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Friedrich von Schiller - Der Rebell der Bühne


Inhalt

Diese Sendung geht der Frage nach, inwieweit die Werke Schillers auch heute noch relevant sind. Gezeigt wird eine Gruppe junger Schauspieler, die sich damit beschäftigen, welche Aspekte in seinen Werken auch uns Heutigen noch etwas sagen können. Abseits jeder verstaubten Darstellung erarbeiten und zeigen sie eine experimentelle Aufführung, die bei einem jungen Schüler-Publikum große Begeisterung hervorruft.
200 Jahre nach Schiller versuchen fünf Schauspieler des Leipziger Theaters und ein Regisseur die Bedeutung der Werke Schillers heute zu erarbeiten. Aus einzelnen Szenen verschiedener Schiller-Werke bilden sie eine moderne Collage. Es werden z.B. Proben an der „ Bürgschaft “ gezeigt und die Hymne „An die Freude“ auf unterschiedliche Art eingeübt. Die Collage soll jüngeren Zuschauern zeigen, wie aktuell Schillers Gedanken heute noch sind. Schiller spielt darin als Figur selber mit, d.h. er gibt Kommentare, wie er die jeweilige Stelle selbst gern gehabt hätte.
Schillers Idealismus und Freiheitsgeist erweisen sich auch heute noch als relevant, sobald die Texte etwas „entkrustet“ werden von dem, was im 18. Jh. Gültigkeit hatte. Dass die emotionalen Urkonflikte noch immer dieselben sind, macht ihn als Klassiker aus. Sein Aufruf an die Zeitgenossen, den eigenen Willen zu stärken und das Eigene auch zu leben, ist, auch 200 Jahre später, noch von gleicher Bedeutung.
Die Aufführung der Schauspieltruppe findet nicht weit vom Kaffeehaus Richters statt, wo sich Leipzigs Prominente zur Zeit Schillers gerne versammelten. Friedrich Schiller lebte im Alter von 25 Jahren in der Stadt. Er besuchte das Kaffeehaus gerne, wo „ich immer die halbe Welt beisammen finde und meine Bekanntschaften mit Einheimischen und Fremden erweitere.“ 1785 zog er in ein Bauernhaus in Golis nahe Leipzig.
1784 entstand in Mannheim das bürgerliche Trauerspiel „ Kabale und Liebe “. Mit der Anklage gegen das feudale Ständesystem verweist er darin schon auf die spätere Protestbewegung „Sturm und Drang“. Der Sohn des Präsidenten von Walter liebt Luise, die Tochter des Hofmusikanten. Doch der Vater will seinen Sohn aus dynastischen Gründen mit einer Adeligen verheiraten. Das Bürgermädchen erkennt, dass die Liebe keine Zukunft hat. Der Regisseur der Truppe versucht seinen jungen Schauspielern zu vermitteln, wie auch in der heutigen Zeit zwei Menschen aus gesellschaftlichen Gründen nicht zusammenpassen können. Der schwärmerische Idealist scheitert an der Realität seiner Zeit. Im Konflikt mit seinem Vater unterliegt Ferdinand. Stück für Stück wird die Liebe zerstört und endet mit dem Freitod des Paares. Das Stück erregte 1784 heftige Diskussionen. Auch für unsere Zeit kann man einen aktuellen Bezug erkennen, da auch heute jeder unbemerkt in einer bestimmten Rolle befangen ist.
Bei einer Werksbesprechung der original zu verwendenden Texte erarbeitet die Schauspieltruppe ihr Verständnis mit Hilfe von Schillers Schrift „Das Theater als Anstalt zur Erziehung von freiheitlich denkenden Menschen“, die dabei als Diskussionsgrundlage genommen wird.
Weiter wird Schillers Gedicht „ Der Pilgrim “ musikalisch mit Elektrogitarre aufgeführt, sowie die Ballade „ Die Bürgschaft “, die Schiller 1799 schrieb. In solchen Werken ging es für die Menschen meist um Leben und Tod, sie wurden vor extreme Aufgaben gestellt, in denen sie ihre Freiheit bewähren können. Damon will den Tyrannen ermorden, wird aber entdeckt und soll hingerichtet werden. Sein Freund soll aber zunächst als Geisel dienen, bis Damon seine privaten Angelegenheiten geregelt hat. Das Thema, wie viel Gültigkeit Freundschaft und ein gegebenes Versprechen haben, ist auch heute ein aktuelles und bedeutendes Thema. Durch ein gebrochenes Wort ist bei Schiller die Ehre, die Glaubwürdigkeit dahin.
Das einstige Bauerndorf Golis, in das Schiller 1784 zog, ist heute ein etwas heruntergekommener Leipziger Vorort. Das bekannte „Lied an die Freude“, später von Beethoven vertont, wurde hier gedichtet, aber auch ein Teil des Bühnendramas „Don Carlos“, das am spanischen Hof zur Zeit der Inquisition spielt, entstand hier. 1788 wurde es im Leipziger Schauspielhaus gezeigt.
1784, fünf Jahre vor der Französischen Revolution, begann Schiller mit „Don Carlos“. In Deutschland wuchs der Gedanke der Aufklärung. Enttäuscht davon, dass die Revolution nur zu erneuter Tyrannei führte, schrieb Schiller sein Drama mehrmals um. In den 20 Jahren Entstehungszeit wurde aus der Geschichte über den spanischen Infanten ein idealistisches Kunstwerk, dessen Hauptfigur der Freiheitskämpfer Posa war. Bekannt ist vor allem der Appell Posas an den König Philipp II. , dem Volk mehr Freiheit zu gewähren. Bis in dieses Jahrhundert hinein ist diese Szene der Höhepunkt großer Inszenierungen. Als Beispiel wird eine Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus von 1962 gezeigt.
