BR-online (zur Startseite)
Bayerischer Rundfunk

22.03.2010


BR-Navigation


Bayern 2



Inhalt

Massive Attack "Heligoland"

(8. Februar) 1991 erschien mit "Blue Lines" das erste Album von Massive Attack aus Bristol. Es wurde das Opus Magnum des TripHop und das Album der 90er Jahre - nicht nur im Zündfunk. Nun erscheint "Heligoland". Wie immer zeigen sich Massive Attack atmosphärisch und politisch.

Von Roderich Fabian

Massive Attack

2003 veröffentlichten Massive Attack das letzte reguläre Album "100th Window". Die Band war aber diese sieben Jahre lang nicht untätig. Die verbliebenen Gründungsmitglieder 3D (Robert Del Nja) und Daddy G (Grant Marshall) waren viel auf Tour und 3D hat diverse Filme mit Soundtracks versorgt. Das neue Album "Heligoland" ist nach der deutschen Insel benannt. Es war das schöne und vieldeutige Wort "Hell Go Land", das die Namensgebung inspirierte. Für 3D war es eine willkommene Abwechslung von der visuell gebunden Filmarbeit.

3D: "Allmählich hat mich die Filmmusik mutlos gemacht. Irgendwie ist das ein undankbarer Job, denn das ist eben Gebrauchsmusik. Filmemacher haben Angst vor der Stille. Deswegen muss die Musik die Story fortentwickeln, die Persönlichkeiten der Figuren unterstreichen und die Erlaubnis erteilen, wann man lachen oder weinen darf - und mit der Zeit wird das eben langweilig."

"Heligoland" ist also Musik um ihrer selbst Willen, ein Album, das auch ohne dazugehörige Bilder auskommt oder - wie immer bei Massive Attack - ein Album, bei dem die Bilder im Kopf des Zuhörers entstehen. Denn atmosphärisch ist auch dieses Album, zusammengehalten durch die Sounds und die Beats, aber variiert durch die Stimmen der singenden Gäste.

Hochkarätige Gäste

Sehr unterschiedliche Stimmen sind dabei, wie hier die von Elbow-Sänger Guy Garvey. Aber auch Blur-Frontmann Damon Albarn, in dessen Studio Teile des Albums entstanden sind, der Reggae-Veteran Horace Andy - ein Stammgast bei Massive Attack - oder die immer leicht esoterisch-entrückte Amerikanerin Hope Sandoval, einst Aushängeschild der Bands Opal und Mazzy Starr - mit ihr sind Massive Attack eine Fernbeziehung eingegangen.

Daddy G: "Ursprünglich wollte Hope ein paar Backing-Tracks von uns. Die haben wir ihr geschickt und sie hat sie zurückgeschickt. Leider haben wir uns noch nie getroffen. Aber wir hoffen, dass sie bei ein paar Auftritten in den Staaten dabei ist."

3D und Daddy G sind - nicht nur in dieser Beziehung - Freunde des File-Sharings, also moderner Kommunikation, die nicht mehr an bestimmte Orte gebunden ist. Aber der Sound von "Heligoland" ist tief verwurzelt in Traditionen, die Massive Attack bereits am Anfang ihrer Karriere adaptiert und fortentwickelt haben. Der zentrale Einfluss ist und bleibt nämlich Dub-Reggae, der von Migranten schon in den 70er Jahren von Jamaika nach England eingeführt wurde. 3D steht zu seiner Geschichte.

3D: "Die afrokaribischen Wurzeln aus Bristol, die Reggae-Geschichte der Stadt hat Massive Attack ausgemacht und auch die Vorgängerband, The Wild Bunch. Diese ganze Punk-Ska-Reggae-Szene, danach die HipHop-Szene, kurz: Die Art und Weise, wie die Szenen an die Vergangenheit angedockt hat, um die Zukunft zu erfinden, darum geht’s bei uns."  

Politisch im Hier und Jetzt

Massive Attack: Heligoland

Bildunterschrift: Tief verwurzelt im Dub-Reggae: Massive Attack

Mag auch die musikalische Vergangenheit der Band überall anklingen, mag auch in den letzten 20 Jahren viel von dem in den Mainstream eingeflossen sein, was Massive Attack, Portishead und Tricky einst in Bristol kreiert haben, politisch bleibt die Band weiterhin im Hier und Jetzt. Massive Attack engagieren sich in der NGO "The Hoping Foundation", die palästinensische Kinder unterstützt und weil 3D Halb-Italiener ist und sich viel in der Heimat seines Vaters aufhält, greift er auch aktuelle italienische Diskurse auf. In ihren Live-Shows werden politische Skandale thematisiert: Bei einem Auftritt in Mailand im letzten November lief hinter der Band in großen Lettern eine Anklage gegen die italienische Justiz.

3D: "In diesem Fall ging es um Informationen über einen jungen Mann namens Stefano Cucchi, der im Knast gestorben ist. Und er ist nur einer von rund 1.500 jungen Italienern, die in Polizeigewahrsam umgekommen sind oder 'Selbstmord' begangen haben. Das ist eine entsetzliche Statistik für ein sog. zivilisiertes Land."

Der 31jährige Stefano Cucchi starb am 22. Oktober 2009 in einem römischen Gefängnis nach einer bis heute nicht geklärten Schlägerei. Cucchi war wegen Drogenbesitz eine Woche zuvor verhaftet worden. Er war nicht vorbestraft. Beim Massive-Attack-Auftritt in Mailand wird unter dem Beifall des Publikums Gerechtigkeit für Cucchi und die anderen Todesopfer eingefordert. Und in den Texten der Songs auf "Heligoland" wird die Sehnsucht auf eine gerechtere Welt poetisch umschrieben. "In den Höhlen unseres Geistes hat man einen Systemfehler hinterlassen", heißt es da, "aber sie strecken ihre Hälse und beten für Regen".

Anhören!

- Massive Attack "Heligoland"

- Massive Attack

Jede Woche gibt es hier den Beitrag zum Album der Woche als Podcast. Diese Woche empfiehlt Roderich Fabian "Heligoland" von Massive Attack: Gewohnt gut. Für neue Aspekte sorgen Gastsänger wie Damon Albarn und Hope Sandoval. [AudioMP3-Download] -

Zur Übersicht: Zündfunk
  •  
  • RSS
  • Atom