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29.07.2010


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Spannende Lebensgeschichte Der Yalu fließt

Er floh vor den Japanern, kam über China nach Bayern. Er hatte Kontakt mit dem Umfeld der Geschwister Scholl und landete 1946 mit seinen Jugenderinnerungen "Der Yalu fließt" einen Überraschungserfolg auf dem deutschen Buchmarkt: Mirok Li, ein Münchner aus Korea.

Mirok Porträt 1933, Mirok als Kind | Kyu-Hwa Chung, Young Dal Choi

Unter der Regie des südkoreanischen Regisseurs Jonghan Lee wird in dieser deutsch-koreanischen Koproduktion das Leben von Mirok Li nacherzählt, einem Koreaner, der 1919 aus dem von Japan besetzten Korea flüchten musste, nachdem er in Seoul an Studentenrevolten teilgenommen hatte.

Info

Originaltitel: Der Yalu fließt (ROK/D 2008)
Regie: Jonghan Lee
Darsteller: Byok-Song Woo, Sung-Ho Choi, Yeo-Jin Kim, Ute Katharina Kampowsky, Roland Pfaus, Olga Brügmann, Daniela März
Länge: 85 Minuten
Stereo, 16:9, Videotext, die koreanischen Dialoge mit dt. Untertiteln

Über Shanghai kam Mirok Li 1920 nach Deutschland. Er fand im Kloster Münsterschwarzach Aufnahme. Später studierte er Medizin und Biologie in Würzburg, Heidelberg und München. In München kam er mit Prof. Huber und dem Umfeld der Weißen Rose in Berührung.

Mirok Li arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 1950 als Lektor für ostasiatische Kultur an der Universität München. Seine 1946 im Piper Verlag veröffentlichte Autobiografie "Der Yalu fließt" war ein Überraschungserfolg auf dem damaligen Buchmarkt. Auszüge daraus wurden sogar in deutschen Schulbüchern veröffentlicht. Mirok Li starb 1950 in München. Er ist auf dem Gräfelfinger Friedhof begraben.

Filmszene aus "Der Yalu fließt" | Bild: BR/Young Dal Choi

Bild vergrößern Bildunterschrift: Mirok Lis junge Braut Choi-Mun Ho (Seung-Li Ha) bei der Hochzeitszeremonie

Der Film erzählt in den koreanischen Passagen von Mirok Lis Kinderspielen mit Cousin Suam, dem Tod seines Vaters, der Verheiratung mit der älteren Mun-Ho Choi in seinem 12. Lebensjahr bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter und die Ehefrau zurücklässt, um nach Seoul zu gehen. Parallel wird skizzenhaft die Besetzung Koreas durch die Japaner (1910) erzählt.

Nach seiner Flucht vor den Japanern über Shanghai nach Bayern unterrichtet Mirok Li Ostasienkunde an der Uni München und lernt Prof. Huber kennen, der zum engeren Umkreis der Geschwister Scholl gehörte und später wie die Geschwister Scholl verhaftet worden ist, sowie die Studentin Eva, die ihn zum Schreiben deutscher Texte ermutigte.

Filmszene aus "Der Yalu fließt" | Bild: BR/Young Dal Choi

Bild vergrößern Bildunterschrift: Der junge Mirok Li (Min-Woo Noh) bei der Hochzeitszeremonie

Mirok Li, der vergessene "Münchner aus Korea", dessen Lieblingsspeise die Kartoffelknödel wurden, lernte im Kloster Münsterschwarzach mithilfe von Gottfried Kellers Roman "Der grüne Heinrich" Deutsch und sprach später sogar Bayerisch. Als Kulturvermittler zwischen Korea und Deutschland brachte er einer jungen deutschen Generation das ostasiatische Denken nahe und fand nach der Flucht aus seiner Heimat in Bayern eine neue, eine zweite Heimat. Seine Lieblingsidee, in Korea ein deutsches Kulturinstitut zu gründen, konnte er nicht mehr in die Tat umsetzen. Er starb nach schwerer Krankheit 1950 in München.
 

Mirok Li, Prof. Huber und die Geschwister Scholl

Als Quelle gibt es ein Interview von Jonghan Lee mit Frau Weiss, der Tochter von Prof. Huber, vom November 2007. Frau Weiss erzählt hier, dass Mirok Li als Student ihres Vaters oft bei ihnen zu Hause war und dass er nach der Verhaftung von Prof. Huber im Jahr 1943 der Einzige war, der noch zu den Hubers zu Besuch kam, - im Unterschied zu allen Verwandten, Freunden, Studenten, die Angst vor der Gestapo hatten.

