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Orte des Erinnerns - 1. Das Reichsparteitagsgelände


Inhalt

Ausschnitte von Propagandafilmen aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft vermitteln zu Beginn des Films einen Eindruck des früheren Reichsparteitagsgeländes am Rand von Nürnberg. Ein Filmdokument über die Sprengung eines Hakenkreuzes aus Stein symbolisiert das Ende der Naziherrschaft. Anschließend leitet Ludwig Scholz , der frühere Nürnberger Oberbürgermeister, zum eigentlichen Thema über: Wie ging und wie geht Nürnberg mit einem ungeliebten Erbe um - dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände? Luftaufnahmen zeigen seine gewaltigen Ausmaße: 25 Quadratkilometer rund um den Dutzendteich, früher ein beliebtes Ausflugsziel der Nürnberger. Auch nahezu 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs fehlt noch immer ein Gesamtkonzept zur Nutzung der verbliebenen Anlagen, ein deutlicher Hinweis auf die Probleme im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit der Stadt.

Historische Aufnahmen von der Siegesparade der US-Armee vor der Zeppelintribüne und den anschließenden Feiern zeugen vom Machtwechsel nach dem 8. Mai 1945. Mit den Befreiern kommt auch Arno Hamburger zurück in seine Heimatstadt, aus der er wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis hatte fliehen müssen. Vor der Kamera erinnert er sich an seine Rückkehr vor mehr als 50 Jahren: Die Nürnberger Altstadt war durch die Luftangriffe der Alliierten nahezu vollständig zerstört, das Parteitagsgelände dagegen fast unversehrt geblieben, was historische Luftaufnahmen eindrucksvoll belegen. Hamburger berichtet aus seiner Kindheit, als die Gegend um den Dutzendteich ein beliebtes Freizeitgelände der Nürnberger war, mit seiner Hauptattraktion, dem Nürnberger Zoo. 1935 musste dann der Zoo verlegt werden, denn die Nationalsozialisten begannen mit dem Bau der Kongresshalle für ihre Reichsparteitage. Mit dem Reichsparteitagsgelände wollten sie an die Tradition der Reichstage im mittelalterlichen Nürnberg anknüpfen.

Schon 1927 begann die ”Karriere” Nürnbergs als Hochburg der Nationalsozialisten, die sich hier zu ihren Parteitagen trafen. Zwei Jahre später aber wurden diese Treffen wegen der gewalttätigen Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern verboten. Erst 1933, nach der Machtergreifung, wurde diese Tradition wieder aufgenommen. Im Gefolge Hitlers kam auch die junge Regisseurin Leni Riefenstahl nach Nürnberg, um hier ihren Propagandafilm ”Sieg des Glaubens” zu drehen. Beim nächsten Parteitag steigerte sie ihren Erfolg mit dem Film “Triumph des Willens”. Historische Aufnahmen und Aussagen von Zeitzeugen belegen die Begeisterung der Nürnberger Bevölkerung für die Aufmärsche der Parteigenossen und den “Führer” . Auch Arno Hamburger erinnert sich an seine Jugendzeit, als er als Mutprobe mit dem Gebetbuch unter dem Arm durch die jubelnden Volksmassen ging. Ein anderer Nürnberger, Reinhold Schwiddessen , erzählt dagegen stolz von der Zeit, als er als Mitglied des Reichsarbeitsdienstes mit dem Spaten über der Schulter in Reih und Glied am “Führer” vorbeimarschieren durfte. Der Parteitag war, über den Kreis der Parteianhänger hinaus, bei der Bevölkerung als Fest beliebt, an dem man wie an Kirchweih nach Herzenslust essen, trinken und tanzen konnte – aber auch die Bordelle erfreuten sich regen Zuspruchs.

Hitler und sein Chefarchitekt Speer (auf dem Bild rechts) planten, das Reichparteitagsgelände zu einer Kultstätte mit Monumentalgebäuden weiter auszubauen. Trickfilme zeigen die Planung des Geländes, das in den zwölf Jahren der NS-Zeit nie ganz fertiggestellt wurde. Historische Aufnahmen sowie Aussagen von Zeitzeugen belegen die aufwändigen Bauarbeiten . Die Fassade der Kongresshalle wurde mit Granitplatten belegt, die u.a. aus den Steinbrüchen beim KZ Flossenbürg kamen, wo sie von Häftlingen unter Einsatz ihres Lebens bearbeitet wurden. Die SS erfüllte so einen doppelten Zweck mit dem Ziel: “Vernichtung durch Arbeit”.

Der zweite Teil des Films beginnt mit der Nutzung des Geländes in der Nachkriegszeit. Ein Teil der Bauten wurde gesprengt , andere sollten wirtschaftlich genutzt werden. Auf dem geräumten Gelände entstand in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Nürnberger Trabantenstadt Langwasser. Ernsthaft nachzudenken über eine angemessene Nutzung der restlichen Bauten begann man aber erst unter Führung des früheren Kulturdezernenten Hermann Glaser . Bis dahin hatten die Bauten als Lagerräume und Parkplätze gedient. Daneben wurde das Gelände für Volksfeste , Open-Air-Konzerte und andere Freizeitaktivitäten genutzt.

Den zahlreichen Touristen, die Hitlers Aufmarschgelände besuchten, wurde bei Stadtführungen noch bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ein verharmlosendes Geschichtsbild geboten. Erst am Ende dieses Jahrzehnts organisierte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes die ersten alternativen Stadtrundfahrten. Die amerikanische Filmserie “Holocaust” lief im deutschen Fernsehen und sensibilisierte die Bevölkerung für einen anderen Umgang mit den Zeugnissen der Naziherrschaft. Der Nürnberger Verein “Geschichte für Alle” organisiert seitdem Führungen über das Reichsparteitagsgelände für Touristen, aber auch für interessierte Nürnberger Bürgerinnen und Bürger. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es zudem die Ausstellung “Faszination und Gewalt” im Saal sowie den Nebenräumen unter der Zeppelintribüne.

Die Kongresshalle selbst dagegen sollte Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem riesigen Freizeitzentrum umgestaltet werden, ergänzt durch eine Reihe exklusiver Geschäfte. Mitte der 90er dann ernannte sich Nürnberg selbst zur “ Stadt des Friedens und der Menschenrechte” und glaubte damit seine braune Geschichte bewältigt zu haben. Ab 1996 wurde aber dann doch mit dem Bau des aufwändigen “ Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände” begonnen. Am 4. November 2001 wurde es durch Bundespräsident Rau (hier mit Ministerpräsident Stoiber) eröffnet, Arno Hamburger trug als Ehrengast einen Psalm vor. Deutschland, Bayern und die Stadt Nürnberg feierten ihr wieder gewonnenes geschichtliches Gedächtnis, als hätte es die jahrzehntelange Verdrängung nie gegeben.




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