10.02.2010
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Ein dreiviertel Jahr nach den Enthüllungen von report MÜNCHEN über Uran-Belastungen im Trinkwasser gibt es noch immer keinen gesetzlichen Grenzwert. Gleichzeitig belegen neue Messdaten, die report exklusiv vorliegen, dass auch Mineralwasser teils Uran-belastet ist.
Von Mike Lingenfelser, Kathrin Werner
Stand: 18.05.2009
Ein dreiviertel Jahr nach den Enthüllungen von report MÜNCHEN über Uran-belastetes Leitungswasser stellen wir fest: Obwohl Bundes- und Landespolitiker es angekündigt haben: Noch immer gibt es keinen gesetzlich verbindlichen Grenzwert. Und so sind nach unseren Recherchen auch in belasteten Brunnen wie in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt, noch immer nicht ausreichend Filteranlagen für Uran eingebaut.
Bürger in Deutschland fragen, was wird aus dem Grenzwert?
Uran im Mineralwasser: Wie gefährlich ist der Giftstoff?Ein dreiviertel Jahr nach den Enthüllungen von report MÜNCHEN über Uran-Belastungen im Trinkwasser gibt es noch immer keinen gesetzlichen Grenzwert. Gleichzeitig belegen neue Messdaten, die report exklusiv vorliegen, dass auch Mineralwasser teils Uran-belastet ist.
Straßenumfrage unter Bürgern
Mann: "Das ist ja ein ganz relevantes Thema, und damit sollte man eigentlich schleunigst daran gehen."
Frau: "… dass die endlich wirklich mal ein Gesetz machen und genauer hinsehen."
Frau: "Na klar sollte das schneller gehen, gar keine Frage."
Eine report MÜNCHEN exklusiv vorliegende bundesweite Erhebung der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch enthüllt jetzt: Auch Mineralwasser und Heilwasser ist teils mit Uran belastet. Ein paar wenige Messdaten liegen sogar über dem deutschen Trinkwasser-Richtwert von 10 Mikrogramm pro Liter.
Etwa 50 Mineralwasser-Marken sind mit mehr als zwei bis rund neun Mikrogramm Uran pro Liter belastet - darunter auch ein paar prominente, weitverbreitete Markenwasser. Besonders vorsichtige Toxikologen kritisieren diese deutliche Uran-Belastung unterhalb des Richtwerts. Auch deshalb, weil sich zu Uran-Belastungen aus dem Wasser auch Belastungen aus dem Essen addieren können.
Hermann Kruse, Toxikologe Universität Kiel:
"Bei der Festlegung von Urangrenzwerten für Trink- und Mineralwasser sollte nicht vergessen werden, dass gerade die Deutschen sehr hohe Mengen an Mineralwasser und Trinkwasser pro Tag aufnehmen, und dass von daher natürlich besondere Vorsicht geboten ist."
Bedenklich sind die vielen entdeckten Uranwerte über zwei Mikrogramm für Kleinkinder. Denn diese Wasser überschreiten den Säuglings-Grenzwert für Mineralwasser von zwei Mikrogramm, bis zu dem ein Hersteller mit dem Aufdruck "für Babynahrung geeignet" werben darf.
Doch ist ein Grenzwert, der lediglich ein Werbeverbot vorsieht, wirksam genug?
Eine neue Studie der obersten europäischen Aufsichtsbehörde EFSA stellt fest: Mineral- und Leitungswasser mit eben solchen Belastungswerten von deutlich über zwei bis rund acht Mikrogramm Uran können zu einer beunruhigenden Belastung bei Kleinkindern führen. Eine Belastung, die teils bis zu doppelt so hoch sein kann, wie es die Toleranzgrenze der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorsieht und die laut EFSA vermieden werden soll.
Hermann Kruse, Toxikologe Universität Kiel:
"Das hängt damit zusammen, dass eben gerade kleine Kinder besonders von einer Uranbelastung betroffen sind. Sie reagieren besonders sensibel auf Uran. Und betroffen ist vor allem das Nierensystem, das Nervensystem, in seiner Entwicklung, deswegen muss man eben auf besonders niedrige Werte bei den kleinen Kindern achten."
Doch wie niedrig sollten die Uran-Werte sein? Wir sind bei der EU-Lebensmittelbehörde im italienischen Parma. Die EFSA will bei dem politisch brisanten Thema keinesfalls einen Grenzwert aussprechen - das sei Aufgabe der Bundesregierung. Aber eine leitende Wissenschaftlerin bestätigt uns eine Modellrechnung, ab welchem Uran-Gehalt die Toleranzgrenze für Säuglinge erreicht ist.
