09.02.2010
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Es ist der Stoff, aus dem unser Wohlstand ist, unser Fortschritt und unser Wachstum: Fast 14 Milliarden Liter Erdöl verbraucht die Welt jeden Tag. Noch! Denn die Reserven schwinden mit dramatischer Geschwindigkeit. Wenn Erdöl eines Tages zu Ende geht, wird sich unser Leben dramatisch verändern.
Eine Sendung von Daniel Schwenk
Der Physiker Werner Zittel hat im Ölreport der "Energy Watch Group" ausgerechnet, dass die maximal mögliche Fördermenge bereits im Jahr 2006 erreicht wurde. Bis zum Jahr 2030, so prognostiziert er, werde nur noch halb so viel Öl gefördert werden können wie heute. Die Reserven schwinden mit dramatischer Geschwindigkeit. Denn schon seit mehr als zwanzig Jahren wird auf der Erde jedes Jahr mehr Erdöl verbraucht als neues gefunden. Unser Leben wird sich von Grund auf ändern müssen, wenn das Erdöl zu Ende geht.
Zwar werden 90 Prozent des weltweit genutzten Erdöls verfahren oder verheizt, aber das schwarze Gold steckt auch in unserer Kleidung, in Kosmetik- und Medizinprodukten, in Computer und Telefon und sogar in unseren Lebensmitteln. Kein Bereich unseres täglichen Lebens ist "erdölfrei".
"Erdöl war die Voraussetzung für immer größere Globalisierung in immer kürzeren Zeiträumen. Und genau das wird an eine Grenze kommen, es wird sich zurückentwickeln. Regionale Kreisläufe werden gestärkt werden und sich stärker formieren müssen. Das ist meine positive Version."
Dr. Werner Zittel, Energy Watch Group
Rund 40 Prozent aller Textilien enthalten Erdöl. Funktionskleidung, wie etwa Fleece-Pullover, besteht fast ausschließlich aus erdölhaltigen Chemiefasern. Auch Nylonstrümpfe aus Polyamidfasern und die "Allerweltsfaser" Polyester sind erdölbasiert. Eine Möglichkeit in Zukunft diese Kunstfasern zu ersetzen, wäre mehr Naturfasern zu produzieren. Allerdings, Baumwolle, die mit Abstand häufigste Naturfaser, verursacht bei ihrem Anbau massive Umweltprobleme, denn Wasser- und Pestizidverbrauch sind enorm. Wissenschaftler am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik in Denkendorf experimentieren deshalb unter anderem mit Hanf. Theoretisch ließe sich aus der Faser, die schon vor Jahrtausenden verwendet wurde, in großem Maßstab Kleidung herstellen, wenn auch nur mit weniger feinen Stoffen.
Ein anderer Ersatz wären biotechnologisch hergestellt Fasern, etwa aus Milchsäure, die unter anderem aus Zuckerrüben mit Hilfe von Bakterien gewonnen wird. Schon heute ind solche Fasern als Fließstoffe in der Landwirtschaft und chirurgische Fäden im Einsatz. Für haltbare Textilien reicht die Technik im Moment noch nicht aus. Eine Jeans aus Polylactid-Fasern wurde in Brasilien wieder vom Markt genommen. Sie war beim Waschen und Bügeln geschmolzen. An solchen weiterentwickelten erdölfreien Kunstfasern führt aber wohl kein Weg vorbei, wenn sich unser Kleiderschrank in Zukunft nicht dramatisch verkleinern soll. Würde man stattdessen versuchen, den heutigen Faserbedarf in Zukunft etwa mit Wolle zu decken, müssten auf rund einem Drittel der Erdoberfläche Schafe weiden.
Die Biotechnologie soll in Zukunft auch helfen, viele Ausgangsprodukte für die chemische Industrie in Zukunft zu erzeugen. Denn Erdöl steckt als Grundstoff unter anderem in Medikamenten, Kosmetikprodukten und Plastik. PC und Handy, Spielzeug und Plastiktüten, Creme und Lippenstift, Tabletten und Spritzen sind nur einige Beispiele. Forscher am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart versuchen mit Hilfe von Bakterien- und Hefeenzymen aus organischen Abfällen wie Krabbenschalen, Molke oder Resten aus Land- und Forstwirtschaft chemische Grundstoffe zu produzieren. Schon heute werden bis zu zwölf Prozent nachwachsende Rohstoffe in der chemischen Industrie eingesetzt.
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Bio-Kunststoffe etwa kommen vor allem als Verpackungen und für Mulch- und Saatfolien zum Einsatz. Eigenschaften wie Hitzebeständigkeit oder Langlebigkeit können mit nachwachsenden Rohstoffen heute noch kaum erzielt werden. Der immer noch konkurrenzlos niedrige Preis für Grundstoffe aus Erdöl hemmt die Entwicklung neuer Verfahren und Produkte. Optimistische Rechnungen des Branchenverbandes gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 der Anteil von Bioplastik von heute 0,2 Prozent immerhin auf 15 bis 20 Prozent gesteigert werden könnte. Mehr wird es wohl nicht werden.
Auch die hoch industrialisierte Nahrungsmittelwirtschaft, die immer und überall alles zu Verfügung stellen kann, ist abhängig von Milliarden Litern Erdöl. Ein US-Forscher hat ausgerechnet, dass jeder Amerikaner pro Jahr im Schnitt so etwa 1.500 Liter Erdöl verspeist, in Form von Düngemitteln, Pestiziden, Produktion, Kühlung und Transport. Wissenschaftler prognostizieren, dass vor allem Fleisch und Milchprodukte teurer werden könnten, da deren Produktion vier bis sechs Mal soviel Energie, und damit oft auch Erdöl, kostet wie die Herstellung von pflanzlicher Nahrung. Saisonaler und regionaler wird die Ernährung wohl werden, wenn das Erdöl zur Neige geht. Der Druck auf die Landwirtschaft und ihre Flächen wird dabei zunehmen, weil sie in Zukunft verstärkt auch Biomasse liefern muss.
Die Welt ohne Erdöl: Welche Rolle kann Biomasse in Zukunft spielen?Faszination Wissen vom 15.03.2009
Denn Biomasse soll in Zukunft nicht nur Nahrung liefern, sondern auch Grundstoffe liefern für Fasern und Kunststoffe. Nur wenn Strom und Sprit in Zukunft vor allem aus anderen Quellen kommen, hat die Biomasse eine realistische Chance, alle zu versorgen. Eine mögliche Lösung könnten so genannte grüne Bioraffinerien sein. Der Vorteil solcher Anlagen ist: Aus Biomasse könnten sie in einem mehrstufigen Prozess möglichst viele verschiedene Produkte gewinnen, also etwa chemische Grundstoffe, Energie und Tierfutter aus den Resten. Aber die Bioraffinerie kann nur ein Baustein für eine erdölfreie Zukunft sein. Eines ist klar, das nahende Ende des Erdölzeitalters bedroht unseren gewohnten Lebensstil, ist aber zugleich auch die Chance, ein neues nachhaltigeres Zeitalter einzuläuten.
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