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09.02.2010


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Amoklauf in Winnenden "Ich will zurück zur Normalität"

Stand: 11.03.2009

Illustration: Karte von Winnenden mit Position twitternder Leute

Zum Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden: Twitter-Userin "tontaube" war die Erste vor Ort, die über das Unglück berichtete. Im on3-südwild-Interview spricht sie über ihre Motivation zu twittern und, wie aus einer banalen Warnung ein bundesweiter Medienhype wurde.

Es ist eine kurze Meldung gegen 10.30 Uhr, losgeschickt über den Microblogging-Dienst "twitter": "ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!" 129 Zeichen, die eine Lawine lostreten. Verfasserin "tontaube" sitzt im Winnender Bahnhof, nur zwei Kilometer von ihr entfernt hat ein unbekannter Täter bis zu diesem Zeitpunkt zehn Menschen erschossen.

Tontaube

Bildunterschrift: "tontaube"

Innerhalb kürzester Zeit hat die junge Verlagsangestellte, die ihren Namen nicht in den Medien lesen möchte, unzählige Anfragen von Pressevertretern: "Ich glaube du bist in Winnenden. Können sie mir anrufen?", fragt etwa ein Journalist aus Holland, auch die deutschen Medienvertreter sind an "tontaube" dran, der amerikanische Nachrichtenkanal CNN bittet um eine Stellungnahme. Eine Stunde später, in ihrer fünften Nachricht, schreibt die junge Stuttgarterin: "Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten..."

Deshalb fragten wir "tontaube" auch nicht, was sie von dem Amoklauf hält, sondern wie sie den Morgen erlebt hat – als Stichwortgeberin der deutschen Medien. Als wir sie am Telefon sprechen, dröhnen Sirenen im Hintergrund, es ist unruhig – noch immer kommen minütlich neue Meldungen über den Amoklauf herein.

Du hast heute Morgen als Erste die Nachricht vom Amoklauf in Winnenden verbreitet. Warum?
Ich wollte meine Freunde warnen. Viele von denen kommen aus Winnenden und Umgebung und vor dem Amoklauf waren sie auch die Einzigen, die meine Nachrichten bei "twitter" verfolgt haben. Als ich dann erfahren hatte, dass der Täter noch frei herumläuft, wollte ich nicht, dass meine Freunde auf die Straße gehen.
 
Woher hattest Du die Information?

Twitter-Profil Tontaube

Bild vergrößern Bildunterschrift: tontaubes Profil bei "twitter"

Meine Kollegin hat es mir gesagt. Ihr Mann war mit dem Auto auf dem Weg zur Schule und war von der Polizei angehalten worden, aus Sicherheitsgründen. Natürlich hat die Nachricht dann schnell die Runde hier im Büro gemacht.




Wann kam die erste Reaktion auf Deine Nachricht?
Etwa eine Stunde später, dann ging es richtig los. Die "Bild"-Zeitung wollte Kontakt mit mir aufnehmen, der Nachrichtensender "n-tv", die "Stuttgarter Nachrichten". Ich habe so etwas noch nie erlebt. Und Erfahrungen im Interview-Geben habe ich natürlich auch nicht.

Plötzlich bricht das Gespräch mit "tontaube" ab. Eine Kollegin hat neue Nachrichten: Der Täter soll weitergezogen sein und in einem Kaufhaus im 42 Kilometer entfernten Wendlingen eine Geisel genommen haben. Er soll um sich schießen.

Was gehen Dir für Gedanken durch den Kopf?

Amoklauf in Winnenden

Bild vergrößern Bildunterschrift: Beamte des SEK in Winnenden

Jetzt wird es gruselig, das hört ja gar nicht mehr auf. Ich hoffe, die schnappen den Täter jetzt endlich. Ich kann den ganzen Morgen schon nicht mehr aus meinem Büro. Ich habe Hunger und möchte jetzt wirklich mal etwas essen. Ich will zurück zur Normalität.



Stellst Du deshalb auch keine neuen Nachrichten bei "twitter" ein, weil Du zurück zur Normalität willst?
Nein, ich habe momentan einfach nichts zu berichten. Ich sitze ja den ganzen Tag hier drinnen. Ich will keine Falschmeldung in die Welt setzen, nur um etwas zu schreiben.

Das sieht anscheinend nicht jeder so: Auf "twitter" kommen sekündlich neue Meldungen über den Amoklauf rein. Verfolgst du im Netz, was nur wenige Kilometer von Dir entfernt passiert? 
Klar lese ich die neusten Nachrichten im Internet, aber "twitter" verfolge ich jetzt nicht mehr. Ich versuche gerade einfach wieder in meinen Tag reinzukommen. Der Schock sitzt tief. Ich meine, plötzlich findet ein Amoklauf vor meiner Tür statt und ich stecke mittendrin. Vielleicht werde ich heute Abend – mit etwas Abstand – noch mal über "twitter" schauen.

Nach dem Rummel, den Du jetzt erlebt hast: Würdest Du noch mal von einer Katastrophe twittern?
Ich weiß es nicht. Es ist schon eine gute Möglichkeit schnell zu informieren – oder eben: zu warnen. Das wollte ich ja eigentlich mit meiner ersten Nachricht erreichen.

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