Die Münchner Kammerspiele interessierte die erste Fassung des „ Don Karlos “. Hier ging es weniger um den Freiheitskampf eines idealistischen Posa als um das verzweifelte Ringen eines Königssohnes mit dem übermächtigen Vater. Der isoliert und ungeliebt aufwachsende Königssohn hat als einzigen und besten Freund Posa. Wie Brüder in der Kindheit aufgewachsen, schwören sich beide, ihr Leben dem Kampf um die Freiheit zu widmen. Posa ist diesem Ideal stets treu geblieben und hofft nun auf Carlos’ Unterstützung bei der Befreiung Flanderns. Doch dieser ist gefangen in seinem eigenen Drama und verweigert sich. Seine einstige Verlobte musste aus dynastischen Gründen seinen eigenen Vater, König Philipp II., heiraten. Karlos ist über die Beziehung wahnsinnig und ziellos geworden. Seine Mutter, eine politisch denkende Frau, will den hysterischen Karlos dazu bewegen, endlich Verantwortung zu übernehmen, doch der künftige Machthaber hat längst keinen Blick mehr für die Vernunft.
Dieses Bild einer Art Paranoia bzw. eines gesellschaftlichen tiefen Misstrauens hat ebenfalls etwas durchaus Zeitgenössisches. Gegenüber modernen Autoren, die häufig privatere Themen behandeln, kann es eine gewisse Herausforderung darstellen, Schillers große Themen auf die Bühne zu bringen.
König Philipp, selbst Kind eines Despoten, hat kein Verständnis für seinen Sohn. Karlos verweigert immer mehr jede Art Funktionieren in dem gesellschaftlichen System. Ein letzter Versuch, den Vater um ein Amt zu bitten, scheitert. Doch auch der König verliert immer mehr die Façon, als er Indizien für die Untreue seiner Frau bekommt. In seiner Verzweiflung, wem er überhaupt noch vertrauen kann, wendet er sich an den Idealisten Marquis Posa. In der modernen Leipziger Inszenierung ruft Posa daraufhin, stets im Dienste seiner politischen Freiheitsideale, nicht nur zur Gedankenfreiheit auf, sondern verkündet auch die komplette Charta der Menschenrechte.
Carlos widersetzt sich immer mehr dem System. In seiner Selbstinszenierung als Märtyrer wird er immer mehr zu einer Provokation für den Staat, der sich auf die absolute, unangefochtene Herrschaft eines Königs gründet. Nicht der offene Kampf gegen das System, sondern seine Verweigerungshaltung macht Karlos zu einer zeitgenössischen Figur in den Augen des Regisseurs. Und Posa, um seine politischen Freiheitsideale zu verwirklichen, schreckt auch nicht vor Intrigen zurück. Zu sehr hat er die herrschenden Machtspielregeln übernommen und dabei Menschen, die ihm nahe standen, mit in den Untergang gerissen. Zurück bleibt Karlos , der sich aber jetzt radikal verändert hat. In dieser entscheidenden Wendung verliert er durch den Tod des liebsten Menschen, Posa, seine Angst, sagt dem Vater, was er schon viel früher hätte sagen sollen. Dadurch wird er jedoch zu einer Gefahr. Er befreit sich von seinem Vater, wird aber für diesen zu einer Gefahr für das Herrschaftssystem. Philipp liefert den Sohn der Inquisition aus.
Fazit der Schauspieler: 1. Der größte Feind des Menschen ist seine Angst. 2. Um die Angst zu überwinden, kann man ganz einfach das tun, wovor man Angst hat, und man wird sehen, dass das Ergebnis lange nicht so schlimm ist, wie man dachte. 3. Innerhalb eines Systems kann es eventuell so gefährlich sein, so dass man beseitigt werden muss, weil man es sonst vielleicht zu Fall bringen würde. Vielleicht gibt es eben auch Systeme, die durch Angst funktionieren.
Premiere : Schülergruppen aus Leipzig besuchen die Aufführung. Als spritziger Auftakt ist Schiller Gast einer Moderatorin und verrät seiner Gesprächspartnerin seine Ideale, dies alles mit Originalzitaten Schillers. Schiller ist bei der ganzen Collage als Kommentator dabei. Die jungen Zuschauer äußern sich begeistert über die pfiffige Aufführung. Sie sprechen von „genial, durchgeknallt“, und dass sie „auf Schiller abfahren“, weil er Sorgen hat wie jeder andere – wie z.B. Liebe, Geldprobleme, Streit mit dem Vater.
Schiller kann also auch heute noch als Rebell der Bühne empfunden werden, wie vor 200 Jahren. In der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft konfrontierte er die Zuschauer mit seinem Freiheitsbegriff, aber auch heute bleibt der Klassiker spannend. Die Frage nach Idealen, persönlicher Freiheit und einer menschenwürdigen Gesellschaft stellt sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder, auch heute.




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