09.02.2010
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In Deutschland schrieb er mit Rainer Werner Fassbinder Kino- und TV-Geschichte. Dann eroberte er mit seiner Kunst Hollywood: Michael Ballhaus, Deutschlands Weltstar auf dem Gebiet der Kamera.
Von Angelika Stein
Das Bayerische Fernsehen zeigte am 29. November 2008 um 22.15 Uhr das neue Porträt "Michael Ballhaus - Eine Reise durch mein Leben" von Vera Tschechova. Wie kam die Zusammenarbeit mit Vera Tschechova zustande?
Michael Ballhaus: Ich kenne Vera seit vielen vielen Jahren. Sie war auch bei den Dreharbeiten von "Die Legende von Bagger Vance" (2000) bei mir am Set und hat ein Making Of von diesem Film gedreht. Eines Tages trat sie mit der Frage an mich heran, ob sie nicht ein Porträt über mich machen könnte. Dem habe ich – weil wir befreundet sind und uns lange kennen - zugestimmt.
Ihr berufliches Leben lang sind Sie hinter der Kamera gestanden. Wie ist das nun für Sie plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit und vor der Kamera. Wie fühlt sich das an?
20.15 Uhr Die Ehe der Maria Braun
22.15 Uhr Michael Ballhaus - Eine Reise durch mein Leben
23.15 Uhr Die fabelhaften Baker Boys
1.00 Uhr Die bitteren Tränen der Petra von Kant
Michael Ballhaus: Das hat sich ein bisschen verändert, nachdem ich dieses Buch mit Tom Tykwer veröffentlicht habe ("Das fliegende Auge"). Dafür mussten wir viel Pressearbeit machen. Wir sind herumgereist und haben das Buch vorgestellt. Man lernt nach und nach, dass man vor der Kamera ist oder mit vielen Leuten – zum Beispiel in einem Kinosaal mit 300 Besuchern - sprechen muss. Das ist am Anfang etwas befremdlich, aber man gewöhnt sich irgendwann daran. Sobald ein Thema angesprochen wird, habe ich eigentlich kein Problem, darüber zu sprechen. Eine Laudatio halte ich dagegen nicht so gerne. Da muss man sich sehr mit der Person befassen und dann einen Text ablesen – das mache ich nicht so gerne. Ich spreche lieber frei.
In der Dokumentation kommen Weggefährten wie Dustin Hoffman, mit dem Sie in "Tod eines Handlungsreisenden" unter Volker Schlöndorffs Regie gearbeitet haben, zu Wort. Auf einem Spaziergang sagt er im Hinblick auf Dreharbeiten an Hollywood- Produktionen sinngemäß: "Du bist also loyal gegenüber dem Regisseur, nicht gegenüber den Studios." – Wie hat er das gemeint?
Bildunterschrift: "Michael Ballhaus - Eine Reise durch mein Leben", 2008
Michael Ballhaus: Es gibt Produktionen, bei denen versucht wird, den Kameramann und den Regisseur ein bisschen auseinander zu dividieren. Zum Beispiel will der Regisseur eine bestimmte Szene auf eine kostspielige Weise drehen. Dann kann es vorkommen, dass die Produktion vom Kameramann verlangt, eine einfachere Version anzubieten, die der Regisseur dann übernehmen soll. – Ich war in solchen Augenblicken mein Leben lang loyal gegenüber dem Regisseur und dem, was er wollte. Da ich es jedoch hauptsächlich mit bekannten und auch sehr starken Regisseuren zu tun hatte, kam das Problem bei mir eigentlich gar nicht so in den Vordergrund.
Ein weiterer – großer – Weggefährte ist Ihnen Martin Scorsese. Mit ihm haben Sie wunderbare Filme wie "Die Farbe des Geldes" (1986) und "Gangs of New York" (2002) und zuletzt "The Departed" (2006) gemacht. Martin Scorsese sagt in der Doku über Ihre Zusammenarbeit am Filmset: "Michael was almost an extension to myself" – Was ist das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit mit
Martin Scorsese?
