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Dr. Markus Köhler
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Open Air Klassik - Zauberlehrling und Bolero


Fakten II

„Wir müssen in den Schulen einen Erstkontakt zur Musik herstellen”

Dr. Markus Köhler ist stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker und steht an der Spitze des Landesverbandes Bayern (VBS). Er unterrichtet Musik am Gymnasium bei St. Anna in Augsburg.

Schulfernsehen online: Musikalische Bildung, heißt es, begünstigt die persönliche Entwicklung eines Kindes. Wie ist es um das Interesse von Eltern und Schülern am Musik- und Instrumentalunterricht in Bayern bestellt?

Köhler: Interesse an Instrumentalunterricht ist durchaus vorhanden, vor allem im außerschulischen Bereich. Ein wenig Bauchschmerzen bekomme ich jedoch, wenn ich sehe, dass das Interesse am Musikunterricht zweigeteilt ist. Einerseits wünschen Eltern und Kinder eine instrumentale Ausbildung und die Mitwirkung in Chören, Orchestern und Big Bands, andererseits wird die Notwendigkeit eines allgemein bildenden Musikunterrichts nicht immer und überall erkannt. Erschwerend kommt hinzu, dass im Musikunterricht Schüler mit höchst unterschiedlichen Vorerfahrungen in einer Klasse sitzen. Einige können mit Musik überhaupt nichts anfangen, andere sind Preisträger bei „Jugend musiziert” auf Bundesebene. Die Niveauunterschiede sind im Fach Musik ausgeprägter als in allen anderen Fächern.

Schulfernsehen online: Manche Schulen bilden Instrumentalklassen…

Köhler: Streicherklassen, Bläserklassen oder Chorklassen erfahren viel Zustimmung. Auch das muss aber differenziert betrachtet werden. Instrumentalklassen bergen die Gefahr, dass der allgemein bildende Musikunterricht durch die Hintertür abgeschafft wird. Wenn Schulen für solche Vorhaben zusätzlichen Unterricht veranstalten, ist dies absolut positiv zu sehen. Wenn sie aber die Musikstunden zugunsten des Aufbaus einer Bläserklasse eindämpfen, halte ich das für einen falschen Weg. Außerdem sollten Instrumentalklassen bis zum Ende der Schulzeit, zumindest aber möglichst lang durchgezogen werden. Wenn schon, denn schon! Oft gibt es gute Modelle für 10- bis 12-Jährige; aber man macht sich bis jetzt kaum Gedanken, was zu tun ist, wenn diese Schüler 15, 16 oder 17 Jahre alt werden. Initiativpower allein reicht nicht aus.

Schulfernsehen online: Manche ihrer Kollegen beklagen, dass es immer schwieriger wird, Kinder und Jugendliche für klassische Musik zu begeistern.

Köhler: An meinem Gymnasium betreue ich ein großes Orchester mit 70 Schülern. In den letzten Jahren spielten wir viel Filmmusik und Musicals - nicht zuletzt, weil das dem Zeitgeist entspricht. In diesem Jahr kamen die Schüler auf mich zu und wollten klassische Stücke spielen. Das Ergebnis: Schuberts „Unvollendete”, Mozarts Klavierkonzert und ein Stück von Strawinsky. Ich sehe allerdings die Tendenz, dass sich Kinder im „normalen” Musikunterricht nicht mehr anstrengen wollen. Popmusik wird oft unreflektiert gehört und so entsteht der Eindruck, dass der Schüler hier nicht viel mitarbeiten muss. Wird Klassik behandelt, ist das dann mit Anstrengung verbunden. Abgesehen von den unterschiedlichen Hörerwartungen kann es sehr anstrengend sein, Pop- oder Rockmusik zu reflektieren - es kann aber auch entspannend sein, klassische Musik anzuhören.

Schulfernsehen online: In der Vergangenheit gab es vielfältige Bemühungen, Schüler an die klassische Musik heranzuführen...

Köhler: In den 1960er Jahren war viel vom „musikalischen Kunstwerk” die Rede, später gab es Bemühungen, den Bogen vom einfachen Beatles-Lied bis zur großen klassischen Beethoven-Sinfonie zu spannen. Einige Lehrer verteufelten damals populäre Musik und wollten zeigen, wie „schlecht” sie ist. Dann schlug das Pendel wieder in die andere Richtung und es ging vor allem darum, dass die Schüler durch eigenes Handeln im Musikunterricht Glücksmomente hatten. Wir Musiklehrer und auch die Musikdidaktiker stellen unsere Angebote zu sehr in Frage. In anderen Fächern gibt es das nicht. Mathematiker kommen nicht auf die Idee zu fragen, ob Algebra oder Geometrie den Kindern mehr Spaß macht und richten ihren Unterricht auch nicht daran aus.

Schulfernsehen online: Sie fordern also von ihrer Zunft eine nüchterne Herangehensweise an das Fach Musik?

Köhler: Es genügt, wenn wir sagen: Das ist Musik und mit dieser Musik beschäftigen wir uns im Unterricht. Heute ist es wichtig, dass die Schüler Musik aus unterschiedlichen Epochen, Genres, Sparten und Ländern kennen lernen. Daraus erschließen sich unterschiedliche Handlungsfelder, vereinfacht ausgedrückt: vom aktiven Singen und Musizieren bis hin zum Reflektieren über die Entstehung von Musik - mit möglichst vielen Beispielen. Es kommt eben darauf an, die Vielfalt der Musik zu vermitteln.

Schulfernsehen online: Eigentlich wäre eine musikalische Früherziehung wichtig. Warum findet in Kindergärten und in der Grundschule kaum Musikunterricht statt?

