06.01.2010
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Hörspiel des Monats April 2009 (Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste)
Mit Thomas Manns Der Zauberberg, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und Peter Weiss’ Die Ästhetik des Widerstands entsteht seit dem Jahr 2000 beim Bayerischen Rundfunk eine Reihe mit Hörspielfassungen der herausragenden deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Das jüngste Projekt dieser Reihe widmet sich Hermann Brochs Roman-Trilogie Die Schlafwandler:
Diese, insgesamt 12 Stunden bzw. Teile umfassende Hörspiel-Trilogie findet nun mit Huguenau oder die Sachlichkeit ihren Abschluss.
Die hörspiel-künstlerische Auseinandersetzung mit dem seinerzeit gefeierten, derzeit zu wenig beachteten Autor und seinem Werk Die Schlafwandler beleuchtet die Bedeutung Brochs für die Entwicklung des modernen Romans.
Untergliedert in die Jahre 1888, 1903 und 1918 gewährt die Trilogie Einblicke in drei zeitliche und gesellschaftliche Etappen in Deutschland: Von der ausklingenden Romantik des späten 19. Jahrhunderts über die Anarchie zur sogenannten Sachlichkeit der Nachkriegsepoche verhandelt sie in diesem geschichtlichen Querschnittspanorama den 'Zerfall der Werte'.
Nach meiner Überzeugung gehört Brochs Roman-Trilogie Die Schlafwandler zu den wenigen – heute wohl für Europa an den Fingern einer Hand herzuzählenden – wahrhaft bedeutenden und überzeugenden Gestaltungen dieser Art, die bleiben und von unserer Zeit zeugen werden. (Thomas Mann)
Begründung der Jury:
Huguenau oder die Sachlichkeit ist der dritte und markanteste Teil der Schlafwandler-Trilogie von Hermann Broch, die nun vollständig vom BR als Hörspiel realisiert wurde. Damit wird einem wenig bekannten, aber hochspannenden Stoff Aufmerksamkeit geschenkt, dessen Autor noch immer als Geheimtipp gilt.
Sein Protagonist Huguenau wird zum Prototyp der Nachkriegszeit und der entstehenden Moderne, aber zu einem ganz kugelrund-lebendigen. Eine bemerkenswert fiese Figur, an der man doch neugierig dran bleibt, wenn sie als Schleichhändler und prima Kapitalplatzierer aus den Wirren der Nachkriegszeit und dem allgemeinen Wertezerfall Profit schlägt.
Im Hörspiel wird Huguenau herrlich trocken gesprochen von Samuel Finzi, ohnehin ist die Besetzung herausragend: In weiteren Rollen sind unter anderem Peter Kurth, Hanns Zischler, Jens Harzer, Milan Peschel und Wolfram Koch zu hören.
Klaus Buhlerts Inszenierung ist ebenso schlicht wie markant, der Einsatz von (Marsch-) Musik ist klar gesetzt und pointiert. Ein insgesamt überzeugendes Projekt, das von einer noch heute wirkmächtigen Zeit erzählt.
Bearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
BR 2009, Länge: 5 Teile à ca. 55’
Wilhelm Huguenau, ein erfolgreicher Handeslvertreter, wird zum Wehrdienst eingezogen und endet schließlich als Infanterist an der belgischen Front. Vom Militärdienst an seine dröge und sinnlose Schulzeit erinnert, dauert es nicht lange, bis Huguenau Ende des Ersten Weltkriegs desertiert und zurück nach Deutschland flüchtet.
Deserteur Huguenau schlägt sich mit protestantischer Sachlichkeit durchs Hinterland, er entgeht mit Schläue der Verhaftung und erreicht schließlich ein kleines Moselstädtchen. Hier verfällt er seinem Drang nach profitabler Geschäftemacherei und trifft dabei sowohl auf den hiesigen Stadtkommandanten Joachim von Pasenow, als auch auf August Esch, den Herausgeber der Lokalzeitung Kurtrierscher Bote – beides Hauptfiguren des ersten, respektive zweiten Teils der Schlafwandler-Trilogie. Unter dem Motto "Zweck hat, was mir selber nützt!" erschwindelt sich Huguenau erst den Besitz am Kurtrierschen Boten, um dann später bei den Militärbehörden gegen den geprellten Esch, der vom Laienprediger immer mehr zum religiösen Eiferer wird, zu intrigieren.
Schnell verblasst der Reiz des Neuen und Huguenau verliert die Begeisterung für die Zeitung. Anfang November 1918 erreicht der Krieg und damit das Chaos auch die kleine Stadt. Gerüchte über den Zusammenbruch der Front kursieren.
Während einer Gefangenen-Revolte wird Major von Pasenow schwer verletzt. Huguenau bewerkstelligt es, sich in den Wirrnissen dieser Nacht Esch vom Leibe zu schaffen und anschließend ins sichere Hinterland zu flüchten. Wieder daheim in Colmar heiratet er mit erschwindeltem Geld, entledigt sich der Zeitung und führt das erfolgreiche väterliche Geschäft weiter. "Sein Leben war das, das seine fleischlichen Ahnen seit zweihundert Jahren geführt hatten, und sein Gesicht war ihr Gesicht."
Hermann Broch, geb. am 1.11.1886 in Wien, gest. am 30.5.1951 in New Haven (USA). Österreichischer Schriftsteller. Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten. Technische Ausbildung zum Textilingenieur. Bis 1927 leitender Direktor der väterlichen Firma. 1928-31 Studium der Mathematik, Philosophie und Psychologie. 1935 Verlagerung des Wohnsitzes nach Tirol, später in die Steiermark. 1938 Inhaftierung durch die Nazis. Mit Hilfe von James Joyce Ausreise nach England. Von dort aus, auf Betreiben von Thomas Mann und Albert Einstein, Emigration in die USA. Wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Psychologie, Politik und Philosophie. Ab 1950 Professor an der Yale-Universität.
Wissenschaftliche Schriften von Hermann Broch u.a. Logik einer zerfallen Welt (1930), Das Böse im Wertesystem der Kunst (1933), Geist und Zeitgeist (1934), Hofmannsthal und seine Zeit (1951, 1955), Massenpsychologie (1959).
Romanwerke: Die Schlafwandler. Romantrilogie (1931/32), Die Unbekannte Größe (1933), der „Bergroman“, entstanden 1935-51, erschienen unter dem Titel Der Versucher (1953), Der Tod des Vergil (1945), Die Schuldlosen. Roman in 11 Erzählungen (1950).
Weitere Hörspieladaptionen: Die Entsühnung (DRS/ORF 1961), Die Erzählung der Magd Zerline (DRS 1987;SFB 1989; ORF 1989), Der Tod des Vergil (NDR 2004).
Eines teile ich jedenfalls mit Kafka und Musil: wir haben alle drei keine eigentliche Biographie; wir haben gelebt und geschrieben, und das ist alles. Hermann Broch