31.07.2010
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Von Jagoda Marinic
Bildunterschrift: Jagoda Marinic
Meine Mutter pflegte mir früher mit einem abergläubischen Sprichwort den Jahreswechsel zu versauen. An Silvester nämlich, so ihre Lehre, seien, bevor die Nacht einbricht, all jene Dinge zu tun, in denen man es das kommende Jahr zur Könnerschaft bringen wolle. Sollte man die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, blieben einem gerade dort, wo es einem am Wichtigsten ist, nur zwei linke Hände. So entledigt sich eine mehrfache Mutter an Silvester ihres Nachwuchses, indem sie ihn mit Tätigkeiten beschäftigt, aus denen der Stoff ihrer Träume ist.
Meine Brüder stellten sich voll und ganz in den Dienst des runden Spielglücks. Sie verließen das Haus mit Tennis-, Fuß- und Handbällen im Gepäck und kehrten erst am späten Abend wieder. Da in südländischen Familien hier und da die Frage nach der Selbstverwirklichung gerne nach Geschlechtern aufgeteilt wird, musste ich meiner Mutter, je nach Tagesform, mehr oder minder schonend beibringen, dass ich nicht vor hatte, es in Sachen Hausarbeit oder Dienstmädchendasein zur Könnerschaft zu bringen. Offensichtlich hatten sie sich das anders ausgemalt. Die Herren der Schöpfung hatten Talente, die Damen derselben Zeit und Muse, den Herren den Weg zu bereiten. Da herrschte also, gelinde gesagt, ein Generationen- oder Kulturkonflikt zwischen meiner Mutter und mir und die einzige Könnerschaft, zu der ich es folglich von Jahr zu Jahr erfolgreich bringen würde, war der Zwist. Wobei außer Frage stand, dass die Urheberrechte dieses Zwistes bei mir, also bei dem Versuch lagen, gegen das Schicksal der Frau aufzubegehren… Manchmal verloren wir uns derart in Auseinandersetzungen, dass ich es gerade noch schaffte, mich, bevor es dunkel wurde, an den Schreibtisch zu setzen, nicht, um meine Träume zu verwirklichen, dafür war keine Zeit mehr, sondern um an diesem verdammten Schreibtisch mindestens einen Funken Verständnis für eines der naturwissenschaftlichen Fächer in meine Gehirnwindungen zu pressen. Eben noch junge Emanze, nun schon verloren in jenem weiblichen Klischee, in dem Naturwissenschaft als Synonym für böhmische Dörfer galt. Und dann?
Das Jahr sollte kommen, in dem ich tatsächlich von der Hausarbeit befreit wurde, der Kampf war ausgekämpft, ich durfte mich am letzten Tag des Jahres, wie die Söhne meiner Mutter, meinen Träumen, Wünschen und ausschließlich jenen Tätigkeiten widmen, nach denen es in mir brannte. Und siehe da: nichts brannte. Nichts. Stattdessen hatte es sich im Laufe all der Jahre eingebrannt, dass es ums Kämpfen geht, ums Nicht-Sein und Nicht-Haben-dürfen, um das Recht, anders zu sein, und doch gleich. Der Kampf war an die Stelle der Wünsche getreten. Endlich am Ziel meiner Träume angelangt, stellte ich fest, dass sich meine Träume auf dem Weg zu ihnen verändert hatten. Ich wollte an Silvester, meinem ersten freien Silvester, keiner Tätigkeit nachgehen, ich wünschte mir die Intensität, die ich in dem Bewusstsein gefunden hatte, mich im Unrecht zu fühlen und dafür zu kämpfen, dass etwas anders wird.