Köhler: In den Grundschulen fehlen Fachlehrer für Musik, qualifizierter Unterricht wird viel zu selten angeboten. Problematisch ist, dass beim Lehramtsstudium Grundschule die Studenten freie Wahl haben, welches künstlerische Fach sie belegen. Das führt dazu, dass sich die Masse für Kunst entscheidet. Musik ist den meisten Studenten zu aufwändig, denn hier wird erwartet, dass sie singen können und ein Instrument beherrschen. Das erfordert einen hohen Übungsaufwand. Was ich bei Musik-Fortbildungen für Grundschullehrer erlebe, ist haarsträubend. Deren Niveau liegt oft unter dem einer Mittelstufenklasse. Überdies führt der allgemeine Elterndruck an den Grundschulen zu einer zusätzlichen Vernachlässigung des Musikunterrichts. Wird beispielsweise eine Mathematikprobe angesetzt und geht es um die Empfehlung für die weiterführende Schulart, wird schnell und gerne die Musikstunde gestrichen. Dieses Übel kennen wir aber auch von Realschulen und Gymnasien. Fällt ein Musiklehrer wegen Krankheit für sechs Wochen aus, gibt es sechs Wochen lang keinen Musikunterricht. Fällt ein Mathematiklehrer aus, muss sofort eine Aushilfe her. So entsteht bei den Schülern ein Bewusstsein, dass Musik eigentlich unwichtig ist. Und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn Lehramtsstudenten später Musik abwählen. Ähnlich verhält es sich bei den Erzieherinnen und Kindergartenbetreuerinnen, deren Ausbildung im Bereich Musik stark zu wünschen übrig lässt. Solche katastrophalen Zustände finden wir in allen Bundesländern und dagegen versuchen wir auch von der Seite unseres Verbandes vorzugehen.

Schulfernsehen online: Können zumindest Realschule und Gymnasium als „Reparaturbetrieb” einspringen?

Köhler: Eine Schule kann kein „Reparaturbetrieb” für Dinge sein, die andernorts falsch laufen. Dazu haben wir weder die Zeit noch die Lehrkräfte. Wenn Politik und Gesellschaft den ästhetischen Bereich vernachlässigen, sind unsere Handlungsmöglichkeiten beschränkt.

Schulfernsehen online: Eingangs sprachen Sie von den beträchtlichen Niveauunterschieden in den Klassen. Wie erreicht man im Musikunterricht Kinder aus den so genannten bildungsfernen Schichten?

Köhler: Die allgemein bildenden Schulen - Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium - sind die Musikschulen für alle! Hier kann sich jeder mit Musik beschäftigen, in einem Chor oder Orchester mitwirken oder ein Instrument erlernen. Deshalb gilt es, Forderungen nach einer einseitigen Stärkung der privaten oder öffentlichen Musikschulen zum Nachteil der Schulmusik eine Absage zu erteilen. Wir dürfen nicht den Weg beschreiten, dass ein Kind nur dann Musik- oder Instrumentalunterricht erhält, wenn interessierte Eltern ihre Kinder in Musikschulen schicken und für diesen Unterricht bezahlen. Wir müssen in den Schulen einen fundierten Erstkontakt zur Musik herstellen. Das ist für Schüler, die die entsprechenden Anregungen zuhause nicht bekommen, besonders wichtig. Ich möchte, dass Schüler an allen allgemein bildenden Schulen die Möglichkeit haben, kostenlos ein Instrument lernen und mit verschiedenen Musikrichtungen in Kontakt kommen können.

Schulfernsehen online: Welche Möglichkeiten bietet der fächerübergreifende Unterricht?

Köhler: Gerade in der „gebundenden Ganztagsschule“ kann Musik sehr sinnvoll eingesetzt werden. Hier ist es möglich, den Tagesablauf zu rhythmisieren. Musik, Singen und Musizieren, Tanz und Bewegung, Sport und intellektuelle Tätigkeiten lassen sich gut mixen. Gerade das Fach Musik bietet die Möglichkeit, die Ganztagsschule sinnvoll zu gestalten.

Schulfernsehen online: Viele allgemein bildende Schulen arbeiten eng mit den privaten Musikschulen am Ort zusammen...

Köhler: Es gibt durchaus erfolgreiche Modelle der Zusammenarbeit. In Donauwörth beispielsweise kommen Kinder ab der 1. Klasse Grundschule in den Genuss eines verstärkten Musikunterrichts. In der 2. Klasse werden aus einem Pool von 30 Instrumenten die einzelnen Instrumente vorgestellt. Ab der 3. Klassen können die Kinder ein Instrument ihrer Wahl erlernen. Die Hälfte der Kosten für den Musikschulunterricht trägt die Stadt Donauwörth, die andere Hälfte übernimmt die Sparkasse als Sponsor.

Schulfernsehen online: Wie sinnvoll ist es, professionelle (Orchester-)Musiker in den Unterricht zu holen?

Köhler: Davon halte ich sehr viel. Gerade wenn der Erstkontakt zur Musik hergestellt werden soll, kann es sich lohnen, z. B. die vier Holzbläser des örtlichen Sinfonieorchesters einzuladen statt eine CD vorzuspielen. Auch die Zusammenarbeit mit Profimusikern und Profidirigenten über mehrere Wochen oder Monate ist sinnvoll. Meine Schüler hatten einmal viel Freude daran, in einem Profiorchester der Stadt mitzuspielen. Oder es wird ein Workshop mit anschließendem Konzert veranstaltet. Eine gute Ergänzung sind Exkursionen. Jeder Schüler sollte zumindest einmal ein Konzert oder ein Operhaus besucht haben.




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