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Uwe Timm
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ars poetica - 1. Uwe Timm


Fakten I

Vom Suchen und Finden des richtigen Tons – Uwe Timms Schreibprozess

Uwe Timm bezeichnet sich selbst als „sehr disziplinierten, sehr preußischen Menschen“, der bis zu zehn Stunden täglich am Schreibtisch arbeitet. Da sich Timm bei aller Experimentierfreudigkeit einer realistischen Literatur verpflichtet weiß, gehören aufwändige Vorarbeiten und Recherchen zum regelmäßigen Arbeitspensum des Autors. Sie liefern das historisch detailgetreue Rahmenwerk für Bücher, die einen oftmals dokumentarischen Anspruch mit literarischem Formwillen verbinden. Die oft jahrelangen Vorarbeiten führen Timm sowohl an die Schauplätze des Geschehens wie in wissenschaftliche Bibliotheken oder Archive. Die Vorstudien des 1978 erschienenen Romans „Morenga“ etwa, der die Geschichte des ersten Befreiungskampfes gegen die deutschen Kolonialtruppen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika erzählt, erstreckten sich über mehr als zwölf Monate: „Da habe ich sehr umfänglich Recherchen (Video offline, Hilfe zum Real-Player) gemacht, hier, in der Stabi, aber auch in Koblenz, war in verschiedenen anderen Archiven, war auch in Windhook, habe dort in dem Nationalarchiv die alten deutschen Kolonialakten eingesehen. Also da war sehr viel Recherche notwendig.“ (Stilportrait Uwe Timm)


Gedankenarbeit, Recherche, Notizen: Der lange Weg zum neuen Buch

„Bis die Idee in den PC kommt, bis ich da am PC sitze und schreibe, das dauert ziemlich lange, das dauert oft Jahre. Das sind ja oft nur so Vorstellungen (Video offline, Hilfe zum Real-Player) von einer Figur, von bestimmten Situationen, die sich dann lange und langsam im Kopf entwickeln. Ich mache mir erst Notizen und nochmals Notizen und sammle das und versuche so, in verschiedenen Anfängen das zu entwickeln, damit ich einen ganz bestimmten Ton finde und eine bestimmte Struktur auch finde, und dann erst setze ich mich an den PC. Und natürlich gibt es da auch immer wieder Mal Unterbrechungen beim Schreiben und ich hab da auch keine Patentlösungen. Es gibt Leute, die sich dann die Kopfhaut massieren oder auf Erbsen durch den Englischen Garten gehen. Das tue ich nicht. Ich warte einfach und sitze am Schreibtisch, denn die Einfälle kommen zu 95 Prozent am Schreibtisch. Und nur manchmal, hin und wieder, habe ich einen guten Einfall, wenn ich jogge beispielsweise. Das ist so eine Gelegenheit, beim laufen, wo ich plötzlich eine Idee habe, weil das gehakt hat, und da findet sich dann eine Lösung. Und dann komme ich nach Hause und dusche, setze mich an den Schreibtisch und schreibe.“ (Stilportrait Uwe Timm)


Struktur, Perspektive, Ton: Ein Text gewinnt Gestalt

Die Genese eines Buchs ist ein allmählich reifender, konzentrierter Prozess (Video offline, Hilfe zum Real-Player) , der keine Ablenkungen und Nebenschauplätze duldet: „Ich arbeite immer nur an einem Roman oder an einer Erzählung oder an einem Drehbuch und dann schließe ich das ab und dann kommt das nächste. Aber ich mache mir zwischendurch auch immer Notizen für andere Projekte, die sammle ich dann. Und dann versuche ich, eine Struktur zu finden. Das ist erstmal ein sehr abstraktes Nachdenken darüber, wie ich erzähle, also aus welcher Perspektive ich erzähle: Ist es die Ich-Perspektive oder ist eine auktoriale Erzählperspektive? Und dann mache ich Anfänge. Ich versuche verschiedene Einsätze sozusagen, die probiere ich wirklich aus, also fünf, sechs, sieben, acht Seiten, bis ich einen ganz bestimmten Ton getroffen habe. Und wenn der Ton da ist, dann kann ich schreiben und losschreiben. Und ich weiß zum Beispiel nie das Ende einer Geschichte. Ich schreibe auf einen für mich offenen Schluss. Ich bin dadurch auf einer Entdeckungsreise und beim Schreiben selbst gespannt. Ich erhalte mir selbst die Spannung. Mit einer Ausnahme beispielsweise. Beim Roman „Rot“ stand der Schluss fest.


