BR-online (zur Startseite)
Bayerischer Rundfunk

BR-Navigation

SFo
SFo
SFo SFo
SFoSFo
“Weiße Rose”
SFo SFo SFoSFo
SFo SFo SFo
SFo SFo SFo
123456789
BR-ONLINE
 

vorbemerkung
inhalt
fakten
lernziele
didaktik
materialien
anregungen
arbeitsblaetter
literatur

Die Weiße Rose - Studentischer Widerstand gegen Hitler


Fakten IX

Zur Bedeutung der “Weißen Rose”

Die Widerstandsgruppe “Weiße Rose” entstand spontan aus dem Geflecht enger personaler Beziehungen einer Gruppe junger, gleichgesinnter Studenten (Ausnahme Prof. Huber). Einige, wie die Geschwister Scholl, hatten sich erst allmählich vom Nationalsozialismus abgewandt, andere, wie Christoph Probst, hatten den Nationalsozialismus von Beginn an als Bedrohung erlebt.

Die vergleichsweise liberale Atmosphäre an der Universität München und die in gemeinsamen Lese- und Diskussionsabenden gewonnenen Erkenntnisse ließen allmählich den Wunsch reifen, das NS-Regime zu bekämpfen. Fronterlebnisse in Rußland und die sich anbahnende Niederlage gaben schließlich den Ausschlag.

Anfangs vervielfältigten und verteilten die Studenten Predigttexte des Bischofs Galen , dann gingen sie dazu über, selbst Flugblätter zu verfassen. Die Blätter wurden mit Schreibmaschine geschrieben und mit einem Hektographierapparat vervielfältigt. Die Adressen für den Postversand entnahmen sie Telefonbüchern. Zur Tarnung verschickte die “Weiße Rose” ihre Flugblätter von verschiedenen Städten aus. Ende 1942 ging die “Weiße Rose” dazu über, die Blätter zu verteilen und an der Universität auszulegen, auch Häuserwände wurden beschriftet.

Die Schriften der "Weißen Rose" empfanden die braunen Machthaber als außerordentliche Provokation, denn sie erschütterten das sorgsam gehütete Kommunikationsmonopol der Nazis. Zudem wurden die Flugblätter zu einem Zeitpunkt massenhaft verbreitet, als das Regime erstmals angeschlagen war: Bei Stalingrad hatten Stalins Truppen die 6. deutsche Armee vernichtet und in Nordafrika befand sich Feldmarschall Rommel nach der Niederlagevor El Alamein auf dem Rückzug von der ägyptischen Grenze nach Tunesien. In Deutschland machte sich das Gefühl breit, der Wendepunkt des Krieges sei erreicht.

Die “Weiße Rose” war nicht nur in München , sondern auch in anderen deutschen Städten aktiv. Dank der Kontakte und Bemühungen der Münchner Hauptaktivisten entstanden Schüler- und Studentengruppen in Ulm (Ulmer Abiturientengruppe), Saarbrücken (Saarbrücker Gruppe), Berlin (Gruppe “Onkel Emil”) und Hamburg . Es gelang ihnen zwischen Juni 1942 und Februar 1943 Tausende von Flugblättern zu vervielfältigen und zu verbreiten. Lockere Kontakte zu anderen Widerstandszirkeln, so z.B. zu Falk Harnack von der “Roten Kapelle”, bestanden zwar, konnten aber nicht mehr vertieft werden. Ein Treffen mit den Brüdern Bonhoeffer , war geplant.

Trotz aller Bemühungen blieb der Aufruf der “Weißen Rose” zu aktivem und passivem Widerstand ohne Echo bei den Deutschen. Die Hoffnung Sophie Scholls, die Aktionen würden Tausende aufrütteln, erfüllte sich nicht.

