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Die Provinz ist überall
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Fakten I Provinz ist überall Ödön von Horváth und Murnau. Ödön von Horváth war der Sohn des österreich-ungarischen Diplomaten Dr. Josef von Horváth, der dem Kleinadel angehörte. Seine Mutter, Maria Hermine von Horváth, aus einer deutsch-ungarischen Ärztefamilie stammend, brachte ihn am 9. Dezember 1901 in Fiume (heute Rijeka, ehemaliges Jugoslawien), der Hafenstadt an der Adria, zur Welt. Fiume gehörte damals zur ungarischen Reichshälfte des Königreiches Kroatien und Slavonien. Eineinhalb Jahre später, 1903 wurde sein Bruder Lajos in Belgrad geboren. Da der Vater Diplomat war, mußte die Familie zwischen 1901 und 1919 oft umziehen: Sie zogen von Belgrad nach Budapest, von dort nach München und Preßburg - nach dem Krieg 1918 wieder zurück nach Budapest, bevor sich die Horváths 1919 in München niederließen. Ödön lebte 1919 für kurze Zeit bei seinem Onkel in Wien, wo er die Matura ablegte und seiner Familie nach München folgte. Auf die Frage, ob Ödön Deutscher sei, schrieb er später: “Wenn sich jemand bei mir erkundigt, ob ich ein Deutscher bin, so kann ich darauf nur antworten: ich fühle mich als ein Individuum, das sich unbedingt zum deutschen Kulturkreis zählt -- also bin ich sozusagen ein Deutscher. Warum ich mich zum deutschen Kulturkreis gehörend betrachte, liegt vor allem daran, daß meine Muttersprache die deutsche ist. Und dies dürfte meiner Meinung nach der ausschlaggebende Grund sein - dann folgt erst die Tatsache, daß ich entscheidende Entwicklungsjahre in Deutschland, und zwar in Südbayern und Österreich verlebt habe [...] - ich möchte nämlich nur folgendes noch betonen: immer wieder lese ich in Artikeln, daß ich ein ungarischer Schriftsteller bin. Das ist natürlich grundfalsch. Ich habe noch nie in meinem Leben -- außer in der Schule -- irgendetwas ungarisch geschrieben, sondern immer nur deutsch. Ich bin also ein deutscher Schriftsteller, wenn das auch einigen Herrschaften unangenehm zu sein scheint.” (Gesammelte Werke II, Sportmärchen, Frankfurt a. M., 1988, S. 207-208). Ödön lernte Murnau im Urlaub mit seiner Familie kennen, die in der Marktgemeinde am Staffelsee seit 1920 regelmäßig die Sommerferien verbrachte. Am Nordrand der Alpen gelegen, von Staffelsee, Riegsee und Murnauer Moos umgeben, leben heute etwa 11.000 Menschen in Murnau (1995). 1920 waren es etwa 2900 Einwohner, überwiegend Handwerker, Geschäftsleute, Bauern und höhere Beamte. Zahlreiche Sommergäste sorgten dafür, daß der Fremdenverkehr in Murnau stetig zunahm. In den Jahren 1920 und 1921 wohnten die Horváths in den Ferien im Murnauer “Hotel Schönblick” in der Bahnhofstraße - ein damals erstklassiges Hotel, das später herunterkam. Ödön fand hier Anregung für eines seiner frühen Stücke: “Zur schönen Aussicht” wird er es später nennen. Er ist seit 1919 an der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München immatrikuliert und möchte Schriftsteller werden. Murnau war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Künstlergruppe “Der Blaue Reiter” zum Anziehungspunkt geworden - für Gabriele Münter und Wassily Kandinsky war es neben München eine zweite Heimat. Das idyllische Murnau gefiel auch den Horváths so gut, daß sie sich entschloßen, dort ein Haus zu bauen. Der Vater kaufte ein Grundstück an der Murnauer Bahnhofstraße und ließ darauf ein Landhaus im französischen Mansardenstil errichten. Es war 1924 bezugsfertig. Murnau wurde für etwa 10 Jahre zum bevorzugten Wohnsitz der Horváths. Die Villa in der Murnauer Bahnhofstraße blieb bis 1934 im Besitz der Familie (1973 wurde sie abgerissen). Von dort unternahm Ödön viele Bergtouren mit seinen Freunden. Er lebte gerne in Murnau. Ödön fand in dem “Markt” und