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Focus-online auf "twitter" Chefredakteur Wegner äußert sich zu Kritik

Stand: 11.03.2009

Jochen Wegner Interview

"Focus-online" war ganz nah dabei. Vom Amoklauf in Winnenden twitterten die Redakteure minütliche Updates ins Netz. Doch der Einsatz wurde scharf kritisiert. Als teilweise zu banal und der Situation nicht angemessen. Jochen Wegner, Chefredakteur der Onlineplattform, äußert sich im on3-südwild-Interview zur Kritik aus dem Netz.

Herr Wegner, warum haben Sie am Mittwoch den "twitter"-Account "amoklauf" gestartet?
Dieser Account wurde von uns nicht benutzt, wir haben aber heute mehrere eingerichtet und wieder gelöscht, darunter "amoklauf". Wir diskutieren seit langem, ob wir neben unseren reinen Feeds, die sich auch über "twitter" abonnieren lassen, einen weiteren Account einrichten sollen – zuletzt am vergangenen Wochenende auf einem Redaktions-Workshop. Heute haben wir uns dann für "FocusLive" entschieden.
 
Über diesen Kanal haben Sie am Mittwoch minütlich von den Geschehnissen in Winnenden berichtet. Kann ein von der Hektik aufgedrehter Journalist denn verantwortungsvoll twittern?
Womöglich unterschätzen Sie die professionelle Ruhe von Nachrichtenjournalisten. Wir haben zum Fortgang der Ereignisse getwittert, auf neue Beiträge bei "Focus-online" hingewiesen, und die Reporter vor Ort haben einige Details zu ihrer Arbeit und ihren Erkenntnissen eingestreut.

Details wie: "@jochenjochen (Jochen Wegner, Anmerk. d. Red.) hat Budget für zwei Zahnbürsten freigegeben. FOCUS-Online-Reporter Christina Otten und Oliver Markert bleiben in #Winnenden."
Diesen Eintrag, der nicht von den Reportern selbst kam, haben wir gelöscht, er ist der Situation nicht angemessen.

Haben Sie denn Richtlinien herausgegeben, wie Ihre Redakteure zu twittern haben?
Keine schriftlich fixierten, aber wir haben gerade am Wochenende über "twitter"-Standards diskutiert. Was es in der Kantine gibt, werden Sie bei uns nicht lesen.

Zum Hintergrund
Screenshot FOCUSLive

Die Entscheidung fiel in der Morgenkonferenz: Schon lange wollte das Nachrichtenmagazin "Focus" einen "twitter"-Kanal einrichten, der neben den üblichen Verweisen auf Onlineinhalte, auch einen Blick hinter die Kulissen der Redaktion erlaubte. Einen Kanal, wie ihn bereits zahlreiche andere Medien, etwa die Münchner "Abendzeitung" oder auch die "Welt Kompakt", pflegen. An diesem Mittwoch sollte es auch für den "Focus" soweit sein.

Das passte ja auch. Im baden-württembergischen Winnenden war ein Amoklauf an einer Realschule gemeldet worden, die "Focus"-Reporter sollten zeitnah berichten – über "twitter".
Doch nach den ersten Nachrichten, die über den neu geschaffenen "Focus"-Kanal liefen, hagelte es Kritik aus der Netzgemeinde: Zu banal und selbstdarstellend seien die Kurznachrichten der Reporter. Zudem trug ein weiterer Account aus der "Focus"-Redaktion den plakativen Namen "amoklauf", neben der Vermeldung der Toten twitterten die Reporter auch, dass ihr Chefredakteur das Budget für zwei weitere Zahnbürsten, ergo eine weitere Übernachtung in Winnenden, bewilligt hatte. Nachrichten, die im ernsten Umfeld des Amoklaufs zynisch wirkten.

Was wollen Sie mit "twitter" erreichen?
"Focus-online" publiziert seit rund zwei Jahren Nachrichten-Feeds bei "twitter". Mit unserem neuen Account konnten wir den Fortgang der Ereignisse dokumentieren - und auch einige Details unserer Arbeit vor Ort.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat an Ihren "twitter"-Nachrichten kritisiert, dass "die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter" gelenkt wurde. Verstehen Sie die Kritik?
Selbstverständlich müssen Journalisten, die sich selbst zum Gegenstand ihrer Berichterstattung machen, sehr genau darauf achten, was sie tun. Die Sache ist nicht trivial, denn schließlich ist "twitter" kein klassisches journalistisches Medium.

Ist es trotzdem ein Medium für Journalisten?
Online-Redaktionen müssen einen Weg finden, über soziale Netzwerke mit ihren Lesern zu kommunizieren, der diesen Netzwerken gerecht wird, ohne die journalistischen Standards in Frage zu stellen. Ironischerweise wurden wir bisher vor allem dafür kritisiert, dass wir über Twitter nicht kommuniziert, sondern nur publiziert haben.

Nachtrag. Donnerstag, 10.00 Uhr: Am Morgen twitterte Wegner, dass "am gestrigen Tag (...) so viele Besucher wie nie" auf focus.de klickten. In einer persönlichen Rundmail an Medienvertreter lobte Wegner, die "hervorragende Berichterstattung des gesamten FOCUS-Online-Teams" sei veantwortlich für den "trafficstärksten Tag in der Geschichte von FOCUS Online."

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Zum Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden: Twitter-Userin "tontaube" war die Erste vor Ort, die über das Unglück berichtete. Im on3-südwild-Interview spricht sie über ihre Motivation zu twittern und, wie aus einer banalen Warnung ein bundesweiter Medienhype wurde. [on3-südwild] zum Thema: Amoklauf in Winnenden - "Ich will zurück zur Normalität"

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Gespräch aus der Sendung: Der Amoklauf in Winnenden Südwild-Moderator Marcel diskutiert mit einer Lehrerin, einer Schulpsychologin und Schülerinnen aus Herzogenaurach über die Angst und die Gefahren von Amokläufen an deutschen Schulen.