Bewusst riskierten die Studenten ihr Leben und wurden schließlich Opfer der Gestapo. “Der Widerstand der ‘Weißen Rose’ war trotzdem nicht vergeblich", heißt es in einer Schrift der Weiße Rose Stiftung , "die Flugblätter sind ein Entwurf der Zukunft:
· Föderatives Deutschland
· Föderalistische europäische Staatsordnung
· Freier Welthandel
· Vernünftiger Sozialismus
· Freiheit der Rede
· Freiheit des Bekenntnisses
· Schutz des Bürgers vor verbrecherischen Gewaltstaaten
Die Verhaftungen und Hinrichtungen der Teilnehmer der ‘Weißen Rose’ sind eine bittere Lehre für die Zukunft: Diktaturen können nur durch Zivilcourage und Resistenz vieler Bürger verhindert werden.”
(Zit. nach Weiße Rose Stiftung, Hg. Die Weiße Rose. Broschüre zur Ausstellung über den Widerstand von Studenten gegen Hitler. München, 1995.)

Über die Jahrzehnte wandelte sich das Bild der "Weißen Rose" in der Bundesrepublik allmählich. In den 1950er Jahren wurden die Mitglieder der Gruppe bevorzugt als "halbe Kinder" oder "jugendliche Schwärmer" dargestellt. Sie mussten als Beweis dafür dienen, dass Widerstand im "Dritten Reich" eben von vornherein aussichtslos war. So konnten sich die vielen Menschen entlastet fühlen, die dem NS-Regime die Treue gehalten und an den vielbeschworenen "Endsieg" geglaubt hatten. Mittlerweile überwiegt die Erkenntnis, dass Hans Scholl und die anderen Mitglieder der "Weißen Rose" keine naiven Spinner waren. Als Soldaten, die von der Ostfront kamen, wussten sie, was Völkermord und Krieg gegen "Untermenschen" bedeutete. Die Männer und Frauen der "Weißen Rose" waren keine unbedarften Träumer, sondern gebildete, nüchtern denkende Menschen, die das NS-Regime verabscheuten und ihren Mut mit dem Leben bezahlten. Anders als die Widerständler des 20. Juli befehligten sie keine Truppen, verfügten weder über Waffen noch Bomben und hatten keinen Zugang zu Hitlers Hauptquartier. Ihnen blieb nur, auf die Macht des Wortes zu vertrauen.

Seit 2006 versucht der Historiker Sönke Zankel, der u.a. die Gestapo-Vernehmungsprotokolle auswertete, den Ruf der "Weißen Rose" zu erschüttern, indem er vermeintliche Schwächen der Widerständler beleuchtet. Er fragt etwa., warum sich Hans und Sophie Scholl am 18.2.1942 vom Hausdiener Schmied festhalten ließen, sich nicht wehrten oder nicht flohen, obwohl sie die Möglichkeit dazu hatten. Zankels Erklärung: Hans Scholl, laut Zeitzeugenbereichten ein Konsument von Betäubungsmitteln, stand unter Drogeneinfluss, sein Reaktionsvermögen war erheblich gestört. Zudem hätten die Geschwister Scholl, eine Art Junkies im Widerstand, im Gestapo-Verhör Hinweise auf andere Gruppenmitglieder wie Christoph Probst gegeben. Ein weiterer Vorwurf: Die "Weiße Rose" dachte antisemitisch: So würden im 5. Flugblatt Juden und Nazis gleichgestellt - "auch" die Deutschen, heißt es im Flugblatt, würden ihre "gerechte Strafe" erhalten und von der Welt verachtet werden.

Die wissenschaftliche Debatte dauert an. Zankel steht jedenfalls in einer Reihe mit vorwiegend jüngeren Historikern, die es lieben, ihre Thesen medienwirksam und plakativ unters Volk zu bringen. Nach Jahrzehnten intensiver wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich" fällt es heute eben zunehmend schwer, Neues zutage zu fördern und sich einen Namen als NS-Forscher zu machen.








  © BR '2007 SFo