Michael Ballhaus: Das Besondere ist aus unserer Begegnung bei dem ersten Film, den wir zusammen gemacht haben, entstanden. Das war "After Hours – Die Zeit nach Mitternacht". Martin Scorsese war in einer sehr schwierigen Situation. Er hatte zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre keinen Film mehr gedreht. Er wollte immer "Die letzte Versuchung Christi" drehen, aber der Film wurde lange nicht finanziert, wurde immer wieder verschoben. Dann haben ihm Freunde angeboten, einen low budget Film mit vier Millionen zu machen. Man stelle sich das vor! Sein Film davor hatte etwa 20 Millionen gekostet und war kein großer Erfolg. Martin Scorsese hat das Angebot trotzdem angenommen, weil ihm das Buch und die Geschichte von "After Hours" gut gefiel. Er hatte aber, wie immer, eine sehr exzessive und ausführliche shot list mit 600 Einstellungen gemacht. Wir hatten aber nur vier Millionen und 40 Nächte in down town New York zur Verfügung. Die Produzentin hat ihn gefragt, ob er das vermag, denn das war ja nun eigentlich nicht seine Arbeitsweise. Er hat darauf gesagt, das müsse man mich fragen. Dann habe ich mir die 600 Einstellungen angesehen und festgestellt, dass wir jede Nacht 16 Einstellungen drehen müssen.
Bildunterschrift: Michael Ballhaus und Martin Scorsese
Das hat Martin Scorsese vorher nie gemacht. Das war so im Hollywood-System gar nicht möglich. Ich bin zu ihm hingegangen und habe gesagt "Martin, ich kann das, ich hab das mit Fassbinder und anderen oft gemacht, aber kannst Du das auch?". Er hat geantwortet: "Wir werden es versuchen". Und dann haben wir in der ersten Nacht – das werde ich nie vergessen – die erste Einstellung besprochen und eingerichtet. Martin Scorsese ging zu seinem Wohnwagen, der ungefähr 500 Meter weit weg stand. Als er da ankam, rief ihm die Produktion entgegen: "Herr Scorsese, wir sind fertig". Von da an ging er einfach gar nicht mehr zu seinem Wohnwagen, weil dafür einfach keine Zeit war. Wir haben alle 600 Einstellungen geschafft in diesem Film. Er hat jede Einstellung bekommen, die er wollte. Das hat ihm ein neues Gefühl vermittelt, wie man Filme machen kann. Eben nicht gemäß dem Hollywood-System, sondern etwas schneller, sehr gut vorbereitet – mit all diesen Dingen, die ich gelernt habe bei den low budget Produktionen in Deutschland.
Sie haben dann hinterher mit Martin Scorsese natürlich keine low budget Produktionen mehr gedreht...
Michael Ballhaus: Nein. Aber die Beziehung zwischen uns wurde dadurch sehr sehr stark, weil er von dem Zeitpunkt an wusste, dass ich seine Ideen umsetzen kann, dass ich seine shot lists verstehe, dass ich keine Erklärungen brauche. Er gibt mir die Liste und das ist eigentlich alles, was ich von ihm erfahre oder brauche. Dann mache ich meine Bilder und das sind die Bilder, die er sich vorgestellt hat. Das war der entscheidende Punkt: Ich habe seine Phantasien, seine Visionen sehr gut verstanden.
Ein wirklich besessener Filmemacher, mit dem Sie gearbeitet haben, war Rainer Werner Fassbinder. Das Bayerische Fernsehen zeigt am Michael-Ballhaus-Abend "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (1972) und "Die Ehe der Maria Braun" (1978). Was war das Besondere an diesen Dreharbeiten mit Rainer Werner Fassbinder?
