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Osmanen, Türken, Europäer - 4. Das Ende einer Großmacht


Fakten I

Das osmanische Reich am Rande des Abgrunds

Nach den Schlappen, die auf die missglückte zweite Belagerung Wiens folgten, musste das Osmanische Reich im Frieden von Karlowitz 1699 u.a. das gesamte historische Ungarn an die Habsburger abtreten. Wie die Kriegszüge des Zaren Peter I. zeigten, stand den Türken mit Russland nun ein weiterer gefährlicher Gegner gegenüber. So mussten die Osmanen im Jahre 1700 den Russen Asow überlassen. In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts geriet das Osmanische Reich erneut in einen Konflikt mit Russland, das unter Katharina II. zu einer führenden Macht aufgestiegen war. 1764 hatte Russland mit Preußen, regiert von Friedrich dem Großen , ein Bündnis gegen Polen und Österreich geschlossen. Mit Stanislaus Poniatowski , einem früheren Liebhaber der Zarin, wurde ein Vertreter der russischen Partei auf den polnischen Thron gebracht. Damit wuchs der russische Einfluss in Polen beträchtlich an - sehr zum Ärger des Osmanenreiches, weil nun sämtliche Gebiete an seiner Nordgrenze unter russischer Kontrolle standen. Als die Osmanen 1768 Russland den Krieg erklärten, segelte eine russische Flotte von der Ostsee ins östliche Mittelmeer und vernichtete die türkischen Kriegsschiffe vor Cesme (1770). Außerdem zettelten Offiziere Katharinas einen Aufstand auf der Peloponnes an - ein Vorspiel zum griechischen Befreiungskampf des frühen 19. Jahrhunderts. Unter dem Wesir Muhsinzade Mehmet Pascha wurden die Aufrührer besiegt. Besonders die albanischen Hilfstruppen der Türken, die sich zunehmend verselbständigten, sorgten unter den Griechen für Angst und Schrecken. Um die Anarchie auf der Peloponnes zu beenden, mussten sogar reguläre osmanische Verbände gegen die Albaner eingesetzt werden. Dennoch sorgten die Ausschreitungen für eine tiefgreifende Verbitterung unter den Griechen und waren ein Grund für den Aufstand des Jahres 1821. Das siegreiche Russland trennte 1772 die Krim vom Osmanischen Reich ab. Im Vertrag von Kücük Kaynarca 1774 sicherte sich Katharina überdies große Gebiete zwischen Dnjepr und Bug, im Schwarzen Meer durften sich nun russische Schiffe frei bewegen, russischen Handelschiffen musste das Osmanenreich das Durchfahrtsrecht durch Bosporus und Dardanellen gewähren. Österreich nutzte die Gelegenheit, um sich die Bukowina aus dem osmanischen Kuchen zu schneiden. Dass das Osmanenreich nun nicht völlig zerfiel, war nur dem Umstand zu verdanken, dass sich die rivalisierenden europäischen Mächte, an der Spitze Russland, England und Österreich, daneben Frankreich und Preußen, in der “Orientalischen Frage” nicht einigen konnten. In den nächsten anderthalb Jahrhunderten sollte sich daran nichts ändern.

In einer Zeit der ständigen Niederlagen besann sich Sultan Abdülhamit I. (1774-1789) auf seinen religiösen Status eines Kalifen . Im Vertrag von Kücük Kaynarca konnte er durchsetzen, dass der osmanische Sultan-Kalif das religiöse Oberhaupt der Krimtataren blieb, wenngleich die Krim politisch in den Besitz Russlands überging. Danach weitete er - mit dem Einverständnis der europäischen Mächte - das spirituelle Protektorat auf die Muslime in den ehemaligen osmanischen Territorien aus. Das herkömmliche islamische Staatrechts kennt eine solche Funktion nicht, “doch heilte diese Bezeichnung Amputationsschmerzen bei zukünftigen Gebietsabtretungen” (Kreiser, Klaus. Der Osmanische Staat 1300-1922. München: R. Oldenburg Verlag, 2001, S. 34).

Mit Abdulhamids Nachfolger, Selim III. (1789-1807), betrat nach einer Zeit lähmender Stagnation ein reformfreudiger Sultan die Bühne. Selim, ein Freund französischer Kultur und Lebensart, stand ganz unter dem Eindruck der Französischen Revolution. Er plante Reformen, die zunächst beim veralteten osmanischen Heer ansetzen sollten. Doch sein Vorbild, die französische Armee, fügte ihm völlig überraschend eine bittere Niederlage zu: 1798 besiegte Napoleon ein osmanisches Heer in der Schlacht bei den Pyramiden und besetzte Ägypten. Dass Napoleon mit seiner Expedition nicht das Osmanenreich, sondern Großbritannien treffen wollte (Unterbrechung der Verbindungswege der Briten nach Indien, Behinderung der britischer Flottenoperationen), und sich überdies nicht lange in Ägypten halten konnte, war für Selim freilich nur ein schwacher Trost.

