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Giftstoffe aus der Babyflasche -
die gefährliche Kunststoff-Chemikalie Bisphenol-A
Autorin :
Sabina Wolf
Ihre Zwillinge sollen nichts merken. Die Münchner Architektin Isabel Bauer ist sehr besorgt um die Gesundheit ihrer zwei Mädchen. Freunde aus Amerika haben sie am 3. September benachrichtigt: eine US-Behörde hat gerade vor einer Chemikalie gewarnt, die in vielen Plastikflaschen vorkommt.
Die brisante Nachricht wurde ihr per Email geschickt. Die Industriechemikalie Bisphenol A, so das US-Institut für Umwelt und Gesundheit könne eine toxische Wirkung auf Föten, Säuglinge und Kinder haben, ja sogar deren Gehirn- sowie Verhaltensentwicklung verändern. Bei weiteren Recherchen stößt sie auf eine Warnung der kanadischen Regierung. Weil sie bei deutschen Behörden nichts findet, ruft sie kurzerhand die kanadische Hotline des Gesundheitsministeriums an: Der Ratschlag: besser keine Bisphenol A-haltigen Fläschchen verwenden.
Isabel Bauer, Mutter: "Die anderen Länder sind auch nicht doof. Und wenn die feststellen, dass dieser Stoff so gefährlich ist, dann geh ich jetzt mal für mich davon aus, dass es auch so ist. Warum jetzt die deutschen Behörden dementsprechend jetzt nicht reagieren, weiß ich nicht, aber wie gesagt, die Konsequenz für mich ist die gleiche, Plastikflaschen weg und umsteigen auf Glasflaschen."
Ein Beitrag des kanadischen Fernsehens zeigt den dortigen Gesundheitsminister. Sein Appell: Bisphenol A-haltige Babyfläschchen ganz verbieten!
Tony Clement, kanadischer Gesundheitsminister: "The government announced to ban babybottles made with bisphenol A, just in case."
Wie gefährlich ist das künstliche Hormon Bisphenol A? Es steckt in zahlreichen Gütern, denn es macht Plastik hart und ansehnlich. Die Industrie darf es verarbeiten. Auf der Liste giftiger Chemikalien findet man es nicht. Einmal verarbeitet in Konservendosen oder Plastikflaschen kann es allerdings wieder austreten und dann in die Nahrungskette gelangen, besonders bei Erhitzung.
Was Bisphenol A in minimalen Dosen anrichtet, zeigt dieser Tierversuch: Die Zwillingsmaus, die Bisphenol A bekommt, wird extrem fettleibig. Die Schwester entwickelt sich normal. Auch das Brustgewebe von Mäuseföten zeigt eine anormale Vermehrung von Brustdrüsen bei Bisphenol A-Zugabe. Vergrößerte Prostata, Veränderung des Gehirns, sogar eine Veränderung des Sexualverhaltens - Die öffentlichen Studien wiesen fast immer auf gesundheitliche Schäden hin, wohingegen die industriell gesponserten Studien Entwarnung gaben. Jetzt wartet das Umweltbundesamt mit brandneuen Informationen auf:
Prof. Andreas Gies, Umweltbundesamt: "Ich zeig Ihnen mal die Studie..."
Andreas Gies erläutert, warum das Argument der Befürworter der Chemikalie, - "Was für Mäuse gilt, gilt nicht für den Menschen" - kaum noch Bestand haben dürfte.
Prof. Andreas Gies, Umweltbundesamt: "Das ist die erste Studie an Primaten, die zeigt, dass wir auch bei sehr niedrigen Dosen Wirkungen haben auf die Entwicklung des Gehirns."
Was heißt das für den Menschen?
Prof. Andreas Gies, Umweltbundesamt: "Meine Sorge ist eher gewachsen. Bisher hatten wir Hinweise, aus Studien mit Ratten und Mäusen. Da war die Argumentation vieler Kollegen, da sieht der Stoffwechsel völlig anders aus, als beim Menschen. Der Mensch ist viel weniger gefährdet. Jetzt haben wir eine Studie von Affen, sehr nah verwandt mit uns, auf dem Tisch, die auch sagt, die geistige Entwicklung wird durch sehr geringe Dosen von BPA bei diesen Affen geschädigt. Also die Einschläge für uns oder das Risiko für uns kommt aus den Experimenten sehr viel näher zu uns, als es bisher war."
So will die US-Handelskette Walmart Bisphenol A haltige Fläschchen ab nächstem Jahr aus ihren Regalen verbannen, bietet schon jetzt Bisphenol A-freie Flaschen an. Doch nichts davon in Europa. report MÜNCHEN fragt bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA an: Warum hält sie Bisphenol A nicht für gefährlich?
Die Antwort: ein Verweis auf die eigene Presseerklärung vom Juli: darin heißt es: Bisphenol A würde im Körper sofort abgebaut, deshalb keine Gefahr! Doch stimmt das? Dann dürfte ja auch kein Bisphenol A im Blut von Menschen zu finden sein.
Falsch meint Prof. Gilbert Schönfelder, Toxikologe der Universität Würzburg. Schon 2002 findet er Bisphenol A im Blut von Schwangeren und in der Nabelschnur. Er traut seinen Augen kaum, als er jetzt, sechs Jahre nach der Veröffentlichung liest, was man ihm plötzlich vorwirft:
Prof. Gilbert Schönfelder, Toxikologe der Universität Würzburg: "Es wird behauptet, dass wir unser Untersuchungsmaterial kontaminiert haben, wer hat denn das geschrieben?"
Die Deutsche Gesellschaft für Toxikologie lastet ihm schwerwiegende methodische Mängel an:
Prof. Gilbert Schönfelder, Toxikologe der Universität Würzburg: "Sagen Sie, wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten, wir hätten unsauber gearbeitet?"
Eine Antwort auf die Frage bekommt er nicht. Wie auch, es gibt keine Fehler, wie eine US-Überprüfungskommission festgestellt hat.
Prof. Gilbert Schönfelder, Toxikologe der Universität Würzburg: "Ich sehe als Wissenschaftler meinen Ruf geschädigt. Es kann sich hier nur darum handeln, dass es einzelne Personen gibt, die möglicherweise im Interessenskonflikt sind bezüglich der Risikoeinschätzung von Bisphenol A."
Wissenschaft gegen Industrielobby, die um ihren Milliardenabsatz fürchtet, das ist der wahre Streit, meinen Insider. Der Zeitpunkt kein Zufall: Eine hochbrisante Studie, die report MÜNCHEN vorliegt, könnte der Diskussion um die Gefährlichkeit des Stoffs neuen Sprengstoff geben. Morgen wird eines der wichtigsten US-Wissenschaftsmagazine, Jama, die Bombe platzen lassen. Einen der Autoren treffen wir an der Universität von Missouri. Er fasst die Befürchtungen vieler Forscher-Teams zusammen:
Prof. Frederick vom Saal University of Missouri: "They have concern that BPA at current levels of human exposure can be related to human harm." (Übersetzung: "Sie haben Sorge, dass beim üblichen Kontakt der Mensch gesundheitliche Schäden davontragen kann.")
Und das geht auch uns Deutsche an. Immerhin ist Bisphenol A mittlerweile so weit verbreitet, dass es sich sogar in Hausstaub nachweisen lässt. Viele Forscher sind sich mittlerweile sicher, dass Bisphenol A Krankheiten auslösen kann, die bei uns besonders häufig vorkommen. Die Behörden sollten alarmiert sein.
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