21.11.2009
Direkt zu ...
Sie haben Bayerns Wälder fest im Griff: 30-40 Prozent aller Bäume werden im Freistaat heute mit tonnenschweren Maschinen gefällt. Tendenz steigend. Umweltschützer kritisieren die Kolosse und befürchten dauerhafte Schäden im Wald. Erstmals in Deutschland hat jetzt ein Langzeitversuch ökonomische und ökologische Folgeschäden der Erntemaschinen untersucht.
Eine Sendung von Stefan Geier und Daniel Schwenk
November 2001: In einem Waldstück bei Biburg in der Nähe von Augsburg sind Harvester im Einsatz - riesige Erntemaschinen, die einen Baum in kürzester Zeit fällen und entasten. Beauftragt von Wissenschaftlern der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und der Technische Universität München. Etwa alle 30 Meter durchschneidet im normalen Einsatz eine sogenannte Rückergasse den Wald, auf der die Maschinen ernten und das Holz auf die Waldwege hinaustransportieren.
Bildunterschrift: Holzzersetzende Pilze
Sechs Jahre später kehren die Wissenschaftler auf die Versuchsfläche zurück, um mögliche Langzeitschäden zu erforschen. Sie finden heraus, dass fast jeder zweite Baum entlang einer Fahrspur verletzt ist. So gut wie jede Verletzung führte dazu, dass Pilze ins Holz eindringen konnten – unabhängig davon, ob eine Erntemaschine mit Rädern oder mit Ketten eingesetzt wurde. Diese Pilze – der Hallimasch etwa oder eine Art des Wurzelschwamms – zersetzen das Holz, und breiten sich von den verletzten Wurzeln in den Stamm aus. Manche Wurzeln werden von den scharfkantigen Ketten regelrecht entzweigerissen.
Man hat erkannt, dass Mischbestände die ökonomisch wie ökologisch interessantere Waldbauform sind, die eigentlich auf Dauer den höheren Ertrag bringen, dadurch, dass sie zum Beispiel solche Fäulen bremsen.
Prof. Dr. Thomas Seifert, Forstwissenschaftler
Es zeigt sich, dass die Pilze mehrere Meter den Stamm hinauf gewandert sind, wenn der Baum gefällt wird. Über Verwachsungen an den Wurzeln können sogar benachbarte, unverletzte Bäume infiziert werden. Um mehrere Prozent sinkt der Ertrag pro Hektar, wenn es zu solchen Pilzinfektionen entlang der Fahrspuren kommt. Vor allem der "Brotbaum" Fichte ist besonders anfällig für Pilzinfektionen. Ein Mischwald käme mit den Schäden weitaus besser zu Recht.
Problematischer als die ökonomischen Folgen sind möglicherweise die ökologischen Konsequenzen der maschinellen Holzernte. Untersuchungen der von Harvestern befahrenen Böden zeigen, dass der Untergrund so stark verdichtet ist, dass Wasser und Luft oft nur noch unzureichend weiter geleitet werden können. Im schlimmsten Fall - bei den Maschinen mit Reifen, bei denen der Druck ungünstiger verteilt ist - bleiben nur noch fünf Prozent der ursprünglichen Leitfähigkeit erhalten. Auch nach Jahren ist nur eine geringe - oder in einigen Fällen sogar keine - natürliche Regeneration der Böden nachweisbar.
Untersuchungen aus der Schweiz zeigen, dass sich unter dem Druck der Maschinen auch die Bakterien-Zusammensetzung im Boden verändert. Eine Folge: Mikroorganismen, die alte Wurzeln, Äste und Blätter zersetzen und dafür auf Sauerstoff angewiesen sind, werden weniger. Dem Waldboden fehlt so auf Dauer wertvoller Dünger. Stattdessen treten vermehrt Bakteriengruppen auf, die unter sauerstoffarmen Bedingungen existieren können und klimawirksame Gase wie Methan oder Lachgas bilden, die aus den Böden in die Atmosphäre gelangen. Wie viel davon freigesetzt wird, ist noch nicht klar.
Eine Studie aus Deutschland spricht von 40-mal mehr Lachgas als unter natürlichen Bedingungen. Umweltschützer befürchten sogar, dass durch großflächige Verdichtung der Waldböden in einigen Gegenden das Hochwasserrisiko steigen wird, weil die Erde weniger Wasser aufnehmen kann. Allerdings gibt es dafür noch keinen Beweis.
Wir haben keine Alternative, deshalb müssen wir den Bodenschutz von dieser Seite aufziehen. Wir müssen die Verhältnisse kennen, wir müssen die eingesetzten Maschinen kennen, wir müssen die eingesetzten Massen kennen. Und da müssen wir versuchen Richtlinien zu geben.
Dr. Johann Kremer, TU München
Sieben Jahre nach Beginn des Langzeitversuches steht fest: Die ökonomischen und ökologischen Schäden, die schwere Erntemaschinen im Wald anrichten, sind eindeutig beweisbar. Aber Alternativen zu den Harvestern gibt es nicht. Rund 200.000 Jobs hängen alleine in Bayern am Holz und seiner Verarbeitung. Ohne Harvester wäre die Nachfrage nach Holz heute nicht mehr zu bedienen. Ein Dilemma, dessen sich auch viele Forstämter bewusst sind.
Die Wissenschaftler empfehlen vor allem einen vorsichtigeren Umgang mit den Maschinen. Weniger Einsätze auf nassen und empfindlichen Böden etwa. Weniger Einsätze in Hanglagen, wo sie besonders viele Schäden anrichten. Und vor allem eine Beschränkung von Größe und Gewicht. Denn je größer und schwerer die Maschinen sind, desto größer sind die Schäden, die sie im Wald anrichten.
Zur Übersicht: Faszination Wissen