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Entscheidungen im 16. Jahrhundert - 1. Martin Luther - Die neue Lehre


Fakten II

Luther und die Reformation

Zum Zeitpunkt, als Luther sich entschloß, Mönch zu werden, hatte das öffentlich-religiöse Bewußtsein einen neuen Höhepunkt erreicht. Dank Buchdruck und Holzschnitt wurden weite Kreise der Bevölkerung erfaßt und der Reformwille gefördert. Zunehmend geriet die römische Kirche mit ihrer Finanz-, Herrschafts- und Frömmigkeitspraxis ins Zentrum der Kritik. Nirgendwo anders offenbarte sich der Mißbrauch der Kirche an den Heilserwartungen der Menschen und ihre Ausbeutungspraktiken so sehr wie am Ablaßhandel.

Literarisch hatte die Empörung schon lange vor Luther ihren Niederschlag gefunden. Satirische Texte deutscher Humanisten hatten Papst und Mönchtum massiv angegriffen, aber die humanistische Bildung war der Masse der Bevölkerung fremd geblieben. Dagegen brachte die Ablaßagitation vom 31. Oktober 1517 große Massen in Bewegung. Luthers Thesen wurden verstanden, sie trafen den Nerv der Bevölkerung und machten den allgemeinen religiös-sozialen Mißstand bewußt. Sogar die Forderung nach der reinen Lehre wurde von vielen nicht als religiöses Problem, sondern als Basis einer fundamentalen Erneuerung perzipiert.

Dabei war es Luthers Absicht zunächst nicht, den alten Glaubenssätzen eine eigenen Lehre entgegenzusetzen. Er wollte die Kirche nur auf den Grundlagen des Evangeliums erneuern. Aus seiner persönlichen Erfahrung heraus - er zweifelte an der Möglichkeit des immer sündigen Menschen, dem richtenden Gott Genugtuung zu leisten - stellte er die Gnadenlehre und die pastorale Praxis der alten Kirche in Frage. In der Vorlesung über den Römerbrief entwickelte er seine eigene Vorstellung von der Rechtfertigung, indem er die Gnadenmittel der Kirche für nicht ausreichend erklärte und die Rechtfertigung des Menschen allein aus dem Glauben an die Gnade Gottes als die einzige mit der Heiligen Schrift übereinstimmende Auffassung heraustellte. Diese seine Lehre konfrontierte er im Ablaßstreit mit dem Gedanken der Werkgerechtigkeit, wie er sich in der katholischen Überlieferung entwickelt hatte.

Als Luther seinen Kampf mit dem Thesenanschlag begann, dachte er nicht an eine Aufhebung der institutionalisierten Kirche, er glaubte fest an Reformen, Beseitigung der Mißstände und Erneuerung. "In dem Maße aber, wie er die Wahrheit des Evangeliums und deren Verkehrung in der Kirche entdeckte, verließ er seine gemäßigt reformerische Position und griff die Kirche als Heilsinstitution wie als Herrschaftsinstrument an" (Dülmen, a.a.O. S. 28).

Der Konflikt eskalierte mit der Verbrennung der Bannbulle und der Verweigerung des Widerrufs auf dem Reichstag zu Worms .

Die Heilige Schrift hatte Luther zu einer neuen Auffassung von der Rechtfertigung verholfen. Von dieser Grundlage aus übte er nun Kritik an dem Lehrgebäude der alten Kirche, das auf Schrift und Tradition gegründet war. Er reduzierte die Sakramente, reformierte den Gottesdienst, bestritt das sakramentale Priestertum und die Lehrautorität des Papsttums.

Allerdings hätte sich Luthers Lehre in Nord- und Westeuropa nicht so weit durchsetzen können, wenn nicht die Fürsten sie in ihren Schutz genommen hätten. Sie taten das freilich nicht aus rein religiösen Motiven, sondern sie erkannten die Chance, ihre Macht durch die Beschlagnahme des reichskirchlichen Besitzes zu steigern und ihre landesherrliche Autorität auch im Bereich von Kirche und Kult aufzurichten.




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