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10.02.2010


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Medien in der Krise Ende der Vierten Gewalt?

Die Hiobsbotschaften häufen sich: Werbeeinnahmen brechen weg, Auflagen sinken, Bürger informieren sich im Internet kostenlos. Das Allheilmittel von Verlagen und Sendern heißt sparen. Wie sollen Journalisten da ihrer Aufgabe nachkommen, Politik und Gesellschaft kritisch zu begleiten?

Stand: 27.03.2009

"On-Air"-Symbol, Bundesadler hinter Presse-Mikrofonwald

Redaktionen werden verkleinert, Honorare gekürzt, Etats zusammengestrichen, Mitarbeiter entlassen: Bei der Süddeutschen Zeitung müssen jährlich 15 Millionen Euro eingespart werden, neben zahlreichen Verlagsmitarbeitern werden auch mehr als 20 Journalisten das Flaggschiff der deutschen Tageszeitungen verlassen. Bei der WAZ-Mediengruppe in Nordrhein-Westfalen werden Redaktionen zusammengelegt, 300 von 900 Redakteure müssen gehen – aber die inhaltliche Qualität soll laut Geschäftsführer Bodo Hombach darunter nicht leiden.

Pressefreiheit - Artikel 5 Grundgesetz, Absatz 1
Studendemonstration gegen Verhaftung Rudolf Augsteins in Hamburg - Kind hält Spiegel-Ausgabe in der Hand

Bildunterschrift: Hamburg: Spiegel-Affäre 1962

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

  

Gruner & Jahr hat seine Wirtschaftsredaktionen in Hamburg zusammengefasst und sich dabei von 120 Kollegen getrennt – 50 bis 60 durften sich, zu schlechteren Konditionen, wieder bewerben.
Bei der Berliner Zeitung ist der als "Heuschrecke" titulierte britische Investor Montgomery gescheitert, weil er 25 Prozent Rendite aus dem Blatt ziehen wollte – bei sinkendem Personalstand und sinkender Qualität. Die Passauer Neue Presse (PNP) hat Ende letzten Jahres einer Reihe von Redakteuren über Nacht den Stuhl vor die Tür gestellt.

Die Vierte Gewalt
Jean-Jacques Rousseau

Bildunterschrift: Jean-Jacques Rousseau, politischer Philosoph der Aufklärung (1712 - 1778): Die Presse als "Vierte Säule des Staates".

Die Idee, die Presse solle den Staat kontrollieren, wurde von Jean-Jacques Rousseau entwickelt. Der Begriff der "Vierten Gewalt" im Staat – neben Legislative, Exekutive und Judikative – hat sich im Liberalismus des 19. Jahrhunderts etabliert.

Medien haben eine wesentliche Rolle für das Funktionieren unserer Demokratie, indem sie Öffentlichkeit herstellen.
Das Bundesverfassungsgericht hat Kritik- und Kontrollfunktion von Presse und Rundfunk in zahlreichen Urteilen gestärkt.

Wirtschaftskrise und Strukturkrise

Zeitungen sind besonders massiv von dieser zweiten Medienkrise im neuen Jahrtausend betroffen. Aber auch die kommerziellen TV-Sender geraten unter Druck: Bei RTL, SAT.1 und ProSieben sinken die Werbeeinnahmen dramatisch. Das führt zu Entlassungen und Ausgliederungen. Das alles ist nicht nur eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2009 voraussichtlich zu einem Minus von 10 bis 20 Prozent bei den Werbeeinnahmen führen wird, sondern auch ein Signal des Strukturwandels im Medienbereich. Das Internet wird nicht mehr nur von jungen Leuten verstärkt genutzt, um sich zu informieren und um sich zu unterhalten; auch die ältere Generation zieht nach.

Internet - erstmals Informationsquelle No. 1 in den USA
Gebäude des Medienkonzerns Chicago Tribune in den USA mit Flaggen

Bildunterschrift: Zeitungssterben in den USA

2008 informierten sich erstmals mehr Amerikaner im Web als in der Presse. 2009 soll für die US-Zeitungsbranche das "schlimmste Jahr" überhaupt werden. Auflage und Gewinne sinken dramatisch.

Seit 2001 ist jeder vierte Redaktionsarbeitsplatz verloren gegangen, mehrere Lokal- und Regionalzeitungen wurden geschlossen. Vor dem Aus stehen so renommierte Blätter wie San Francisco Chronicle, Chicago Tribune, Miami Herald. Selbst die US-Flaggschiffe Washington Post und New York Times sind in ernsthaften Schwierigkeiten.

