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Ländliche Feste - Brauchtum in Bayern


Mehr als Folkore:
Das Brauchtum


Menschen brauchen Brauchtum - im alltäglichen wie im religiösen Bereich, um ihr Leben mit allen Sinnen ausloten und auskosten zu können. Darauf verweist bereits die Wortbedeutung des althochdeutschen "brukjan": Nahrung aufnehmen, genießen.
Das leuchtet in Zusammenhang mit der herbstlichen Treibjagd oder dem Kirchweihfest natürlich sofort ein!

Auch Sportverein und Liederkranz, Handwerksinnungen und Universitäten, Kindergruppen und Jugendcliquen schufen - und schaffen sich noch heute - ihre ganz eigenen Bräuche und Rituale: am Stiftungsfest, bei der Überreichung des Gesellenbriefes, bei der Verleihung der Doktorwürde, beim Richtfest, bei Rockkonzerten.
Brauchtum verbindet, läßt das Zusammengehörigkeitsgefühl wachsen. Es wird zum gegenseitigen Erkennungsmerkmal, zur "Erkennungsmelodie", z.B. wenn beim Staatsbesuch die Nationalhymnen gespielt und die Flaggen gehißt werden.

Bräuche helfen die Unsicherheit "Was mache ich denn an einem solchen Tag?" dadurch überwinden, daß sie einen Rahmen abstecken, Zeichen und Symbole zur Verfügung stellen, ja sogar die "Spielregeln", "Rollenzuweisungen" und die farbenprächtige Kleiderordnung vorgeben. Manche Bräuche legen bereits die "richtigen Worte" in den Mund, auf die dann alle Mitfeiernden mit Spannung warten.

Brauchtum rankt sich auch um bestimmte Knotenpunkte des Lebens: Um Geburt und Tod, Konfirmation und Abitur. Wie erfinderisch ist man in manchen Gegenden beim Ausrichten einer Hochzeit! Welche manchmal grotesken Formen nimmt der Abschied von der Bundeswehr vielerorts an! An wichtigen Anlässen greifen Menschen dankbar auf alte Bräuche zurück. Manchmal geben sie ihnen ein neues Gesicht und damit neues Leben.

Im Laufe des Jahres sorgt das Brauchtum für vielfältige und farbenfrohe Abwechslung bis hin zur Ausgelassenheit am Fasching oder am Erntedankfest, beim Kathreinstanz oder in der Silvesternacht. Es nimmt dem Alltag seine Schwere und bringt Entlastung.

Durch die sich ändernden Lebensbedingungen und -gewohnheiten, durch die Entwicklung von einem Agrar- zu einen Industriestaat beispielsweise, können viele Bräuche ihren Mutterboden und langsam auch ihren Sinn verlieren. Eine Zeitlang werden sie vielleicht noch folkloristisch gepflegt, aber dann verstehen immer weniger Menschen, was mit ihnen gesagt werden soll, welche Erinnerung, welche Lebenserfahrung sie lebendig halten und weitergeben möchten.

Gerade junge Menschen haben manchmal ihre Schwierigkeiten mit dem Brauchtum, weil es oft eng mit dem Begriff "Tradition" verbunden ist, weil im Laufe der Zeit aus Gestaltungsvorschlägen oft -vorschriften werden. Es läßt sich nicht bestreiten, daß manche Bräuche erstarrt und ausgehöhlt sind wie leere Schneckenhäuser. Um manchen alten Zopf ist es nicht einmal schade. Er gehört einfach abgeschnitten! Unter Umständen entsteht gerade daraus dann ein neuer Brauch, der viel Freude mit sich bringt, der Menschen beflügelt zu einem Neuanfang.

Ohne Brauchtum jedenfalls wäre unser Leben um vieles ärmer, trockener, kopflastiger. Der Maitanz und der Adventskranz, die Martinsgans und der Christbaum, das bunte Faschingtreiben, die gefärbten Ostereier und der Pfingstritt wecken die "Lebensgeister", sind Medizin gegen graue Eintönigkeit, Nahrung für ausgehungerte Seelen, die auf der Suche sind nach den ursprünglichen Geheimnissen.


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