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21.03.2010


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Ausgefischt statt aufgetischt Ist der Fischfang noch zu retten?

Thunfisch, Lachs, Scholle: Fisch ist nicht nur lecker, sondern auch gesund. Verschreckt von den Gammelfleisch-Skandalen kommt er bei immer mehr Deutschen immer häufiger auf den Tisch. Mit fatalen Folgen für Fisch und Umwelt.

Eine Sendung von Roland Schenke
Stand: 15.11.2009

Heringe, Fischer mit Netzen und Reusen

Seit 1980 hat sich die Nachfrage nach Fisch weltweit verdoppelt. Inzwischen gilt die Hälfte der Fischbestände als bis an die Grenzen befischt, ein Viertel sogar als überfischt. Hält die rasante Entwicklung an, prophezeien Experten der kommerziellen Fischerei bis 2050 das Aus. Die Folgen würden vor allem die rund 200 Millionen Menschen in armen Ländern zu spüren bekommen, die vom Fischfang und der Fischverarbeitung leben.

EU-Inspekteure, Fangquoten, Fischpiraten

Fischpiraten

Bildunterschrift: Unter Verdacht: Fischpiraten in der Antarktis

Um die noch verbleibenden Fischbestände zu schützen, werden Fanggebiete, -quoten und -tage festgelegt und mit Satellitenüberwachung kontrolliert. In der EU sorgen Inspekteure dafür, dass die Regeln eingehalten werden - bis hin zur Mindestmaschenbreite für Fischnetze. Doch viel Bürokratie und stetig neue Vorgaben machen sogar anpassungswillige Fischer mürbe.

Manchen Wissenschaftlern dagegen sind die erlaubten Fangquoten viel zu hoch, um die Fischbestände auch für die Nachwelt zu sichern. Gegen Fischpiraten haben es aber die EU-Inspekteure schwer. Sie gehen mit illegalen, unregistrierten Schiffen, kurz IUU genannt, im Atlantik und Pazifik auf Beutezug, laden den Fischfang meist noch auf dem Meer um und verkaufen ihn mit falschen Papieren. Schätzungen zufolge holen die Fischpiraten bis zu 30 Prozent des weltweiten Fischfangs aus dem Meer.

Wertvoller Beifang

Beifang

Bildunterschrift: Jungfische, Seesterne und Krabben werden beim Fischfang als Müll erklärt.

EU-Fischereikommissar Joe Borg ist dazu die Größe der EU-Fischereiflotte ein Dorn im Auge. Borg fordert eine Abwrackprämie für die Schiffe, um die Flotte zu verkleinern. Das würde auch den Beifang reduzieren: Das sind zu kleine Fische und alles, was die Fangquote übersteigt und meist wieder tot ins Meer zurück geworfen wird. Doch für das Öko-System Meer sind auch kleine Fische wichtig, vor allem Jungfische, die für konstanten Fisch-Nachschub sorgen sollen.

Das MSC-Siegel

MSC-Siegel

Bildunterschrift: MSC-Siegel für ökologisch gefangenen Fisch

Den Fischbestand nachhaltig sichern wollten auch der World Wide Fund For Nature (WWF) und Unilever, damals Mutterkonzern des Fisch-Herstellers iglo. Vertreter der Umweltschutzorganisation und des Lebensmittelkonzerns setzten sich an einen Tisch und riefen 1996 das MSC-Zertifikat ins Leben. Es steht für nachhaltigen und ökologisch verträglichen Fischfang sowie schonende Fangmethoden. Die Einhaltung der Vorgaben wird akribisch überwacht - und dauert viel Zeit. Die Firma Kutterfisch aus Cuxhaven beispielsweise stand zwei Jahre unter Beobachtung, bevor sie mit dem blauen Siegel ausgezeichnet wurde. Fünf Prozent Marktanteil hat das Siegel derzeit, Tendenz rapide steigend.

