09.02.2010
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Die deutsche Offshore-Industrie ist trotz Finanzkrise in Goldgräberstimmung. Positiv soll sich die Offshore-Entwicklung aber nicht nur auf den Arbeitsmarkt auswirken. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel setzt auf die saubere Energie, um die Klimaschutzziele zu erreichen.
Ein Feature von Helmut Stapel
240 Tonnen schwere Antriebsgehäuse, Wassertiefen bis zu 30 Meter, Stromkabel mit einem halben Meter Durchmesser – die deutsche Offshore-Industrie ist eine aufstrebende Branche der Superlative. An der Nordseeküste entstehen riesige Fabriken mit insgesamt mehreren tausend Arbeitsplätzen. Städte wie Bremerhaven mit schwacher Wirtschaftsstruktur und hoher Arbeitslosigkeit profitieren von dem Boom. Ehemals brachliegende Häfen sind erfüllt von Baulärm, Arbeit und hochaufragenden Bauteilen für die ersten Windräder auf dem Meer.
"Sie sehen hier dieses Fahrzeug, das die Anlagen aus unserer Fabrik transportiert. Es hat 64 einzelne Räder und kann eine Last von 650 Tonnen heben. Das kann man sich schon vorstellen wie ein Space-Shuttle, das gerade aus der Halle transportiert wird."
Klaus Janßen, Produktionsleiter, Windradhersteller Multibrid, Bremerhavener Fischereihafen
Von Bremerhaven aus werden die großen Generator-Gehäuse für den Kopf der Windräder, die Windradflügel und die Fundamente für die High-Tech-Windmühlen im Windpark "Alpha Ventus" vor der Küste der ostfriesischen Insel Borkum verladen und verschifft. Mehr als 45 Kilometer vom Festland entfernt entsteht dort derzeit der erste deutsche Offshore-Windpark.
Doch "Alpha Ventus" ist nicht nur Lieferant von ökologisch erzeugtem Strom. Die beteiligten Firmen testen, wie sich der Windpark auf dem Meer überhaupt bauen lässt, denn Erfahrungen auf dem Gebiet gibt es in Deutschland bisher keine. Auch die Auswirkungen auf die Natur sind völlig unbekannt.
Wie verändern sich die Strömungsverhältnisse durch die massiven Stahlfundamente, auf denen die Turmöhren montiert sind, und die im Wasser aufragen? Werden Tiere durch den Bau der Windräder mitten im Meer so massiv gestört, dass sie abwandern und das ökologische Gleichgewicht kippt? Oder führt der Bau der Windparks, in denen die Schifffahrt zukünftig verboten ist, sogar dazu, dass sich dort bedrohte Fischbestände zurückziehen und ihre Jungen großziehen? Diese und andere Fragen will die Bundesregierung beantworten und hat das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit einer Offshore-Windkraft-Studie am Beispiel Alpha Ventus beauftragt.
"Man wird Kollisionen von Vögeln mit Windrädern nicht ganz verhindern können. Aber, auch das man ganz realistisch sagen: Alle Formen der Energieerzeugung haben irgendwelche Nachteile! Wir wollen diesen Strom, also müssen wir abwägen, was wir bereit sind, dafür zu zahlen. Und das ist in diesem Fall die Gefährdung von Vögeln durch Windkraftanlagen."
Ommo Hüppop, Ornithologe, Wilhelmshavener Institut für Vogelforschung
Wenn auch die Wissenschaftler bisher wenig zu den Auswirkungen der Offshore-Windkraft auf die Umwelt sagen können, ist eines aber klar: Ohne Opfer wird es nicht gehen.
So sehr wie der Wirtschafts-Aufschwung durch die Windkraftbranche an der Nordseeküste begrüßt wird, so gefährdet der massive Ausbau der Windkraft auf See aber auch bestehende Arbeitsplätze. Rund 70 Anträge für den Bau von Offshore-Windparks liegen der Genehmigungsbehörde in Hamburg vor. Einer davon ist der Windpark Nordergründe in der Außenweser. Die Fischer an Elbe und Weser haben dagegen Klage vor dem Oldenburger Landesgericht eingereicht. Sie befürchten Fangeinbußen bis zu 50 Prozent, weil der Windpark mitten in ihren Fanggründen gebaut wird.
"Bei Windenergieanlagen insgesamt ist im Moment ganz klar zu beobachten, dass die Leistung weiter ansteigen wird. Es wird natürlich immer wieder Grenzen geben. Aber es kann auch sein, dass ganz neue Technologien auf den Markt kommen - wie supraleitende Generatoren oder magnetische Kraftübertragungssysteme – und dann kann man noch mal einen richtigen Leistungssprung schaffen."
Dr. Hans-Gerd Busmann, Leiter des Bremerhavener Fraunhofer-Instituts
Doch der Boom in der Windkraft-Industrie wird sich nicht aufhalten lassen. Durch die sogenannte Einspeisevergütung wird die Stromproduktion auf dem Meer von der Bundesregierung unterstützt. Selbst weit entfernte Investoren wie die Münchner Stadtwerke sind inzwischen am Bau von Windparks auf dem Meer beteiligt. Und weil der Bau eines großen Windrades auf dem Meer wesentlich günstiger ist als der Bau vieler kleiner Windräder, wird auch die Entwicklung der Windräder weitergehen.
Mit ihren Konstruktionen haben die Ingenieure inzwischen erreicht, dass ein 5-Megawatt-Windrad jährlich Strom für bis zu 6.000 Haushalte erzeugen kann. Die minimale Laufzeit wird mit rund 20 Jahren angegeben. Und dabei wird das Offshore-Windrad seinem Ruf als ökologischer Stromlieferant schneller gerecht als Kritiker denken: Bereits nach einem halben Jahr hat eine 5-Megawatt-Anlage so viel Strom produziert, dass der Energieaufwand der Herstellung wieder eingefahren ist.
Multibrid ist Hersteller von Windenergieanlagen für Offshore-Projekte: www.multibrid.com
Institut für Vogelforschung, Helgoland: www.fh-oow.de
Mittwoch, 20. Mai 2009, 18.05-18.30 Uhr, Bayern 2
Autor: Helmut Stapel
Redaktion: Ellen Norten
Wissenschaft und Bildung