11.03.2010
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Die Argentinierin Lucia Puenzo erzählt in ihrem preisgekrönten Drama von der 15-jährigen Alex. Das Mädchen, das unter dem Klinefelter-Syndrom leidet, befindet sich in einem schmerzhaften Selbstfindungsprozess.
Von Margret Köhler
Stand: 20.06.2008
Es ist ein Tabuthema, der anormale Chromosomensatz und die daraus folgende bipolare Zweigeschlechtlichkeit. Meistens wird schon sehr früh medizinisch eingegriffen und für fragwürdige "Normalität" gesorgt. Das verweigerten aber die Eltern der inzwischen 15jährigen Alex, die sich nicht nur mit den üblichen pubertären Problemen herumschlagen muss, sondern auch noch mit ihrem "Anderssein". Um dem Tratsch der Nachbarn zu entgehen, zog die Familie von Buenos Aires nach Uruguay und lebt nun an einem einsamen Küstenstreifen hinter den Dünen.
Originaltitel: XXY (E/F/Argentinien, 2007)
Regie: Lucia Puenzo
Darsteller: Inès Efron, Ricardo Darin, Valeria Bertucelli, Carolina Pelleritti, German Palacios
Länge: 86 Min.
Kinostart: 26. Juni 2008
Als ein befreundeter Chirurg auf Einladung der Mutter zu Besuch kommt und eine mögliche Operation ins Auge fasst, um ein "richtiges" Mädchen aus ihr zu formen, steht Alex vor einer existenziellen Entscheidung. Sie will keine Pillen, keine Umzüge und keinen Schulwechsel mehr. Sie möchte sich auch nicht für ein Geschlecht entscheiden, weder für Testosteron noch Östrogen, sondern will so bleiben, wie sie nun mal ist – mit allen Konsequenzen.
Wie schmerzhaft der Selbstfindungsprozess sein kann, lässt die Argentinierin Lucia Puenzo in ihrem subtil angelegten Debutfilm ahnen. Sie zeigt den Hass Alex' auf ihren Körper und die erste sexuelle Annäherung an Alvarez, den schüchternen Chirurgen-Sohn, die Unsicherheit, nicht zu wissen ob sie sich zu Männern oder Frauen hingezogen fühlt, die Chancenlosigkeit in einer Gesellschaft, die nur ein Entweder Oder erlaubt, Mann oder Frau, was sich in einer abscheulichen Szene manifestiert, in der die Dorfjungen brutal nachgucken, ob der Hermaphrodit "beides" hat.
Parallel dazu zeichnet das Drama die Unterschiedlichkeit in der familiären Emotionalität – die Liebe, die Alex' Eltern ihrem Kind entgegenbringen und es dadurch schützen, die herabwürdigende Kälte des Mediziners gegenüber seinem Spross. Einsamkeit und Außenseitertum bei beiden Jugendlichen, nur unter anderen Vorzeichen. Mindestens eines von 2.000 Neugeborenen hat das XXY-Chromosom, das sogenannte Klinefelter-Syndrom, das irreführend hier im Titel steht, denn die Protagonistin leidet unter dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Das sollte aber nicht ins Gewicht fallen bei diesem zärtlichen und emotional starkem Film.
Neben den durchweg guten Darstellern ist es vor allem die androgyne Inès Efron in anrührender Verletzbarkeit und explodierendem Ungestüm, die in sparsamer Gestik die Komplexität der Figur dem Zuschauer näher bringt. Wenn ihr Vater sie warnt, öffentlich zu ihrer Zweigeschlechtlichkeit zu stehen: "Jeder wird es wissen" antwortet sie ohne Angst: "Lass es sie wissen". Unterstrichen wird die Atmosphäre von Distanz und Kälte durch das diffuse Blau-Grau und die verwaschenen Farben der Kamera von Natasha Braier. Ein beeindruckendes Plädoyer für Toleranz, das besonders beim jungen Zuschauer auf starke Resonanz stoßen sollte.