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30.07.2010


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Michael Winterhoff Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Fast jeder hat eines im Bekanntenkreis: Ein Kind, das nicht hören will, das ständig dazwischen plappert, das immer im Mittelpunkt stehen will. Die Eltern lassen scheinbar alles mit sich machen. Nicht nur scheinbar, sagt der Kinderpsychiater Michael Winterhoff in seinem Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden - oder die Abschaffung der Kindheit

Stand: 06.03.2008

Michael Winterhoff | Bild: BR

Bildunterschrift: Michael Winterhoff

Winterhoffs Fazit: Wir sehen unsere Kinder zu oft als kleine Erwachsene. Wir zeigen ihnen keine Grenzen auf und verhindern so, dass sie sich gesund entwickeln. Denn die kindliche Psyche, sagt der Psychiater, braucht Regeln, sonst kann sie sich nicht entwickeln.

Schreiendes Kind | Bild: BR

Kennen sie auch eines? Ein respektloses, aggressives Kind? Die Eltern scheinbar machtlos, immer mit einer Entschuldigung für das freche Verhalten. Überraschend ist dabei, dass vor allem die Mittel- und Oberschicht immer häufiger beim Machtkampf im Kinderzimmer versagt.

Weil die Erwachsenenwelt immer unsicherer wird, können die Eltern ihre Kinder nicht mehr führen, befürchtet Winterhoff. Sie wollen lieber kuscheln statt Konflikte auszuhalten. Eine Katastrophe  für die Kleinkinder, denn deren Psyche müsse erst mühsam trainiert werden.

Was passiert, wenn Kinder keine Regeln kennen, sehen auch die Lehrer. 45 Minuten lang Stillsitzen, zuhören, mitarbeiten - eigentlich Selbstverständliches, muss erst wieder gelernt werden. In Norbert Rauhs "Mathe-Forderklasse" ist Konzentration kein Problem - hier werden die gefördert, die sonst unter Störenfrieden leiden. Zwei Drittel einer Klasse haben mittlerweile selbst in ländlichem Gebiet motorische und psychische Störungen. Vor einigen Wochen flog einer Kollegin ein Matchbox-Auto nur knapp am Kopf vorbei. Es wird schon Gründe geben, sagen häufig die Eltern.

"Symbiose" nennt es der Psychiater, wenn Eltern mit dem Kind verschmelzen, alles entschuldigen, keine Grenzen aufzeigen. Das Kind bleibt in seiner Entwicklung stehen, im Stadium des "frühkindlichen Narzissten". Es lernt nicht, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen.

Ein Problem, mit dem auch Gundula van de Griedt beim Kinderpsychiater landete. Tischdecken helfen ist heute eine Selbstverständlichkeit für Tessa und Aniek. Früher war es ein Kampf der häufig mit Brüllen und Strafen endete. Ein Teufelskreis, denn das narzisstische Kind will vor allem die Reaktion der Erwachsenen provozieren. Aniek hat nach einer Phase der Verweigerung jetzt auch wieder Spaß an der Schule - wie jedes gesund entwickelte Grundschulkind. Protest gibt es normalerweise erst ab der Pubertät. Aber Kinder, die in der sogenannten "Symbiose" aufwachsen, sind Anforderungen nicht gewohnt, sind nur lustorientiert. Eine ganze Generation könnte laut Winterhoff wegen der Fehlentwicklung arbeitsunfähig werden.

Weinendes Kind | Bild: BR

Streit, Gebrüll, Verweigerung - trotz liebevoller Aufmerksamkeit und zahlreicher Freizeitangebote. Immer mehr Eltern stehen ratlos vor ihren Kindern, sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie selbst der Auslöser sein könnten.

Gundula van de Griedt freut sich jeden Tag darüber, dass sie jetzt ein herzliches und vor allem respektvolles Verhältnis zu ihren Töchtern hat. Fast drei Jahren Therapie, vor allem für die Eltern, waren dafür nötig. Sie wird nicht vergessen, wie gefährlich die Erziehungsfalle ist, die aus Kindern kleine Tyrannen macht. 

Das Buch
Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Buchcover) | Bild: Gütersloher Verlagshaus

Michael Winterhoff
Warum unsere Kinder Tyrannen werden
Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Gütersloher Verlagshaus
17,95 Euro


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