13.03.2010
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(12. November) Barbara Höfler, Spezialistin für Modediktate und Modesünden tut sich in letzter Zeit immer schwerer, den zahlreichen Fernsehköchen bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Die prachtvollen Bärte der Kochmeister lenken zu sehr ab.
Von Barbara Höfler
In irgendeinem Standardwerk der neuen deutschen Küche muss auch vermerkt sein, wie der neue deutsche TV-Koch auszusehen hat: langhaarig, glatzköpfig, tätowiert, gepierct, vielleicht mit Kapuzenpullover oder Totenkopf-T-Shirt - auf jeden Fall aber mit Unterlippenbart. Jener kleine, direkt unter dem Mund platzierte Bartpelz, den Playboy-Models und Waxing-Kundinnen an anderer Stelle als Brazilian Landing-Strip haben. Die Länge darf variieren zwischen dem Ziegenbart eines Ralf Zacherl und der Kinnbürste seines RTL2-Kollegen Stefan Marquardt.
Bildunterschrift: Fernsehkoch Ralf Zacherl
In der neuen Staffel der "Kochprofis" tragen gleich alle drei Köche ihre Unterlippenbärte zum Einsatz am Herd – dazu der Wirt aus Sachsen, dessen Butze sie auf Vordermann bringen. Es ist schon okay, wenn im Unterschichtenfernsehen der Unterlippenbart eine Art Zunftzwang im Gewerbe der Showköche ist. Aber muss sich gleich jeder hobbykochende "Beef!"-Leser auch eine Intimbehaarung auf dem Kinn stehen lassen? Schauen wir den Köchen in die Töpfe, dann wissen wir mehr.
Schuld an allem ist der Lendenschurz. Hätte sich in der Geschichte durchgesetzt, dass Männer breitbeinig unten ohne gehen, hätte der Bart nie seine Überhöhung als sekundäres Geschlechtsmerkmal erlangt. Mit Bart machte sich der Mann in allen Kulturen zum Tier, je bärtiger desto mächtiger. Sartyre, Germanen, Wikinger – jeder echte Krieger trug einen. Aber es dauerte wirklich lang, bis der lächerliche Restbart auf der Unterlippe etwas galt.
Es waren die Jazz-Intellektuellen der 50er und 60er Jahre. Das Soul Patch oder Jazz Dap genannte Pelzchen trugen Bebop-Trompeter wie Dizzy Gillespie nur, weil das Mundstück eines Blasinstruments schlecht in ein größeres Bartnest passt. Vereinzelt machten noch Grunger Experimente damit, bekifft rasierten sich die meisten ihren Ziegenbart aber aus Versehen wieder ab. Viel bedeutender für die deutsche Bartgeschichte blieben die alten Werte: der Bart des Kriegers auf dem Schlachtfeld, das nun - zivilisatorisch modifiziert - das Fußballfeld wurde.
Bildunterschrift: Fast ein Schnauzer: Paul Breitner 1977
1982 machte die Elfmetergranate Paul Breitner den Schnauzer zum Bundesbart. Sturmführer Rudi Völler und Torkanone Olaf Thon trugen ebenfalls den Nasenrasen, nachrasiert von Millionen Fans - die auch nicht vom Glauben abfallen, wenn sich die Rotzbremse bei den heutigen Nationalspielern zum noch urwüchsigeren Vollbart auswächst. Siehe David Beckham, Sergio Batista, Christoph Metzelder und Olof Mellberg. Wieder machen alle mit. Na ja nicht ganz alle.
Denn der Starkochprolet beginnt den Fußballprolet als Role Model abzulösen: Das wärs: Starkoch sein, mit Bartlätzchen auf dem Kinn - als Serviette wahrscheinlich, falls man beim Abschmecken der sautierten Auster trenzt. Und das ist auch kein Wunder!
Im Fußball geht es in Wahrheit nämlich schon lange ums Kochen: Da werden Knödelreiter verpasst, Gurken kassiert, Bananen geflankt, gerne auch butterweich. An den Herd wollten die Männer also wahrscheinlich schon immer. Aus Angst, als Frau, also als Weichei, zu gelten, haben sie sich aber nie getraut. Jetzt geht’s aber auch in der Küche um Fußball. Es geht um Kocharenen, Küchenschlachten und Titelverteidiger beim perfekten Dinner. Klöse wie Klose, so kann der Mann sich einlassen auf das angeblich urweibliche Geschäft.
Wenn er dazu jetzt dringend einen Unterlippenbart braucht, gibt das Anlass zu schöner Hoffnung: Vielleicht kochen Männer bald mit weniger Testosteron. Unbewusst weiß nämlich sogar Ralf Zacherl, dass er mit dem Landing Strip eindeutig ein weibliches Geschlechtsmerkmal mitten im Gesicht hat. Ein erster Schritt aus dem Gefängnis der ewigen Männlichkeit ist damit schon – rasiert.
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