Vielleicht beschließe ich deshalb ein Jahr ungern mit guten Vorsätzen. Oder deshalb, weil mein Vater sein Feuerwerk immer schon im alten Jahr gen Himmel schleuderte, es galt, das vergangene Jahr zu feiern, das sicher gut war, während das neue, wenn es sich als gut erweisen sollte, auch an seinem Ende belohnt werden könne, nicht vorher. Mag auch sein, es ist das Relikt einer, trotz der Ungleichbehandlung, privilegierten Phase des Lebens, in der man einen Vormund hat. Oder zwei. Ich war bis zum Ersticken geborgen in diesen Regeln, gerettet nur durch den Idealismus junger Teenager, deren Dasein als Mündel ihnen zum einen das Recht verschafft, auf elterliches Unrecht hinzuweisen, zum anderen aber auch die Freiheit und Zeit, sich mit Dingen zu befassen, für die Mündige bald keine Zeit mehr finden, geschweige denn Emotionen übrig haben werden.
Zwischen den Jahren. Silvester. Neujahr. In dieser Zeit flammt die Kämpferin von damals gerne in mir auf. Es ist mir bis heute fast peinlich, wenn ich von Vorsätzen höre. Ob es sich dabei um die überschüssigen fünf Kilo auf der Waage oder die zehn Kippen zu viel im Mund handelt, ist mir gleich. Es gibt sicher allerlei Wünsche, die nur darauf warten, dass ich sie endlich habe, doch ich halte mich seit jenen Tagen für eine Kämpferin, wenn, dann muss es Großes sein, was ich wünsche. Veränderung. Für mich, aber nicht nur für mich, was nicht bedeutet, dass man nicht bei sich anfangen kann. Doch in welche Richtung? Die Kämpferin von damals ist eben kein Mündel mehr und muss sich einteilen, wofür und wogegen sie kämpft. Manchmal, vor lauter innerem Rangeln um das Wichtige und Richtige, wird es nichts. Da gerät sie in Versuchung, am Jahresende den Vorsatz zu fassen, sich für etwas zu entscheiden, das ihr richtig und wichtig ist. Nicht immer liegt es auf der Hand.
Ich bin dankbar für die Geschlechterrollen, die damals in meiner Familie herrschten, weil sie mich lehrten, Unrecht zu fühlen und dagegen anzukämpfen. Bis heute der einzige Vorsatz, der geblieben ist. Jahr um Jahr. Zu entscheiden scheint dabei ebenso wichtig wie offen zu bleiben, weil die Fackel des Unrechts schnell weitergereicht wird, die Stelle die brennt, breitet sich aus. Heute könnte ich am letzten Tag des Jahres problemlos singen, tanzen und die Dinge tun, die meinen Brüdern damals der Ball in all seinen Ausprägungen war. Man könnte auch behaupten, wenn jeder an diesem letzen Tag im Jahr das tun würde, was er liebte, wenn er damit begänne, das Geliebte zur Meisterschaft bringen zu wollen, wäre bereits viel Unrecht getilgt. Dann aber, gibt es jene, die gerne Unrecht tun und es gerne darin zur Könnerschaft bringen, die es auch an Silvester nicht unterlassen, Menschen in die Ecke zu drängen und weiter, und ich habe, wenn ich an das denke, was kommt, immer nur den Wunsch, dass Menschen Vorsätze fassen, die alle angehen.
geboren 1977, lebt nun nach längeren Aufenthalten in Zagreb, Split und New York in Heidelberg und Berlin. Nach einem Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Anglistik hat sie Prosa und Dramatik in Zeitschriften veröffentlicht sowie journalistische Arbeiten, unter anderem für die Frankfurter Rundschau. 2001 erschien ihr Erzählungsband Eigentlich ein Heiratsantrag, 2007 veröffentlichte sie ihr Romandebüt Die Namenlose. Im selben Jahr hat sie den Exzellenzpreis für das beste Programm der Kulturhauptstadt Hermannstadt für das Theaterstück Zalina erhalten und beim Ingeborg Bachmannpreis gelesen. 2008 war sie Kuratorin für den Heidelberger Stückemarkt und Artist in Residence am Goethe Institut Toronto.