Der 13-jährige Erhan kritisiert den Kontext der Kriegsberichterstattung
bei den privaten Sendern: "Die zeigen Schokolade und Fahrräder
und es sterben Menschen!"
Ziel muss es sein, den Kindern und Jugendlichen den Gewinn von Kompetenzen zu
ermöglichen, die Berichterstattung der Medien kritisch zu betrachten und ein
Wissen darum zu fördern, welche Medien helfen, die Situation zu verstehen und
die eigenen Fragen zu beantworten.
C. Medien nutzen, um selbst aktiv zu werden
Was Pädagoginnen und Pädagogen tun können: Medien selbst nutzen,
um die eigene Perspektive zu artikulieren, sich kritisch mit dem Thema und seiner
medialen Berichterstattung auseinandersetzen etc.
- Wissen um die Möglichkeiten, z. B. per Internet an Diskussionsforen
teilzunehmen, z.B. auf fluter.de
(bpb), tivi.de,
Ki.Ka.de, kindernetz.de,
Youth network (UNICEF) www.unicef.org/magic/
- Video, Foto, Computer, Internet etc. nutzen, um die eigene Position
zu artikulieren. Beispiele hierfür: Videoprojekt Hallo Deutschland
vom Medienprojekt Wuppertal www.medienprojekt-wuppertal.de;
das Projekt des IZI und der Bundeszentrale für politische Bildung www.jugendfernsehen.de
oder das OneMinutes-Projekt von UNICEF.
Film 1: "Children should
live in a world without wars" - Gor Baghdazarian (14), kommt aus
Armenien im Kaukasus. Seit seinem Geburtsjahr stehen sich sein Heimatland
Armenien und das Nachbarland Aserbaidschan praktisch im Kriegszustand
gegenüber. Gor, seine beiden jüngeren Brüder und hunderte
anderer Kinder aus Armenien treffen sich nachmittags im Manana Youth Center
und produzieren Filme, schreiben Essays, malen Bilder, etc. Das Manana
Youth Center hat - vor allem mit OneMinutesJr.-Filmen - in den vergangenen
zwei Jahren auf der ganzen Welt Filmpreise gewonnen. Gors Film war der
Gewinner der OneMinutesJr.-Awards.
Film1
Film 2: "End of the line" - Gor Baghdazarian (14) und David
Babayan (14) sind die "producer" von "End of the line".
Der Film zeigt auf verblüffende Weise, wie Kriegsflüchtlinge
im Kaukasus ein neues Heim gefunden haben.
Film2
Film 3: "Refugees" - Salim Musayev (17) aus Aserbaidschan zeigt,
dass auch auf der anderen Seite der Grenze dieselben Probleme bestehen.
Der Film zeigt, wie sich Krieg und Vertreibung, das Verlieren der Heimat,
auf die Psyche eines Kindes auswirken können.
Film3

Guidelines für ProduzentInnen1
Im Rahmen des Workshops wurden Guidelines für Fernsehanbieter entworfen,
was bei der Berichterstattung über "schlechte Nachrichten"
im Kinderprogramm unbedingt zu beachten ist.
1. Die Story: Vereinfacht und klar, ohne in eine Richtung zu drängen
Die Auswahl sollte sich an der Relevanz für die Zielgruppe orientieren.
Nicht jeder Konflikt oder jede Katastrophe auf der Welt kann im Kinderprogramm
thematisiert werden. Wenn sie aber zum Thema der Kinder in Ihrem Land werden,
dann sollten Sie dazu unbedingt berichten.
Eindeutige Erklärungen und klare Bilder helfen, komplexe Sachverhalte
für Kinder verständlicher zu machen.
Eindeutige Aussagen wie: "Saddams Raketen können Brasilien nicht
erreichen" sind hilfreicher als abstrakte Konzepte z. B. von Entfernung,
die gerade für die jüngeren Kinder noch keine Bedeutung haben.
2. Vorsicht vor zu hoher Emotionalisierung
Vermeiden Sie Bilder, die zusätzlich erschrecken und verängstigen
können und in denen Verzweiflung und Leid in Nahaufnahmen gezeigt werden.
Verwenden sie keine dramatisierenden Texte oder Musiken! Setzen Sie keine
Bilder von leidenden oder verletzten Kindern zur Emotionalisierung ein.
Eröffnen Sie Kindern Möglichkeiten, mit ihren Ängsten umzugehen,
und bieten Sie entsprechende Hilfestellungen an.
3. Objektivität und die Vermeidung von Stereotypisierungen
Vorsicht bei eigenen Stellungnahmen oder politischen Positionierungen! Denken
Sie daran, den Konflikt von mehreren Seiten und möglichst neutral darzustellen.
Denken sie daran, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben und
die ZuschauerInnen auf verschiedenen Seiten des Konflikts stehen können.
Vorsicht bei Verallgemeinerungen aufgrund von Religions- oder ethnischer
Zugehörigkeit! In Großbritannien zum Beispiel war es explizites
Ziel in der Berichterstattung über den Irak-Krieg, die Gemeinschaft der
Muslime nicht zu stereotypisieren. Sätze wie: "Die britischen Moslems
sagen ..." wurden von BBC Newsround gezielt vermieden.
4. Auch von den Versuchen berichten, eine Lösung des Konflikts zu
finden
Kriegsberichterstattung ist wichtig, doch lassen Sie die Kinder auch an Entwicklungen
hin zum Frieden teilhaben. Welche Bemühungen werden unternommen, wo liegen
die Schwierigkeiten? Kinder gewinnen gerade aus diesen Berichten Ideen, auch
für den Umgang mit Konflikten im eigenen Alltag. Vor allem aber schöpfen
sie Hoffnung auf ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzung, eine Hoffnung,
die wir nie verlieren sollten.
5. ZuschauerInnen die Chance geben, ihre Sichtweise zu artikulieren
In Sendungen und auf E-Mail-Foren bieten sich vielfältigste Möglichkeiten,
junge Zuschauerinnen und Zuschauer zu Wort kommen zu lassen. Hinweise in der
Sendung, hier doch Fragen und Kommentare einzusenden, erhöhen nicht nur
die Senderbindung, sie geben den Kindern die Möglichkeit, eigene Fragen
zu stellen und selbst aktiv zu werden. Die Einbeziehung der E-Mails in die
Sendung, die zum Beispiel mit Unterstützung eines Experten beantwortet
werden, ist hier besonders wünschenswert.