Der Sultan ließ sich von seinem Reformvorhaben jedoch nicht abbringen, ihm schwebte eine Truppe mit europäischen Organisationsprinzipien, europäischer Ausrüstung, Ausbildung, Disziplin und Uniform vor. Die Janitscharen, die um ihre Privilegien fürchteten, erhoben sich im Mai 1807 und setzten Selim ab. Wenig später wurde er erdrosselt. Mit Mustafa IV. (1807/1808), einem Vetter Selims, gelangte ein janitscharenfreundlicher Herrscher auf den Thron, doch Bayraktar Mustafa , ein selimtreuer Truppenführer, besetzte Istanbul, zwang Mustafa IV. zum Rücktritt und sorgte dafür, dass dessen Bruder Mahmud II. (1808-1839) zum neuen Sultan erhoben wurde. Den abgesetzten Mustafa ließ Mahmud töten - es handelte sich um den letzten Brudermord in der osmanischen Geschichte.

Unter Mahmut wurde dann die eigentliche Reformära des Osmanischen Reiches eingeleitet, die als die Periode des Tanzimat in die Geschichte eingegangen ist. Zunächst bemühte sich Mahmut, die selbstherrlichen Provinzstaathalter wieder unter die Kontrolle Istanbuls zu bringen. Einer seiner Gegenspieler war Ali Pascha , der im Raum Janina (griech. Yoannina, in Epirus) eine halbautonome Herrschaft aufgebaut hatte. Bis 1811 brachte er weitere griechische und albanische Gebiete unter seine Kontrolle. An Ali Pascha, der eine Privatarmee - und flotte unterhielt und ohne Abstimmung mit Istanbul diplomatische Beziehungen zu den europäischen Staaten aufgenommen hatte, wollte der zentralistisch denkende Sultan ein Exempel statuieren. Als Ali Pascha 1820 seine Absetzung ignorierte, schickte Mahmud Truppen. Ali Pascha verbündete sich daraufhin mit griechischen Freiheitskämpfern, wurde aber geschlagen. Er floh , fiel den Verfolgern im Januar 1822 in die Hände und wurde enthauptet. Seinen Kopf überreichte man dem Sultan (hier ein antiosmanisches Propagandabild ).

In diese Zeit fiel auch der Aufstand der Griechen . Im März 1821 begann die Rebellion im Kloster Agia Lavra auf dem Peleponnes und bis Jahresende hatten die griechischen Freiheitskämpfer die ganze Halbinsel erobert. Die Griechen profitierten dabei von einem Angriff persischer Truppen, der große Teile des osmanischen Heeres an der türkisch-persischen Grenze band. Als eine Choleraepidemie die Perser zum Rückzug zwang, konnte Sultan Mahmud seine Kräfte in Griechenland konzentrieren. Beide Seiten gingen mit äußerster Härte vor, es kam zu Massakern an Griechen und türkischen Siedlern. In Europa rief der griechische Befreiungskampf eine immense Begeisterung hervor. Es formierte sich eine “philhellenische” Bewegung , die freiwillige Kämpfer anwarb und nach Griechenland schicke; auch der englische Dichter Lord Byron zog nach Griechenland. Als sich zeigte, dass die in Griechenland stationierten Truppen, darunter auch Janitscharenkontingente, nicht in der Lage waren, den Aufstand zu unterdrücken, rief der Sultan den Statthalter Ägyptens, Muhammed Ali , zu Hilfe. Dessen Sohn Ibrahim Pascha besiegte die Griechen und bereitete den Freiheitsträumen zunächst ein Ende. Die ägyptische Armee war damals die letzte wirklich schlagkräftige Streitmacht der Osmanen. Muhammed Ali hatte sie in Eigeninitiative aus ägyptischen Bauern rekrutiert und ihre Versorgung durch ein Netz staatlicher Fabriken gesichert.

Russland, England und Frankreich beschlossen jedoch, den griechischen Aufstand zu retten. Bei einem gemeinsamen Marineunternehmen wurde 1827 die osmanische Flotte in der Bucht von Navarino überrascht und zusammengeschossen. Russische Truppen überschritten die Grenze und drangen bis Edirne vor, französische Einheiten landeten auf der Peloponnes. Dank der Zerstrittenheit der europäischen Mächte wurde das Osmanische Reich auch diesmal nicht zerschlagen, musste aber im Frieden von Edirne 1829 empfindliche Gebietsverluste hinnehmen. Der Zar verleibte sich Gebiete im Kaukasus und am Donau-Delta ein, die Moldau und die Walachei kamen unter russisches Protektorat. 1830 wurde Istanbul zur Anerkennung der Unabhängigkeit Griechenlands gezwungen, als Herrscher von Hellas wurde der bayerische Prinz Otto von Wittelsbach eingesetzt.

Nach ihrem Sieg löschten die Griechen alle Erinnerungen an die osmanische Vergangenheit. Moscheen wurden gesprengt, osmanische Bauwerke sind heute nur noch als verfallene Bauten zu sehen. Außerdem praktizierten die Griechen in großem Stil “ethnische Säuberungen” und vertrieben die türkischen Bewohner der Peloponnes. Noch heute wird die osmanische Herrschaft von den meisten Griechen schlicht als “Türkenjoch” betrachtet und mancherorts hängt man - wie im Film am Beispiel eines Straßenschildes zu sehen ist - nach wie vor byzantinischen Großmachtträumen nach.



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