21.11.2009
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Ende der Neunziger demonstrierten Zehntausende gegen den Milleniumsgipfel der WTO; in Frankreich wurde Attac gegründet. Was ist aus der globalisierungskritischen Bewegung geworden? Darüber wird im Zündfunk im Juni und Juli nachgedacht.
Stand: 19.07.2009
Seattle im November 1999: Zehntausende demonstrieren gegen den Millenniumsgipfels der WTO. Heftige Straßenschlachten rufen zum ersten Mal eine neue Protestbewegung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Die Globalisierungskritik ist geboren. Doch schon ein Jahr zuvor hat sich in Frankreich der Verein Attac gegründet. Seine Ziele: Finanzspekulationen eindämmen, die herrschende Wirtschaftslogik hinterfragen, Spielräume für die Demokratie zurückerobern. Heute, in der Finanzkrise, klingt das aktueller denn je.
Bildunterschrift: Demonstration auf dem WTO-Gipfel 1999.
Die Schlacht von Seattle jährt sich nun zum zehnten Mal. Anfang Juli treffen sich die G8-Staaten in Italien. Das weckt schlimme Erinnerungen an den Gipfel 2001 in Genau, als ein Carabinieri den 23-jährigen Demonstranten Carlos Giuliani erschoss. 10 Jahre Gipfelsturm – und jetzt? Was ist aus der globalisierungskritischen Bewegung geworden? Hat das Ringen um eine "andere Welt" Erfolge gezeigt? Neben den Generator-Sendungen findet am 14. Juli um 20.30 im Café der Muffathalle eine Podiumsdiskussion statt mit Vordenkern der Bewegung, Aktivisten und Beobachtern aus Wissenschaft und Politik. Wie immer engagiert und bei freiem Eintritt.
ZÜNDFUNK Generator-Reihe "10 Jahre Gipfelsturm"
14.06.2009: Von Clownsarmeen und rosa Hasen: Die Geschichte der Globalisierungskritik und ihrer Protestformen. Sendung von Armin Hirsch
Sambagruppen, Straßentheater-Aktivisten, in pink und silber gekleidete Feen und Cheerleader und Clownsarmeen: Die Proteste der Globalisierungskritiker sehen oft eher nach Stadtfest aus als nach Demo. Lustig, spielerisch, kreativ will man gegen die Mächtigen der Welt protestieren. Aber auch Straßenschlachten und Auseinandersetzungen mit der Polizei prägen bis heute unser Bild von der globalisierungskritischen Bewegung. Anfang der 2000er Jahre erfreute sich vor allem Attac, das Netzwerk aus Organisationen und Einzelmitgliedern, wachsender Mitgliederzahlen. Doch der anfangs innovative Ansatz, eine Plattform für andere Organisationen zu sein, scheint bereits nach 10 Jahren überholt: Während sich attac im Moment schwer tut, von der aktuellen Wirtschaftskrise zu profitieren, sind kleine Organisationen sehr erfolgreich, die ihren Protest vor allem durch das Internet organisieren. Dort können Leute mit minimalem Zeiteinsatz und ohne sich mit einer großen Organsation herumschlagen zu müssen, punktuell aktiv werden. Während attac noch "Mitglieder" hat, brauchen Initiativen wie campact.de nur noch Aktivisten.
21.06.2009: Global - national - regional. Wie der Globalisierungskritik die Richtung abhanden kam. Sendung von Markus Metz und Georg Seeßlen
Die Krisen der globalisierungskritischen Bewegung teilen sich in selbstgemachte, politisch produzierte und nicht zuletzt medial konstruierte. Der Generator versucht, eine Ordnung in ein Geschehen zu bekommen, das in der Öffentlichkeit und in der Presse gerne als teils liebenswertes, teils aber auch unverantwortliches Chaos dargestellt wird, und die Positionen der Globalisierungskritik in der Weltwirtschaftskrise zu bestimmen. Werden viele altbekannte Forderungen der Globalisierungskritik wie Kontrolle und Besteuerung von Kapitalströmen in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise konsensfähig? Kann es tatsächlich noch eine Einheit dieser Theorie und Praxis geben oder sind Spaltungen und Neubestimmungen unausweichlich? Bringt dies, eventuell in Verbindung mit einer neuen Kapitalismuskritik, die Chance einer Renaissance?
28.06.2009: Von der Multitude zu Paulus - was aus der linken Theorie wurde. Sendung von Ania Mauruschat und Paul-Philipp Hanske
Bildunterschrift: Theorie-Bestseller "Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri
Als im Jahr 2000 "Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri erschien, geschah Unvorstellbares: ein dicker Theoriewälzer, in dem postmoderne und neomarxistische Positionen auf hoch komplexe Weise verwoben wurden, wurde ein Bestseller. Das Buch bekam auch deswegen so viel Aufmerksamkeit, weil im Jahr zuvor der legendäre "Battle of Seattle" stattgefunden hatte. Negri und Hardt sowie viele Globalisierungskritiker sahen in "Empire" die Theoretisierung - aber auch eine Handlungsanweisung der Bewegung. Nach knapp einem Jahrzehnt muss man konstatieren, dass die von Hardt und Negri prophezeite Revolution nicht nur ausblieb, dass viel mehr das kapitalisitische System auch angesichts der augenblicklichen Krise nicht im Geringsten instabil erscheint. Der Zündfunk Generator geht der Frage nach, wie sich in diesen, für die Linke alles andere als erbaulichen Zeiten, die politische Theorie entwickelt. Was wurde aus den Träumen von Negri und Hardt, dass ein loses Netzwerk von frei assoziierten politischen Subjekten (die Multitude) die Welt ändern könne? Bezeichnender Weise wird die Bewegung heute kaum mehr auf diese Weise theoretisiert - stattdessen wenden sich viele explizit linke Philosophen und Denker einem Thema zu, dass die Linke üblicher Weise meidet wie der Teufel das Weihwasser: der Religion.