Präzision und Musikalität: Die innere Stimme formt den Körper der Literatur

„Mein Anspruch (Video offline, Hilfe zum Real-Player) wäre, das ich bei meiner literarischen Arbeit mit Akribie versuche, das genau sprachlich umzusetzen, was ich mit vorgestellt habe, das heißt also die Beschreibung von Figuren, Dingen, Gegenständen, und zugleich aber muss diese Sprache auch eine Melodie haben, eine Musikalität haben, einen ganz bestimmten Rhythmus haben. Denn das ist der Körper der Literatur. Literatur hat auch einen Körper, ist ja etwas Sinnliches. Das merkt man daran, wenn man laut liest. Und diese Verbindung von dem, was stimmlich, musikalisch, rhythmisch ist, und dem, was kognitiv, bewusstseinsmäßig ist, das den Blick schärft für Sprache und damit auch wieder für das Bewusstsein und für die Wirklichkeit, diese Verbindung, also das genau zusammenzuführen, das wäre mein Bestreben und mein Anliegen.“ (Stilportrait Uwe Timm)


In Bewegung kommen, in Bewegung bleiben: Den Sprachfluss am Leben erhalten

Timm arbeitet seine Texte am Computer aus, einem Laptop , den er nicht nur als Maschine, sondern als „korrespondierendes gedankliches Gegenüber“ einsetzt. Da Worte und Textteile am PC leicht verschiebbar sind, nimmt sein Schreiben, das diese Möglichkeiten nutzt, experimentelle Züge an. „Das Geschriebene entzieht sich seiner Endgültigkeit, kommt in Bewegung und nähert sich für Timm damit dem mündlichen Erzählen.“ (Stilporträt Uwe Timm)

„Ich habe da einen eigenen Rhythmus: Ich muss ein Manuskript einmal durchgeschrieben haben. Das ist dann immer noch ein Text, der sich bewegt, der noch nicht so festgefügt ist. Den zeige ich meiner Frau, einer Übersetzerin. Ihre Vorschläge arbeite ich ein zu einer "ersten Fassung", die ich dem Lektor zeige. Da sind dann immer noch strukturelle Überlegungen möglich.“ (Süddeutsche Zeitung, 30.03.2005)


Polyphon und polychron: Zeitsprünge und Mehrstimmigkeit als Stilideal

Timms großes Können erweist sich nicht nur in der spannenden Paarung von dokumentarischer Genauigkeit und literarischer Freiheit, sondern auch und vor allem in einer Vielstimmigkeit, die das Zeitgefüge im Dienst des Erzählens mit großer Meisterschaft fragmentiert und rekombiniert. Dabei erzählt Timm gegen die lineare Chronologie an, verwebt Handlungsstränge und wechselt Erzählperspektiven und Tonfälle.

Diese bezeichnenden Stilmerkmale entfaltet der Autor auch in seinem bislang jüngsten Roman „Halbschatten“ souverän. In diesem Buch, das die Geschichte Marga von Etzdorfs, einer Flugpionierin des 20. Jahrhunderts, erzählt, schiebt Timm „Subjektives und Objektives, Tatsachen und Erfindungen in einer komplexen Konstruktion ineinander“ (Martin Haller). Daraus resultiert eine „polyphone, sprunghafte Erzähltechnik, ein souverän komponiertes und dirigiertes Stimmenkonzert der Schatten: Die Übergänge, Zeitsprünge, Stil- und Perspektivwechsel gelingen Timm buchstäblich wie im Flug.“ (Martin Haller, Berliner Zeitung, 17.10.2008)

