BR-online (zur Startseite)
Bayerischer Rundfunk

09.02.2010


BR-Navigation


BAYERN 3



Inhalt

Sinnestäuschung in Marokko Tangerine

Von Christina Raftery
Stand: 12.05.2009

Szene aus "Tangerine"

In der marokkanischen Hafenstadt Tanger suchen Pia (Nora von Waldstätten), ihr Freund Tom (Alexander Scheer) und ihre Band nach Inspiration für ihre Musik. Die Beziehung zwischen Pia und Tom ist angeschlagen, beide wissen nicht mehr, was sie voneinander und überhaupt vom Leben wollen.

Das weiß die junge Amira (Sabrina Ouazani) ganz genau: Sie will weg aus Marokko, wo sie unter der Fuchtel ihrer tyrannischen Verwandtschaft steht. In dem leicht manipulierbaren Tom sieht sie den Schlüssel für eine neue Existenz. Die schöne Bauchtänzerin beginnt ihn zu verführen – vor Pias Augen, die dies als finalen Test für ihre Beziehung zu Tom sieht.

Kritik:

Bewertung
Drei von fünf Sternen

Blick hinter malerische Kulissen

Ein Berliner Pärchen verbringt mit seiner Band einen Sommer in Tanger, saugt die exotische Kulisse auf und freut sich an seiner eigenen Lässigkeit. Die marokkanische Hafenstadt soll sie musikalisch inspirieren, gemeinsam sind sie auf der Suche nach den traditionellen Jajouka- und Jilala-Klängen. Dahinter steht jedoch die große Frage nach der eigenen Originalität, nach dem Platz im Leben und der Beziehung zueinander. Genau wie die farbenprächtigen Märkte, Straßen und Innenhöfe Hintergrund bleiben, in dem sie sich regelmäßig verlaufen, haftet auch ihrem Umgang miteinander etwas zutiefst Unverbindliches an. Tom und Pia experimentieren mit ihrer Beziehung: Die Zeit in Tanger soll eine Auszeit für beide bedeuten und eine Entscheidung zwischen Ende und Neubeginn bringen.

Ganz andere Probleme hat die junge Marokkanerin Samira. Von ihren Eltern, die als Gastarbeiter nach Spanien gingen, verlassen, wird sie komplett von ihrem gewalttätigen Onkel kontrolliert. Ihre unterwürfige Rolle in der Gesellschaft scheint vorgezeichnet, aber die eigensinnige Schönheit will sich damit nicht abfinden. Sie flieht in eine Prostituierten-WG und erlebt dort die desillusionierte Solidarität der Frauen am anderen Ende der marokkanischen Gesellschaft.

Im Nachtleben von Tanger sucht sie den Schlüssel zur Flucht aus der sozialen und materiellen Tristesse: Ein westeuropäischer Mann muss her, und der Bauchtanz ist ihr Mittel, auf sich aufmerksam zu machen. Seine Wirkung verfehlt er vor allem nicht auf Tom und Pia. Beide sind von Samira fasziniert und lassen sich auf ein Spiel zwischen Verführung und Kalkül ein. Tom und Samira beginnen eine Affäre, der Samira folgendes Motto gibt: „If you give me a lot, you love me a lot.“ Pia wiederum erwartet sich eine endgültige Entscheidung für ihre bröckelnde Beziehung. Was für Tom und Pia ein emotionales Experiment ist, entscheidet über Samiras zukünftige Lebensgrundlage. Der Begriff „Freundschaft“ erhält eine völlig neue Dimension, als Samira bei einer Prostiuierten-Razzia festgenommen wird und auf die Unterstützung ihrer deutschen Freunde angewiesen ist...          

Fazit: In „Tangerine“ treffen zwei Kulturen aufeinander, die auf beiden Seiten tiefgreifenden Klischees erliegen: Der Deutsche Tom überträgt seine Faszination für marokkanische Musik und Architektur auf die schöne Samira, während sie in ihm den Schlüssel für ein freieres, materiell abgesichertes Leben sieht.

Sinnliches Gefühlsexperiment gegen harte, aber verständliche Berechnung – so bleibt es jeweils nur bei einer kurzen, oberflächlichen Begegnung mit dem Fremden. Ein Film über soziale und emotionale Realitäten - und nur vermeintlich „Echtes“ in Liebe, Freundschaft und kulturellem Austausch.

Infos:

  • Originaltitel: Tangerine
  • Genre: Drama
  • Regie: Irene von Alberti
  • Drehbuch: Irene von Alberti
  • Darsteller: Nora von Waldstätten, Sabrina Ouazani, Alexander Scheer, Naima Bouzid
  • Kamera: Birgit Moeller
  • Musik: Zeid Hamdan
  • Kinostart: 14.05.2009
  • FSK-Freigabe: ab 6 Jahren
Zur Übersicht: Kino & DVD
  •  
  • RSS
  • Atom