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100 Deutsche Jahre - 13. Beziehungskisten-Die Deutschen und ihre Familie


Inhalt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt eine Heirat in den bürgerlichen Kreisen nicht nur zwei sich liebende Menschen zueinander. Ökonomische und gesellschaftliche Überlegungen sind bei der Partnerwahl mindestens genauso wichtig wie Zuneigung. Die Liebe ist keine Himmelsmacht, sondern von der Familie gut vorbereitet, z.B. bei Tanzzirkeln mit stets anwesenden Anstandsdamen. Der “Wert” der Braut (hier zwei Mädchen im “heiratsfähigen” Alter) hängt ab von Mitgift und Aussteuer (das Bild zeigt die Aussteuer-Preisliste eines Textilgeschäfts). Eine offizielle Verlobung ist unumgänglich und bis zum Tag der Hochzeit bleibt das Verhältnis der Brautleute den sittlichen Normen unterworfen. Ist die Ehe geschlossen, bestimmen starre Regeln und eine eindeutige Rollenverteilung den familiären Alltag: Der Mann ist ganz selbstverständlich Familienoberhaupt, Ernährer, Erzieher und Vertreter der Familie nach außen.

In der Arbeiterschaft ist die Partnerwahl freier als im Bürgertum. Geheiratet wird aber oft erst, wenn die Braut schwanger ist. Viele Frauen bleiben als Ehefrau und Mutter erwerbstätig, doch mit Beginn der Zwanzigerjahre ermöglichen es staatliche Hilfen - z.B. bessere medizinische Versorgung - für Arbeiterfamilien mehr und mehr, dass sich das bürgerliche Ideal der Hausfrauen-Ehe auch in der Arbeiterschaft durchsetzt; ein Ideal, das auch den Vorstellungen der Nationalsozialisten entgegenkommt.

Im NS-Staat sind Ehe und Familie keine Privatangelegenheit mehr, sondern den Interessen des Staates untergeordnet. Die Nürnberger Gesetze verbieten Liebe und Ehe ohne Ariernachweis. “Rassereine” Eheleute sollen dem Führer möglichst viele Kinder schenken. “Rassenschande” wird gnadenlos verfolgt , rassisch unerwünschter Nachwuchs durch Zwangssterilisationen verhindert.
Der Kriegsausbruch 1939 verändert die Situation drastisch: Für viele Kinder sind die Väter ferne Wesen, die sie nur vom Foto her kennen. Bis in die Nachkriegszeit hinein übernehmen die Frauen, manchmal auch die älteren Kinder die traditionell männlichen Rollen im Arbeits- und Familienalltag und sorgen für das tägliche Überleben. Nach der Rückkehr des Vaters aus Krieg und Gefangenschaft gehen viele Ehen zu Bruch, denn die Frauen sind unabhängig geworden, die Kinder haben sich entfremdet.

In den Fünfzigerjahren aber ist die Kernfamilie wieder die gängige Lebensform. Die Ehe ist vielfach eine Wirtschaftsgemeinschaft, um einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Im Westen ist Arbeit und Gelderwerb Männersache, die Frau kümmert sich um das Heim und die Kinder.

Auch in der DDR ist die Ehe die einzig akzeptierte Lebensform. Das Ideal aber sind gleichberechtigte Partner ohne rigorose Rollenaufteilung - aber die Wirklichkeit sieht im Realsozialismus oft anders aus. Zahlreiche Beratungsstellen und Eheschulen sollen dieses Konzept in der Bevölkerung verankern. In der Tat gehen die meisten Frauen zur Arbeit, die Kinder werden in Krippen betreut. Viel zu früh geschlossene Ehen und hohe Scheidungsraten bestätigen aber das Scheitern der staatlichen Wunschvorstellungen.
Die Brüchigkeit der bürgerlichen Familie zeigt sich auch im Westen. Zum Entsetzen bürgerlicher Moralisten führt Ende der Sechzigerjahre die radikale Kritik der Jugendgeneration an Ehe und Familie zu experimentellen Formen des Zusammenlebens in “wilden” Ehen oder in Kommunen .

Zum Ende des Jahrhunderts sind alle möglichen Lebensformen weitgehend akzeptiert, sogar die Ehe zwischen homosexuellen Paaren ist kein Tabu mehr. Aber auch die bürgerliche Ehe hat wieder Zulauf; der Trend zur Inszenierung und Romantisierung der Hochzeitsfeier bestätigt diese Entwicklung. Allerdings ist die Ehe heute keine Besitz- und Wirtschaftsgemeinschaft mehr, sondern ein freiwillig geschlossener Bund mit dem Ziel des persönlichen Glücks.






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