Bildunterschrift: "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", 1972
Michael Ballhaus: "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" war der zweite Film, den ich mit ihm gemacht habe. Fassbinder war sehr autoritär. Er wollte immer genau das haben, was er sich vorgestellt hatte. Das hat er auch bekommen. Eine Ausnahme gab es bei "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Da hatte ich mal einen Schwenk, der nicht genau dort landete, wo er ihn haben wollte, was mit seinem und meinem Timing zusammenhing. Wir hatten einen kurzen Krach, haben uns ein bisschen angeschrien. Ich habe gesagt, wenn er nur möchte, dass ich sein Erfüllungs-Gehilfe bin, dann muss er sich jemand anderen suchen und bin gegangen. Daraus hat sich später eine etwas entspanntere Atmosphäre entwickelt, weil er plötzlich merkte, dass ich selber auch eine Idee habe, wie eine Einstellung aussehen kann. Von da an hat sich das eigentlich – immer mit der Spannung und auch dem Terror, den er ja auch machte - gut entwickelt. Er hat mich immer gefragt, was ich mir denke und dann war Fassbinders Idee eigentlich meistens besser als meine. Durch seine Ideen wurde aber auch ich besser und so haben wir uns ein bisschen aneinander hoch gesteigert.
Eines Ihrer Markenzeichen ist die 360-Grad-Fahrt der Kamera, die man zum ersten Mal in Fassbinders "Martha" sehen kann. Unsere Zuschauer werden sie wieder einmal genießen, wenn sich Michelle Pfeiffer in der Hollywoodproduktion "Die fabelhaften Baker Boys" von Steve Kloves auf dem Flügel räkelt und die Kamera einen Kreis um sie zieht. Das ist ja eine sehr sinnliche Szene. – Muss man da als Kameramann nicht mit der Schauspielerin flirten?
Bildunterschrift: "Die fabelhaften Baker Boys", 1989
Michael Ballhaus: Ja natürlich muss man auch eine sinnliche Beziehung zu der Schauspielerin haben. Nur dann macht es Freude, nur dann macht es Spaß. Die Idee bei dieser Szene war, die Einstellung wie eine Liebesszene zu fotografieren.
Sie sind in Deutschland und Amerika sehr erfolgreich gewesen, Herr Ballhaus. An Ihrer Seite war 50 Jahre lang Ihre Frau Helga. Das ist eine sehr lange Zeit. Wenn man bedenkt, dass Sie als Kameramann ja immer lange Wochen an einem Filmset waren, das muss doch eigentlich schwierig sein, gerade für eine Paarbeziehung, für eine Familie mit Kindern?
Michael Ballhaus: Das war oft nicht einfach. Vor allem in der Zeit in Deutschland, weil ich da oft lange weg war. Das hat unsere Ehe schon belastet. In Amerika hat sich das geändert. Meine Frau war sehr oft am Set und konnte sich sehr intensiv mit meiner Arbeit beschäftigten, aber in Deutschland war es schon schwierig, gerade bei Fassbinder-Filmen.
Typisch Deutsch ist es,...gewissenhaft zu sein.
In Amerika fehlt mir besonders... die europäische Kultur.
Typisch Amerikanisch ist,... dass Menschen sehr hilfreich und sehr freundlich sind.
In Deutschland vermisse ich... die Freundlichkeit und die Offenheit der Amerikaner.
Ich glaube... an den lieben Gott. (lacht)
Ehrlich? Ja. Schon ein bisschen. Bei Glaube denke ich schon an den lieben Gott.
Glücklich macht mich... Liebe.
Ich ärgere mich schon mal über... Intoleranz.
Vielleicht mach ich doch noch einen Film mit...
Martin Scorsese.
Diesen Menschen möchte ich noch kennen lernen... Sir Simon Rattle, den Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter der Berliner Philharmoniker.
Auf meinem Nachttisch... steht ein Wecker.
Keine Bücher? Dafür ist der Nachttisch zu klein.
Kino... ist meine Welt. Ich liebe das Kino und war in dieser Welt sehr sehr glücklich.
Die Kamera und ich... waren eine Symbiose für vierzig Jahre meines Lebens und ich habe mit ihr ein paar ganz schöne Sachen machen können.
Mein Lieblingsfilm mit Scorsese... das ist schwierig. Das verändert sich auch manchmal. Mein Lieblingsfilm war eine Zeit lang "The Age of Innocence - Zeit der Unschuld". Es gibt aber auch andere Filme, die ich sehr gerne mag, die alten "Baker Boys" zum Beispiel. Das ist ein schöner Film ... aber ich bleibe doch dabei: "Zeit der Unschuld".
Mein Lebensmotto... Ich bemühe mich, ein freundlicher Mensch zu sein, etwas weniger ungeduldig zu sein.