10.02.2010
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Stand: 20.05.2009
Zum ersten Mal geht Martin Schmitz an das Grab auf dem Münchner Waldfriedhof. Hier liegt ein guter Freund aus seiner Studienzeit. Er hat seinen Tod hautnah miterlebt.
Fast 30 Jahre ist es her, dass Axel Hirsch sterben musste, beim größten Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Bildunterschrift: Martin Schmitz, Augenzeuge des Oktoberfestattentates
„Er war ein Jahr jünger als ich. Er ist schon seit 30 Jahren unter der Erde. Das hat alles nicht so sein sollen. Das ist wohl das Schreckliche, wenn man so vom Terror erwischt wird.“
26. September 1980. Am Eingang des Münchner Oktoberfests detoniert eine Bombe, 13 Tote und über 200 Verletzte, schreckliches Ende eines fröhlichen Abends.
Noch in der Nacht eilen Politiker zum Tatort. Neun Tage vor der Bundestagswahl wird der Anschlag zum Politikum. Ein Angriff linker Terroristen gegen die Demokratie? So zumindest erste Stimmen.
Zwei Tage später ist klar, wer das Attentat begangen hat. Nach den offiziellen polizeilichen Erkenntnissen ist Gundolf Köhler ein Einzeltäter. Er kommt bei dem Anschlag ums Leben. Die Ermittlungen werden daraufhin eingestellt. Der Fall wird vom Generalbundesanwalt als aufgeklärt zu den Akten gelegt.
Martin Schmitz war damals Student an der Universität der Bundeswehr und Augenzeuge des Anschlages. Er will, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden.
Inzwischen hat der Fall nämlich eine ganz neue Wendung genommen. Der Buchautor Tobias von Heymann recherchierte zwei Jahre in den Stasi-Archiven und machte einen aufregenden Fund: über 10.000 Seiten zum Oktoberfestattentat.
Die Stasi hatte mit Hilfe zahlreicher Informeller Mitarbeiter einen detaillierten Einblick in die Geheimdienste und die westdeutsche Neonaziszene. Seit 1976 hatte sie dabei auch Gundolf Köhler im Visier.
Bildunterschrift: Tobias von Heymann, Buchautor Die Oktoberfest-Bombe
„Gundolf Köhler war bis zum Attentat fest eingebunden in die Neonaziszene. Aussagen, dass er nur sporadische Kontakte gehabt hat stimmen nicht. Ausweislich der Stasiakten war er wirklich bis zum Schluss eng verwoben mit dieser Neonazi-Szene - Tübingen vor allem.“
Laut Stasi-Akten war Köhler also gar kein Einzeltäter. Und anscheinend wusste auch der westdeutsche Verfassungsschutz mehr als bisher bekannt.
Bildunterschrift: Tobias von Heymann, Buchautor Die Oktoberfest-Bombe
„In den Stasiakten sind Dokumente aufgetaucht, die eine sogenannte Aktion Wandervogel beschrieben, an dieser Aktion waren drei Landesverfassungsschutzämter beteiligt, nämlich von Bayern, Nordrheinwestfahlen und Baden-Württemberg. Diese Aktion Wandervogel hat 22 Stunden vor dem Anschlag begonnen und hat sich gegen Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann gerichtet, eben genau gegen diesen Personenkreis, der im Verdacht steht, möglicherweise etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Dokumente sind aufgetaucht, dass z.B. ein V-Mann für die Wehrsportgruppe Hoffman einen VW-Bus gekauft hat, dann gezielt ausgebildet worden ist, um von Anfang an in dieser Wehrsportgruppe Hoffmann dabei zu sein.“
Was wussten Polizei und Ermittler wirklich? Hatte der Verfassungsschutz damals den Anschlag vielleicht verhindern können? Und welche Rolle spielte die Wehrsportgruppe Hoffman bei dem Attentat? Laufen mögliche rechte Täter vielleicht bis heute frei herum?
Fragen, die beim Abschluss des Falles im November 1982 nicht beantwortet wurden. Versuchte man so vielleicht etwas zu verschleiern?
Für den Bundestagsabgeordneten und langjährigen Anwalt betroffener Opfer Jerzy Montag rechtfertigen die Stasi-Dokumente eine Wiederaufnahme. Er stellte vor einer Woche eine offizielle Anfrage im Bundestag.
Bildunterschrift: Jerzy Montag Bundestagsabgeordneter Bündnis 90/Die Grünen
„Es war immer offen, ob es hinter Köhler noch Hintermänner gegeben hat. Selbst die Ermittlungsbehörden haben immer zu erkennen gegeben, dass sie nicht mehr in Erfahrung bringen konnten. Sie haben alles ausgeforscht. Und da ist nichts.“
Auf Nachfrage von „Kontrovers“ beim Generalbundesanwalt hieß es vorgestern erneut: Der Fall ist abgeschlossen. Alle Asservate wurden bereits 1997 vernichtet.
Eine für Martin Schmitz überraschende Auskunft. Er will sich damit nicht zufrieden geben.
Bildunterschrift: Martin Schmitz, Augenzeuge des Oktoberfestattentates
„Die Angehörigen habe ein Recht darauf, dass am Ende eine Wahrheit da steht, von der man weiß, sie ist zumindest neutral ermittelt worden.“
Da alle beweiskräftigen Asservate vernichtet sind, ist eine zweifelsfreie Aufklärung wohl kaum mehr möglich. Die „Ermittlungen“ um das Oktoberfestattentat werden so wohl immer wieder Raum für neue Spekulationen bieten.
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