Spannend ist auch das zweite, im Sommer 2008 geführte Interview von Jonghan Lee mit Lotte Roth-Woelfle, die Mirok Li gemeinsam mit ihrer Schwester in der Münchener Buchhandlung Woelfle, die ihrem Vater gehörte und direkt hinter der Münchener Universität war, als Kalligrafielehrer kennengelernt hat. Sie nahm Kalligrafieunterricht bei Mirok Li und erzählt, wie er als Mensch war: "feingeistig und offen, dabei bescheiden und ruhig". Mit Mirok Li habe sie sich viel über Politik unterhalten. Mirok Li sei positiv zur Weißen Rose eingestellt gewesen; er habe geistig an dieser Bewegung teilgenommen.

Am Grab von Mirok Li
"Der Yalu fließt" | Bild: Stephanie Heckner

Bildunterschrift: Bei der Gedenkfeier für Mirok Li

Auf dem Friedhof in Gräfelfing fällt ein Grab wegen seiner koreanischen Schriftzeichen besonders ins Auge. Hier hat der deutsch-koreanische Kulturvermittler Dr. Mirok Li, der 1920 als junger Mann auf der Flucht vor den japanischen Besetzern seines Heimatlandes nach Deutschland gekommen war, seine letzte Ruhestätte gefunden.

Zur Feier seines 60. Todestages hatte die Mirok Li Gedächtnisgesellschaft am vergangenen Sonntag auf den Friedhof nach Gräfelfing eingeladen. Wer nicht wusste, wo sich das Grab von Mirok Li befindet, musste nicht lange suchen. Eine stattliche Gemeinde war bereits am frühen Nachmittag am Grab versammelt: Gräfelfinger Bürger, wie Max Gschneidinger von der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing, Zuschauer des Bayerischen Fernsehens, die durch die SBS/BR-Produktion "Der Yalu fließt" auf Mirok Li aufmerksam geworden waren, und viele Koreaner, die aus ganz Deutschland und aus Korea angereist waren.

Auf deutsch und koreanisch wurde Mirok Li gedacht, der mit seinen Jugenderinnerungen 1946 unter dem Titel "Der Yalu fließt" einen Bestseller geschrieben hatte, und das auf Deutsch, wobei die deutsche Sprache für ihn bei seiner Ankunft im Kloster Münsterschwarzach 1920 selbst noch eine Fremdsprache gewesen war, die er mit Hilfe von Gottfried Kellers "Grünem Heinrich" erlernte.

Young-Rae Li, der Enkel der ältesten Schwester von Mirok Li, brachte am mit Opfergaben reich geschmückten Grab nach koreanischer Tradition einen Becher dar, ebenso wie der aus Seoul angereiste Regisseur von "Der Yalu fließt": Jonghan Li, und die Schauspielerin Ute Kampowsky, die in der SBS-BR-Produktion die Rolle der Vertrauten von Mirok Li: der Studentin Eva, gespielt hat.

Bei dieser Zeremonie zieht man zunächst die Schuhe aus, um auf einer Bastmatte niederzuknien. Man zündet ein Räucherstäbchen an und lässt einen mit Wein gefüllten Tonbecher dreimal kreisen, bevor die Flüssigkeit in einem Gefäß vor dem Gedenkstein gesammelt wird. Danach kniet man zweimal aus dem Stand nieder und berührt mit der Stirn die auf dem Boden übereinandergelegten Hände. Auch Ute Kampowsky und ich wurden gebeten, einen Becher darzubieten. Vorbereitet waren wir darauf nicht. Ich trug schwarze Stiefel, aus denen man nicht so einfach heraus- und wieder hineinschlüpfen konnte, und Ute trug zur dunklen Hose rosafarbene Ringelsocken. Es war uns beiden ein wenig peinlich. Aber unser ehrliches Bemühen um kulturell angemessene Ehrerbietung für den Verstorbenen wurde uns herzlich gedankt.

Der Nachfahre von Mirok Li, Young-Rae Li, wünschte allen Anwesenden "Gesundheit und Frieden in der Familie" - ein Wunsch, der zeigt, wo die Werte in der koreanischen Gesellschaft auch heute noch verankert sind. Mirok Li hatte 1920 seine Familie auf der Flucht zurücklassen müssen. Bei der Familie von Prof. Seyler in Gräfelfing war er, der damals Kalligraphie in München unterrichtete, herzlich aufgenommen worden, und das in einer Zeit, in der der Umgang mit fremden Kulturen alles andere als selbstverständlich war.

Der stellvertretende Bürgermeister von Gräfelfing, Peter Köstler, hatte eine erfreuliche Botschaft für die Freunde von Mirok Li: nach einigen Kämpfen mit der Bürokratie sei es gelungen, für Mirok Li eine Graburkunde mit unbegrenzter Dauer sowie einen entsprechenden Grabpflegevertrag zu unterzeichnen. Der Koreaner Mirok Li wird also seine letzte Ruhestätte in Gräfelfing nie wieder verlieren. Und in einem Jahr wird sich die koreanisch-deutsche Gemeinde dort wieder zum Gedenken an ihn, der in Bayern eine zweite Heimat gefunden hat, versammeln.

(Autorin: Dr. Stephanie Heckner)

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