31.07.2010
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Im Angesicht seines nahenden Todes beschließt Russlands Dichter-Ikone Leo Tolstoi, seine Frau Sofia zu enterben. Michael Hoffmans filmischer Streifzug durch Jay Parinis Roman "Tolstois letztes Jahr" ist kein trockener Historienschinken, sondern eine auf dem Minenfeld der Emotionen tanzende Geschichte.
Von Margret Koehler
Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und seine Frau Sofia (Helen Mirren) sind seit 48 Jahren verheiratet, und wie schon so oft, hängt der Haussegen schief. Sofia ist empört, weil Tolstois engster Vertrauter Chertkov (Paul Giamatti) ihren Mann dazu überredet, sein Werk dem russischen Volk zu vermachen. Das würde für die Familie Tolstoi ein Leben in Armut bedeuten. Doch nicht nur das, Sofia ist gekränkt, da sie am Entstehen des großen literarischen Werks ihres Mannes entscheidend mitgewirkt hat. Und so kämpft sie mit aller Macht für ihr Recht.
Bildunterschrift: Tolstoi sinniert zusammen mit seinem Privatsekretär Valentin über sein Leben.
Auch Tolstois Vertrauter, der junge Valentin (James McAvoy), bleibt von dem immer leidenschaftlicheren geführten Ehekrieg im Hause Tolstoi nicht verschont. Sofia versucht, sich mit ihm zu verbünden. Gleichzeitig will Chertov den jungen Mann für sich einnehmen. Dabei hat Valentin eigentlich nur die schöne Lehrerin Mascha (Kerry Condon) im Kopf. Mit ihr lernt der Tolstoi-Jünger die sexuelle Liebe kennen. Und das ausgerechnet im Lager der Tolstoianer, die sich der Askese, Gewalt- und Besitzlosigkeit verschrieben haben!
Wie schon in den Werken Tolstois funktioniert die Mischung aus historischen Fakten und Fiktion auch im Film: "Ein russischer Sommer" stellt den Schöpfer von Werken wie "Krieg und Frieden" oder "Anna Karenina" als moralische Instanz vor, der schließlich sein bisheriges Leben aufgibt und unter dramatischen Umständen bei Nacht und Nebel von seinem Gut flieht. Die Reise in den Süden Russlands endet mit Tolstois Tod in einer heruntergekommenen Bahnwärterunterkunft.
Originaltitel: The Last Station (D/Russland, 2009)
Regie: Michael Hoffman
Darsteller: Helen Mirren, Christopher Plummer, James McAvoy
Länge: 112 Min.
FSK: ab 6 Jahre
Kinostart: 28. Januar 2010
Die Inszenierung der letzten Tage des Schriftstellers zwischen Liebe und Leidenschaft, Revolution und Intrige, Familie und Freunden beeindruckt vor allem durch ein starkes Ensemble: Neben Paul Giamatti als undurchsichtigem Freund und James McAvoy als Mittler zwischen den Fronten, liefern Helen Mirren und Christopher Plummer vor den Trümmern ihrer Ehe eine oscar-reife Performance. Sie ist eine eifersüchtige und im Innern verletzbare Hysterikerin, die um ihr Erbe fürchtet, er verkörpert den Philosophen, der sich nur nach Ruhe und Frieden sehnt. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten spiegelt sich in dieser anrührenden Chronik die starke Liebe und deren tragisches Scheitern wider.
Bildunterschrift: Sofia Tolstoi (Helen Mirren) wird zu harten Maßnahmen gezwungen.
Der filmische Streifzug des Regisseurs, Michael Hoffman, durch Jay Parinis Roman "Tolstois letztes Jahr" ist kein trockener Historienschinken, sondern eine auf dem Minenfeld der Emotionen tanzende Geschichte. In beeindruckender Bilderflut und breiter Epik entwirft Hoffman das Porträt des berühmten Schriftstellers und das einer Gesellschaft zwischen Revolution und Restauration. Dabei verwebt er die persönlichen Perspektiven verschiedener Figuren zu einem schillernden Kaleidoskop sozialer Verwerfungen und individueller Zerrissenheit am Vorabend des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution. Und Hoffmans Film wirft nicht zuletzt auch einen neuen Blick auf den Literaten.
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