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21.11.2009


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Die Jugendkultur der Emos Geschminkt. Gestreift. Gebasht

Wer's noch nicht mitgekriegt hat: Wir stecken mitten in der dritten Emo-Welle. Doch kaum einer outet sich als Emo - denn die Bezeichnung galt schon in den 80ern als Schimpfwort. Zur Zeit weht der Wind den Emos wieder besonders hart ins Gesicht.

Von Tobias Ruhland
Stand: 17.04.2008

Leslie Simon und Trevor Kelley von HarperCollins: Everybody Hurts: An Essential Guide to Emo Culture. 256 Seiten, HarperCollins 2007

Emos tragen schwarze enge Jeans, Nietengürtel, Chuck Taylor-Schuhe, das T-Shirt schwarz-weiß gestreift oder gepunktet. Buttons. Kajal im Gesicht und dazu eine asymmetrische Playmobilfrisur. Ja, in der Bravo stehen sogar schon die Topten-Emo-Witze drin: "Hey, kennste den schon? Wie viele Emos braucht man zum Glühbirnen wechseln? - Keine Ahnung! - Drei. Einen der sie rausschraubt. Einen, der 'nen Song drüber schreibt. Und einen, der deswegen weint."

Emos sind eindeutig die Ostfriesen unter den Jugendkulturen und werden längst auch schon als PokEMOns verspottet. Einige klingen ja auch fast so, wie ein Youtube-Video zeigt: "Hallo, ich bin Emo. Naja, sieht man glaub' ich. Bin 13 Jahre alt und ich such 'nen süßen Emo-Boy und 'ne Freundin für mich. Ne ganz, ganz gute Freundin für mich. Bitte meldet Euch! Bin ganz brav. Hrrrrrr. Lieb Euch! Tschüsselchen!"

Im Internet wagen Emos schon mal ein Outing - draußen erntet der Begriff vor allem Hass. Und das war von Anfang an so. Mitte der 80er Jahre wollten einige Mitglieder der Hardcore-Punk-Szene in Washington D.C. melodiöser werden und nicht mehr nur über Ablehnung, sondern auch über ihre Emotionen schreien und singen. Irgendwer prägte dafür dann das Label "Emo" - und das wurde schnell zum Schimpfwort, sagt Christian Rüd. Er bucht regelmäßig Bands dieser Szene für das Kafe Kult in München.

Christian Rüd: "Also, es gibt Ansagen von Ian McKaye auf dem Embrace-Konzert, der damals, 1985/86, schon gemeint hat, Emo sei das Blödeste was er jemals gehört habe, und er will mit diesem Begriff nix zu tun haben. Und damals war die Bedeutung noch einigermaßen eng umrissen, und es war damals schon bescheuert."

Mainstream schluckt Emo

Weil niemand "Emo" sein will, bevorzugen viele den Begriff "Post-Hardcore". Aber "Emo" ist stärker. Mitte der 90er mischt er sich mit Indierock und ab 2000 markieren Bands wie Jimmy Eat World den Übergang zum Pop. Der Mainstream schluckt die Emo-Kultur - und von der durchaus politischen Haltung der 80er ist nichts mehr übrig. Was bleibt, ist die Ablehnung des Begriffs: Auch heute erfolgreiche Emo-Bands wie "My Chemical Romance" oder "Panic! At The Disco" würden sich niemals als Emo bezeichnen. Und es gibt eine neue Quelle des Emo-Hasses: Der Symbol-Klau bei anderen etablierten Subkulturen. Beispiel: Der Eight-Ball. Emos tragen gerne eine schwarze "8" als Anhänger. Jene Kugel, die im Billard zuletzt gespielt wird und seinen Träger an seine Endgültigkeit erinnern soll. Eigentlich ein typisches Gimmick der Rockabillies, die auf die Nachmacher herunterschauen.

Christian Rüd: "Den Emos wird vorgeworfen, dass sie einfach nix darstellen, sondern nur Versatzstücke aus anderen Jugendkulturen geklaut haben. Hey, das ist Musik, die aus'm Punk kommt, und es ist Style, der aus dem Goth kommt, und ihr nehmt das einfach und macht da so 'nen Kinderfasching draus. Wenn Emo-Kids sich mal auf eine Hardcore-Show verirren, dann möchte ich für die nicht garantieren, dass sie im Pit dann nicht härter angefasst werden als die anderen."

Emo-Ablehnung artet aus

Der Hass gegen die Hybridkultur der Emos nimmt derzeit in Mexiko bedenkliche Ausmaße an. Zu hunderten wurden Emos im vergangenen Monat von ihren Hassern durch die Straßen getrieben und verprügelt. Der Journalist Daniel Hernandez aus Mexiko City schreibt gerade ein Buch über neue Jugendkulturen in Mexiko. In seinem Blog hat er über die Treibjagden berichtet:

Daniel Hernandez: "Das ist auf jeden Fall auch ein Klassenkampf. Die Emos kommen aus Mittel- und Oberklassegegenden. Die Emo-Hasser findest Du eher in den unteren Gesellschaftsklassen. Die Emo-Kids hängen viel in Einkaufszentren rum. Sie haben nun mal einfach das Geld, den Emo-Look zu kaufen. Emo-Klamotten, Emo-Schmuck und Emo-Musik."

Zu den Emo-Jagden in Mexiko hat auch die Website "Movimiento Anti Emo Sexual" aufgerufen, die "Emo" mit "Homo" gleichsetzt: Jeder Emo ist schwul, weil weinerlich, androgyn, anorektisch, geschminkt und damit extrem unmännlich, so die Schwarz-Weiß-Denke der Seitenmacher.

Kritik von Innen

Leslie Simon und Trevor Kelley von HarperCollins: Everybody Hurts: An Essential Guide to Emo Culture. 256 Seiten, HarperCollins 2007

Bildunterschrift: Leslie Simon und Trevor Kelley von HarperCollins: Everybody Hurts: An Essential Guide to Emo Culture. 256 Seiten, HarperCollins 2007

Die Welt hasst die Emos. Aber die Emos sind auch ein Verein, der sich stasimäßig von innen kritisiert: Als Emo 2.0 muss man ständig in Klamottentempeln wie C&A und H&Emo was für die eigene Uniformierung tun, um sie dann sofort mit den In&Out-Listen im Internet abzugleichen. Mit seinen zusammengeklauten Symbolen und Stilen ist Emo nämlich vor allem eins: Konsumkultur. Zur Gegenkultur reicht's nicht mehr. Und weil der Emo keine Zeit damit verschwenden muss, gegen Atomkraft oder Nazis zu sein, kann er sich voll und ganz um sich selbst kümmern.

Christian Rüd: "Was sich ja dann auch in diesen zahllosen Internetvideos niederschlägt, wo sich zahllose Kinder weltweit den Kopf zerbrechen, ob sie Emo genug sind für Emo. Dass sie auch tatsächlich Angst haben, dass sie jetzt den - nirgendwo verbindlich niedergeschriebenen - Ansprüchen nicht gerecht werden, Emo genug zu sein."

Eigentlich ist diese Verunsicherung ja ganz typisch für Jugendliche: Sich selbst hinterfragen, Orientierungslosigkeit, Weltschmerz. So geht's halt zu, in der Pubertät. Trotz allem Hass erklärt das vielleicht am besten den Erfolg der Bewegung: Früher hat man es Pubertät genannt, jetzt heißt es halt Emo.

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