In seiner Besprechung des Romans „Halbschatten“ widmet auch der Literaturkritiker Ulrich Greiner diesem erzähltechnischen Verfahren sein besonderes Augenmerk: „Die Kunst des Erzählens ist doch nicht darauf beschränkt, dass einer sich hinstellt und der Reihe nach auspackt, was ihm eingefallen ist. Wer spricht denn da? Nicht immer nur der Erzähler, der subjektiv beschränkte oder der allwissende, es kann auch ein ganzer Chor von Stimmen sein, wie er sich in diesem ungewöhnlichen, ebenso bestrickenden wie bedrückenden Roman von Uwe Timm Gehör verschafft. Es sind die Toten, die hier sprechen, und genau genommen handelt es sich um ein Requiem, überstrahlt von einer Liebesgeschichte, einer vergeblichen. Halbschatten ist ein Roman, der auf kunstvolle Weise das Historische mit dem Poetischen verschränkt, indem er das Schlachtfeld der deutschen Geschichte aufsucht, den Invalidenfriedhof in Berlin.
Der Erzähler, begleitet von einem Stadtführer, der sich immer mehr als der graue Wächter dieses Schattenreichs entpuppt, lässt sich die Gräber zeigen, und er hört die Stimmen der Toten. Eine davon ist die einer Frau, der einzigen, die auf dem Invalidenfriedhof liegt. Es ist Marga von Etzdorf, die erste deutsche Kopilotin. Am 28. Mai 1933 beging sie in Syrien Selbstmord. Warum? […] Daneben, darunter aber hören wir andere Stimmen, etwa die eines gewissen Anton Miller, Schauspieler, Truppenunterhalter und ein Mann der Affären, der gern mit der Etzdorf eine gehabt hätte und argwöhnisch verfolgt, was mit ihr und Dahlem geschieht. […] So erleben wir, wie das Schicksal des Individuums gekettet ist an das Rad der Geschichte, hören das Stimmengewirr der Täter und der oftmals namenlosen Opfer, die Zeitläufte werden hier zu einer einzigen Allgegenwart, und das Nacheinander bündelt sich im Gang des Erzählers durch die Grabstätten. […]
Man spricht zuweilen von den Schatten der Vergangenheit. Hier werden sie lebendig, in jenem Reich, das zwischen Geschichte und Fiktion, zwischen Hell und Dunkel liegt, und wer sich an diese schöne, zunächst verwirrende Erzählform gewöhnt hat, wird den Roman mit Gewinn ein zweites Mal lesen. Die Kunst des Erzählens ist ja nicht darauf beschränkt, dass einer sich hinstellt und der Reihe nach auspackt, was ihm eingefallen ist, sie kann, wie Uwe Timm zeigt, viel mehr . (Die Zeit, 09.10.2008)

„Die fragmentierte Erzählung, die Zeitsprünge, die in mehreren Perspektiven mehrfach berichteten Ereignisse erscheinen dem Leser oft wie ein Puzzle, ein Abbild des fragmentierten Lebens. Aber bei fortschreitender Lektüre versteht man, dass wir den Zweck dieser Technik weniger in ihrer beabsichtigten Wirkung auf den Leser als beim Autor suchen müssen: Sie verlangt, die Vergangenheit ausschließlich in unzählbaren, mehrfach vermittelten Erinnerungen zu suchen. […] Uwe Timms diskrete Erzählweise bezeichnet in ihrer Form selbst genau die Grenze zwischen dem, was erzählbar und dem, was nicht erzählbar ist. Den Augenblick der Stille, welcher sich einstellt, wenn man das Buch zum Schluss nachdenklich aus der Hand legt, verdanken wir der Kunst Uwe Timms, dem hier ein Stück Literatur als stellvertretende Erinnerung gelungen ist .“ (Hans Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 30.08.2008)



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