Link-Tipps

Unersättliche Esser

Doch auch das nachhaltige Umweltsiegel kann den Hauptgrund der weltweiten Überfischung nicht beseitigen: unseren unersättlichen Hunger. Es schwimmen nicht genug Fische in den Weltmeeren, Flüssen und Seen, um unsere Teller noch lange zu füllen. Abhilfe schaffen sollen Fischfarmen.

Die "blaue Revolution"

Lachsfarm in Norwegen

Bildunterschrift: Lachsfarm in Norwegen

In den 70er-Jahren versuchten norwegische Züchter, Fische unter künstlichen Bedingungen in Fischfarmen zu vermehren. Ein Albtraum für Tier und Umwelt, denn die Gehege waren zu klein und Futterreste, Fäkalien und Parasiten verseuchten das Fjordwasser. Die Massenproduktion sorgte für niedrige Preise und trieb viele Fischfirmen in die Pleite.

Heute sind die Vorgaben in den etwa 4.000 norwegischen Lachszuchten strenger: Das Futter wird genau dosiert, es wird für genügend Strömung gesorgt und ein Mindestabstand in den Käfigen eingehalten. Doch ein Problem haben die Betreiber von Aquakulturen noch nicht im Griff: Immer wieder entkommen Zuchtlachse, vermehren sich ungehemmt und verdrängen damit die wilden Lachse. Wissenschaftler können die Herkunft der Fische an Genmarkern im Erbgut überprüfen.

Die Pille für Zuchtfische

Derzeit werden Kabeljau-Farmen getestet. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass die Fisch-Wildbestände in Gefahr sind, droht die norwegische Fischereibehörde damit, den Kabeljau-Farmen die Lizenz zu entziehen. Forscher versuchen daher, natürlichen Nachwuchs bei gezüchteten Fischen gleich ganz zu verhindern - durch künstliches Licht oder die Pille für den Fisch:

Zitat

"Im Larvenstadium lassen sich genetische Weibchen durch Hormone in Männchen, sogenannte Neomales, verwandeln. Wenn diese dann nomale Weibchen befruchten, entsteht eine Generation ausschließlich weiblicher Fische."

Terje van der Meeren, Meeresbiologe am Institut für Meeresforschung in Bergen, Norwegen

Zuchtfische

Bildunterschrift: Zuchtfische auf einer Fischfarm

Schon arbeiten Züchter optimistisch an neuen, immer größeren Aquakultur-Visionen. Norwegische Ingenieure planen schwimmende Fisch-Farmen im offenen Meer. Damit könnte die Fisch-Produktion bis 2030 von 50 auf 80 Millionen Tonnen erhöht werden. Doch in ersten Tests zeigte sich, dass zumindest Lachse so nicht gezüchtet werden können: Sie vertragen es nicht, in Gehegen in 12 Metern Tiefe gehalten zu werden und zeigten Stress-Symptome.

Ob Fische mit geschlossenen Schwimmblasen wie der Kabeljau mit den Fisch-Farmen im offenen Meer zurecht kommen, muss sich erst noch zeigen. In Deutschland testet man derzeit geschlossene Kreislaufsysteme, die das Meer bei der Zucht überflüssig machen.

Fisch für Fische

Doch sogar erfolgreiche Fisch-Farmen konnten das Problem der Überfischung bislang nicht beseitigen, denn auch Zuchtfische haben Hunger. Gefüttert werden sie mit Futter-Pellets bestehend aus Fischöl und -mehl. Fehlen diese Inhaltsstoffe, geht das Futter aus und die Zucht-Fische ein.

Zitat

"Vielleicht kann man die Erträge dieser Fischerei, zur Futtergewinnung, noch etwas steigern, durch besseres Management - so wie beim Fang von Speisefisch. Aber für wirkliches Wachstum in der Aqua-Kultur braucht man eine neue Quelle für marines Eiweiss und Öl, unabhängig von dem, was sich im Meer fangen lässt."

Terje van der Meeren, Meeresbiologe am Institut für Meeresforschung in Bergen, Norwegen

Vor leer gefischten Meeren können uns letztendlich nur strenge Fangquoten und wir selbst retten: Denn auch wir Verbraucher haben Einfluss, was, wo, wie und in welcher Menge gefischt wird.

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