seinen Bewohnern, die Handwerker, Kaufleute, Bauern sowie höhere Beamte waren, ein kleinbürgerliches Modell für viele seiner Volksstücke. Seit 1924 veröffentlichte er die “Sportmärchen” im Münchner “Simplicissimus” und in der “Jugend” - Prosaskizzen, die zu den Lieblingstexten des Dichters zählten. In ihnen nahm er die Welt des Sports als Vorlage für sein eigentliches Anliegen: menschliche Verhaltensweisen parabelhaft und mit bissigem Humor darzustellen. Sie entstanden in Murnau und in Berlin, wo er sich seit 1924 von Zeit zu Zeit aufhielt, sich aber immer wieder ins elterliche Haus in Murnau zurückzog. Zwischen Horváth und Murnau bestand zwischen 1920 und 1933 ein wechselvolles Verhältnis. Der Ort war für ihn Ruhepol und Fluchtort, wenn ihm das Leben in der Großstadt Berlin , die für ihn eine “Flucht aus der Stille” bedeutete, zu viel wurde. Der junge Horváth suchte von Zeit zu Zeit das Leben in der Großstadt , kehrt jedoch bis 1933 immer wieder nach Murnau zurück. Obwohl Horváth in Murnau gerne eingebürgert worden wäre, wurde sein Antrag vom Gemeinderat mit der Begründung abgelehnt, daß nicht nachgewiesen sei, daß er sich dauerhaft ernähren könne. In Murnau fand der Zeitkritiker Horváth reiches Anschauungsmaterial für seine Volksstücke. Er beobachtete seine Zeitgenossen, während er in einer der vielen Wirtschaften des Ortes, in den Biergärten oder Ausflugslokalen saß. Er suchte bewußt den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Mit dem “bösen Blick”, den sich der Dichter in Berlin geholt haben soll, betrachtete er die spießige Mentalität der Murnauer Kleinbürger. Viele seiner Stücke basieren auf Beobachtungen und Notizen, die sich Horváth auf losen Zetteln in den Murnauer Lokalen aufzeichnete. Sie tauchen später in seinen Manuskripten wieder auf. Dennoch lag es Horváth fern, die Bewohner in seinen Stücken bloßzustellen - Orte und Namen verändert er in seinen vollendeten Werken. Für Horváth schien die “Provinz” nicht nur geographisch, sondern vor allem geistig bestimmt zu sein. (Vgl. den Titel des Films “Provinz ist überall”) Das kleinbürgerliche Milieu in Murnau hatte der NS-Ideologie nur wenig entgegenzusetzen. Murnau war bald eine Nazi-Hochburg: Wählten 1930 lediglich 18,3 Prozent der Deutschen NSDAP, so waren es in der Marktgemeinde bereits 35,8 Prozent. Das Murnauer Tageblatt berichtete 1930 regelmäßig vom Massenandrang der Murnauer Bevölkerung bei Veranstaltungen der NSDAP. In den Volksstücken “Italienische Nacht” oder “Sladek, der schwarze Reichswehrmann” verarbeitete Horváth die politischen Ereignisse, die das Leben in Murnau am Ende der zwanziger und zu Beginn der 30er Jahre entscheidend bestimmten. Für den kritischen Schriftsteller wurde der Aufenthalt in der Marktgemeinde zwischen 1931 und 1933 zunehmend problematisch. Am 1. Februar 1931 wurde Ödön von Horváth Augenzeuge einer Saalschlacht, die sich während einer SPD-Versammlung in der Gaststätte des Hotels Kirchmeir zwischen Reichsbannerleuten und Angehörigen der NSDAP ereignete. Das Murnauer Tagblatt vermerkte, daß die Symphathie der Murnauer auf der Seite der Nationalsozialisten gewesen sei. Es kam zu einem Prozeß, der am 20. Juli 1931 vor dem Schöffengericht in Weilheim stattfand. Ödön von Horváth, der laut Protokoll vom 22. Juli 1931 keiner Partei angehörte, sagte als Zeuge aus: Die Versammlung der Sozaldemokraten sei durch bewußte Provokation der Nationalsozialisten gesprengt worden. Am 10. Februar 1933 ereignete sich in einem von Horváths Stammlokalen, im “Hotel Post”, ein Zusammenstoß zwischen Horváth und SA-Männern, nachdem die Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler übertragen worden war: Der Dichter verließ daraufhin Murnau, die Villa seiner Eltern wurde durchsucht. |
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