05.07.2009: Wandel eines Feindbilds? Die Veränderungen von IWF, Weltbank und G8. Sendung von Christian Schiffer
Seattle im November 1999: Die Wut richtete sich aus einer Reihe von Gründen gegen die WTO. Die Organisation galt als eines der wichtigsten Instrumente zur Durchsetzung neoliberaler Prinzipien in der Weltwirtschaft. Die Abkürzungen der WTO-Abkommen, also GATT, GATS und TRIPS, wurden bald zum Synonym für Freihandelsideologie auf Kosten der ärmeren Länder. Aus ähnlichen Gründen gerieten auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) in das Visier der Globalisierungskritiker. Mittlerweile ist es um die großen globalen Institutionen etwas ruhiger geworden. Aber verschwunden sind sie nicht – ganz im Gegenteil. Gerade der IWF soll in der Wirtschaftskrise eine große Rolle spielen und insgesamt 750 Milliarden Dollar an von der Krise gebeutelte Länder vergeben. Nach welchen Kriterien die Gelder vergeben werden, darüber wurde jedoch bislang nichts gesagt. Höchste Zeit also, sich das Wirken von IWF, WTO und Co. noch mal genau anzusehen. Haben die Proteste, die vor zehn Jahren in Seattle stattfanden, zu einem Umdenken geführt? Haben Entwicklungsländer jetzt mehr Mitspracherecht? Oder ist seitdem nicht mehr passiert, als dass vielleicht einige NGOs in beratender Funktion an den Treffen teilnehmen dürfen? Gibt es Ansätze, internationale Organisationen zu Demokratisieren? Und wenn ja, wie?
12.07.2009: No Logo: Ethischer Konsum, oder: Kann man sich eine bessere Welt kaufen? Sendung von Elisabeth Veh
Mit dem Buch "No Logo" der kanadischen Autorin Naomi Klein ertönte im Jahr 2000 eine neue Stimme in der globalisierungskritischen Bewegung. Klein führte zum ersten Mal auf, unter welchen Bedingungen stylische Klamotten oder Laptops von transnational agierenden Unternehmen produziert werden. Die Folge waren Kampagnen, Proteste und ein Bewusstseinswandel, der weit über die globalisierungskritische Bewegung hinaus ging: Als Konsument hat man Macht! Das dachten sich von da an auch Menschen, die sich vorher eher weniger um Politik geschert haben. Die fair gehandelte Banane erlebte einen kometenhaften Aufstieg und mit ihr kamen die LOHAS - die, die die Idee vom ethischen Konsum zum Lifestyle erhoben. Aber: Kann man sich wirklich eine bessere Welt kaufen? Der Zündfunk spricht darüber mit Christoph Harrach von Karmakonsum.de, bekennender LOHAS-Anhänger, sowie mit Claudia Langer, Gründerin von utopia.de. Ihr Credo frei nach Mahatma Ghandi: Fang bei dir selbst an, wenn du was ändern willst. Klaus Werner-Lobo, Autor von "Schwarzbuch Markenfirmen", gehen Informationsnetzwerke für nachhaltiges Leben aber nicht weit genug - ebensowenig wie Hagen Pfaff von attac: Denn kauft man sich mit der fair gehandelten Banane nicht einfach nur ein gutes Gewissen?
19.07.2009: Medium als Erlösung? Das Internet und die Gegenöffentlichkeit. Sendung von Ania Mauruschat
Indymedia, das "Netzwerk der Netzwerke" in Sachen Gegenöffentlichkeit, geht u.a auf das erste offizielle Independent Media Center zurück, das 1999 anlässlich der Proteste gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle gegründet wurde. Damals vernetzten sich erstmals US-amerikanische Medienaktivisten und Bürgerrechtsorganisationen mit Hilfe neuer Medien. Ihr Ziel: Eine Informationsplattform schaffen, die möglichst vielen Menschen eine andere Sicht auf das Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation ermöglichen sollte. Medium als Erlösung?
Zehn Jahre später ist es ruhiger um Indymedia geworden. Die Plattform gibt es zwar immer noch und noch immer verbreitet sie wichtige Informationen für die linke und autonome Szene. Aber jeder halbwegs medienkompetente Jugendliche betreibt heute sein eigenes Weblog, hat eine Seite auf Facebook und twittert was das Zeug hält. In dem seine Wahlkämpfer diese Infrastruktur nutzten, kam Barack Obama an die Macht. So versucht im Iran gerade die Opposition die Weltöffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. Medium als Erlösung?
Indymedia, Web2.0 und Kommunikationsguerillia: 10 Jahre nach Seattle fragt der Zündfunk-Generator: Was ist aus dem Konzept der Gegenöffentlichkeit im Internet geworden?
26.07.2009: 10 Jahre Gipfelsturm – Und jetzt? Mitschnitt der Podiumsdiskussion vom 14. Juli im Café Muffathalle
Die Sendungen sind nach Ausstrahlung hier auch als Podcast abrufbar.