Medien 2.0 - Journalismus in der Beschleunigung

Alle etablierten Medien, ob Zeitung, Zeitschrift, Radio oder Fernsehen, müssen daher mit eigenen Online-Auftritten präsent sein. Doch das kostet Geld und Personal, bringt aber noch wenig ein. Spiegel online soll als einziger Print-Ableger im Netz bereits rentabel sein – ansonsten existiert, trotz Online-Werbung, noch kein funktionierendes Geschäftsmodell für journalistische Inhalte im Internet. Denn dessen Kostenlos-Philosophie lässt es nicht zu, für hochwertigen Content einen Extra-Obulus zu verlangen.


Flick-Parteispendenaffäre - Eberhard von Brauchitsch vor dem Untersuchungsausschuss mit Reportern

Bildunterschrift: Eberhard von Brauchitsch, einer der Hauptakteure in der Flick-Affäre im Untersuchungs-Ausschuss (Bonn, 1984).

Dieser Wandel hat massive Folgen für den Journalismus. Immer weniger Redakteure und freie Mitarbeiter müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr Inhalte bereitstellen: Der schnelle Bericht für die Online-Seite, mit selbstgeschossenen Fotos bebildert, der analysierende Hintergrundartikel für die gedruckte Zeitung, das Interview, mit der Videokamera mitgedreht.

Auf der Strecke bleiben Sorgfalt, Recherche, Nachfrage. Wo gibt es noch Zeit und Geld für ausführliche Recherche, um Skandale wie die Flick-Spendenaffäre oder die Schwarzen Kassen der hessischen CDU aufzudecken?

Herausforderungen des www

YouTube-Logo im Internet

Parallel zu den etablierten Medien tummeln sich Blogger und Podcaster im Netz – teils selbsternannte, teils wirkliche Journalisten, und viele Laien ohne journalistischen Anspruch. In den Social Networks wie StudiVZ, Youtube oder MyVideo werden Neuigkeiten ungefiltert verbreitet und oft abstruse Meldungen gehypt. Der Kurzmeldungsdienst Twitter steuert ein Grundrauschen an vermeintlichen Informationen bei. Immer mehr Menschen suchen sich ihre Nachrichten auf diesen Wegen - ohne journalistischen Filter, ohne professionelle Einordnung.

Entwicklung der Internet-Nutzung 1997 - 2008

Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl der Internet-Nutzer in Deutschland rund verzehnfacht. Untersuchungen von ARD und ZDF belegen, dass 1997 4,11 Millionen Erwachsene ab 14 Jahren das Internet nutzten. 2007 waren es 40,80 Millionen und 2008 bereits 42,65 Millionen oder 65,8 Prozent.      

Welche Inhalte werden im Internet genutzt?

Welche Inhalte des Internets werden häufig bzw. gelegentlich genutzt? In den ARD/ZDF-Onlinestudien 2007 und 2008 wurden folgende Inhalte identifiziert: Besonders beliebt sind im Netz aktuelle Nachrichten, gefolgt von Freizeit-Informationen und Service-Berichten über Wetter und Verkehr. Besonders selten werden Infos über Boulevard-Themen und Promis genutzt.     

Wie kann angemessen auf die Herausforderungen des World Wide Web reagiert werden? Wie sieht der Journalismus des 21. Jahrhunderts aus? Denn eines bleibt und ist in der globalisierten, krisengeschüttelten Welt wichtiger denn je: Eine kritische, informierte Öffentlichkeit, die den Mächtigen in Politik und Wirtschaft auf die Finger klopft. Und dazu braucht man gute, auch gut bezahlte Journalisten, die ihre Aufgabe für die Gesellschaft ernst nehmen und einlösen.

Studiogast Dossier Politik
Tissy Bruns, Journalisten beim Tagesspiegel

Die Journalistin Tissy Bruns
ist seit vielen Jahren Parlamentskorrespondentin, derzeit für den Berliner Tagesspiegel.

Zuvor schrieb sie u.a. für die tageszeitung, den stern und Die Welt.

Als erste Frau war sie von 1999 bis 2003 Vorsitzende der Bundespressekonferenz.

Ihre intimen Kenntnisse des Medienbetriebs in der Hauptstadt hat sie u.a. in dem Buch "Republik der Wichtigtuer. Ein Bericht aus Berlin" (2007) verarbeitet.

Die Themen im Einzelnen:
  • Journalismus in der Wirtschaftskrise: Sparen, sparen, sparen in den Redaktionen am Beispiel der Süddeutschen Zeitung
  • Die vierte Gewalt im Staate: Medien und ihre Rolle für die Demokratie
  • Werbefinanzierung: Vom Druck der Anzeigenkunden und der Abwanderung ins Internet
  • Verschärfte Zeitungskrise: Der Niedergang in den USA
  • Internet als Watchdog? Die Rolle von Bloggern, Online-Journalismus und User-generated Content

Moderation: Ingo Lierheimer
Redaktion:   Sissi Pitzer


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