Claudia Heppner, Europ. Behörde für Lebensmittelsicherheit: "Für die Säuglinge würde, wenn man jetzt die tolerierbare Tagesdosis umrechnet in den Verzehr usw., dann würde man auf eine Menge von vier Mikrogramm Uran pro Liter Mineralwasser kommen oder pro Liter Wasser."
Vier Mikrogramm Uran pro Liter, da liegen laut Foodwatch rund 30 Mineralwasser darüber. Doch kein Mineralwasser-Hersteller ist verpflichtet, den Uran-Gehalt des Wassers auf das Etikett zu schreiben. Und was hilft Verbrauchern der an sich ehrgeizige aber abstrakte deutsche Grenzwert von zwei Mikrogramm pro Liter, der lediglich ein Werbeverbot für Babynahrung vorsieht, wenn das Wasser mehr Uran enthält?
Thilo Bode, Foodwatch:
"Die bestehende Regelung ist viel unwirksamer, weil sie ja nur sagt bei niedrig belasteten Wässern, dass die auch geeignet sind für die Babynahrung. Viel wirksamer ist, wenn drauf steht, falls es hoch belastet ist, man solle diese Trinkwasser besser nicht für die Säuglingsnahrung benutzen. Dann kann die besorgte Mutter sofort erkennen, ob sie das Wasser nehmen kann oder nicht."
Doch viele Mineralwasserhersteller lehnen eine Uran-Kennzeichnung auf Flaschen ab, da man "kein gesundheitliches Risiko" sehe. Auch die Daten der EFSA-Studie benutzen Hersteller, um sich auf einen anderen Richtwert der "WHO" von sogar "15 Mikrogramm" zu berufen, der "auch für Säuglinge" gelte, so ein Hersteller.
Soll das etwa heißen, es gäbe kein Risiko für Säuglinge?
Claudia Heppner, Europ. Behörde für Lebensmittelsicherheit:
"Nein, man kann nicht generell sagen, dass alle Mineralwasser gleich geeignet sind für die Zubereitung von Säuglingsnahrung. Es kommt ganz klar darauf an, welche geologischen Verhältnisse vorliegen."
Auf report MÜNCHEN-Nachfrage beim "Verband Deutscher Mineralbrunnen" kommt angesichts der deutlichen Worte der EFSA zur teils überhöhten Uran-Belastung von Säuglingen denn auch kein echter Widerspruch: Man verweist vielmehr auf die Möglichkeit "ein Produkt zu wählen" das als "Geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung" gekennzeichnet ist.
Um einen einheitlichen Grenzwert streiten jetzt Wissenschaftler und Hersteller.
Im Umweltbundesamt, das für Leitungswasser zuständig ist, will man auf report MÜNCHEN-Nachfrage am bisherigen Richtwert von zehn Mikrogramm auch für Säuglinge festhalten.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung dagegen, das für Mineralwasser zuständig ist, plädiert weiter für den Säuglingsgrenzwert von zwei Mikrogramm. Mineral- oder Leitungswasser - für die Menschen ist beides Wasser, für die Behörden offenbar nicht.
report MÜNCHEN: "Werden Sie ihren Kollegen vom Umweltbundesamt empfehlen, diese zwei Mikrogramm für Säuglinge vielleicht auch fürs Trinkwasser umzusetzen?"
Prof. Alfonso Lampen, Bundesinstitut für Risikobewertung: "Wir werden mit den Kollegen im Umweltbundesamt sicher sprechen, intensivst darüber."
report MÜNCHEN: "Werden Sie ihnen das auch empfehlen?"
Prof. Alfonso Lampen, Bundesinstitut für Risikobewertung: "Wir werden mit ihnen sprechen."
Wasser trinken ist einfach, Wasser verwalten schwieriger. Die Bundesverbraucherschutzministerin verweist auch noch auf die EU. Auch die will bei Grenzwerten mitreden. Aber, könnte angesichts der neuen EFSA-Studie und der vorliegenden Wasser-Messwerte vielleicht doch schneller gehandelt werden?
Ilse Aigner, CSU, Bundesverbraucherschutzministerin:
"Wir werden der Sache selbstverständlich nachgehen und dieses überprüfen. Insbesondere das Gutachten, das jetzt von der EFSA gekommen ist."
Und so vergeht die Zeit und die Verbraucher warten in Ungewissheit.
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