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Schweiz Das Anthroposophendorf - Rudolf Steiners Erbe

Dornach ist der Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft. Die ehemalige Wirkungsstätte Rudolf Steiners ist auch heute noch - 84 Jahre nach dem Tod Steiners - Treffpunkt und Forschungsstätte zugleich. Im Zentrum des Ansatzes stehen der Mensch und die Natur.

Stand: 27.03.2009

Das Anthroposophendorf - Rudolf Steiners Erbe | BR

Das ist Dornach, ein beschauliches Dorf im Nordwesten der Schweiz. Doch manchmal laufen hier ungewöhnliche Menschen durch die Strassen. Sie kommen aus der ganzen Welt, manche nur für ein paar Tage, andere sind hierher gezogen - auf einen Hügel, in eigentümliche Häuser: Anthroposophen.

Das Goetheanum

Dornach | Bild: BR

Ihr Treffpunkt: ein mächtiges Bauwerk aus Beton: Das Goetheanum, Welthauptsitz der Anthroposophischen Bewegung. Erbaut von Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie und Goethefan, als Ort für Studien, Vorträge und kulturelle Veranstaltungen.

Gruppe Anthroposophen | Bild: BR

Diese Woche ist landwirtschaftliche Tagung. Bauern aus der ganzen Welt sind gekommen, um sich in Rudolf Steiners Lehren zu vertiefen.
Nikolai Fuchs arbeitet am Goetheanum und leitet die landwirtschaftliche Sektion. Er ist einer von vielen Deutschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben. Der Grund: Die Anthroposophie.

Nikolai Fuchs | Bild: BR

Bildunterschrift: Nikolai Fuchs

Nikolai Fuchs, Leiter der landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum:
"Für mich ist die Anthro eine Erweiterung der Weltanschauung überhaupt. Ich finde den Materialismus zu eng. Mich langweilt der auch ein Stück. Und ich entdecke durch die Anthroposophie für mich eine aufregende, interessante Perspektivenerweiterung."

Drei Waldorfkindergärten

Im Waldorfkindergarten | Bild: BR

Bildunterschrift: Im Waldorfkindergarten

Mit dieser Anschauung ist er im Ort nicht allein. Seine Tochter geht in den Waldorfkindergarten. Davon gibt es hier gleich drei. Nach der Steiner-Pädagogik sollen Veranlagungen und Begabungen eines jedes Einzelnen durch ein möglichst breites Angebot zur Entfaltung gebracht werden. Wer hier Schweizerdütsch lernen will, tut sich schwer - die meisten Kinder haben deutsche Eltern.

Das Haus von Nikolai Fuchs ist auch nach anthroposophischen Grundsätzen gebaut. Vor acht Jahren kam er mit seiner Frau hierher. Auch wenn er eher aussieht wie ein Professor, er fühlt sich als Bauer.

Nikolai Fuchs:
"Ich bin Waldorfschüler und war dann in der 9. Klasse in einem Landwirtschaftspraktikum. Und da haben wir morgens im Nebel Steine vom Acker suchen müssen. Das war überhaupt nicht beliebt bei uns Schülern mit 16. Aber trotzdem hat es irgendwie geschnackelt und ich wusste: ich will Bauer werden."

Steiners landwirtschaftliche Philosophie und Demeter

Malereien | Bild: BR

Er studierte Landwirtschaft und vertiefte sich in Rudolf Steiners landwirtschaftliche Philosophie. Heute gibt er sein Wissen in den kunstvollen Hallen des Goetheanums an andere Landwirte weiter. Steiner selbst hat es entworfen. Für ihn wurde Beton der universale Baustoff wegen seiner Formbarkeit zu "organischer Architektur".

Aus Steiners landwirtschaftlicher Lehre hat sich 1928 der biologische Demeterverband entwickelt - weit vor der Ökobewegung. Für die Gärtner und Bauern eine Lebensanschauung:

Eine Bäuerin:
"Ich bin Betriebsleiterin auf einem Hof in Deutschland und wir holen uns Inspirationen, um aus dem Alltag herauszutreten und sich von der geistigen Seite Inspiration zu holen und Raum zu schaffen, was man jeden Tag tut."

Ganzheitliche Arbeitsweise

Ein Bauer:
"Ich bin schon seit einigen Jahren regelmäßig hier und das gehört einfach dazu. Landwirtschaftliche Tagung ist einfach ein Muss!"

In Workshops modellieren die Bauern Kühe aus Ton - Kühe mit Hörnern! Denn deren Wegbrennen oder Absägen - mittlerweile auch in der Biobranche üblich - ist nach den Demeterregeln streng verboten. Sogar die Milch soll dadurch schlechter werden.

Die Anthroposophen arbeiten ganzheitlich, sie achten auch auf Mondrhythmen. Veränderungen an Tieren, wie das Kupieren von Schnäbeln und Schwänzen, lehnen sie ebenso ab wie nicht vermehrbares Hybridgetreide.

Rudolf Steiner - Naturwissenschaftler und Philosoph

Rudolf Steiner | Bild: BR

Bild vergrößern Bildunterschrift: Rudolf Steiner

Rudolf Steiner - Naturwissenschaftler, Philosoph, Begründer der Anthroposophie, der "Weisheit vom Menschen": Sein Werk umfasst 40 Bücher und über 6.000 Vorträge. 1861 im heutigen Kroatien geboren, las er schon mit 16 die Kantsche Philosophie. Das Abitur bestand er mit Auszeichnung. 1924 hielt er auf Bitten von Bauern und Grundbesitzern den landwirtschaftlichen Kurs: Aufkommende Agrarchemie und industrialisierte Technik begründeten Sorgen um die Fruchtbarkeit der Böden und die Qualität der Lebensmittel. Ein Jahr später, 1925, starb Rudolf Steiner in Dornach.

Gleich zwei anthroposophische Krankenhäuser gibt es in der Nähe: Auch hier in der Krebsklinik wird der Mensch als Ganzes gesehen: Leib, Geist und Seele. Die Schulmedizin ist Basis, wird aber durch pflanzliche und homöopathische Präparate ergänzt. Es geht darum, die Lebenskraft des Menschen zu stärken. Auch hier kommt der leitende Arzt aus Deutschland. Die Lehre Rudolf Steiners hat ihn vor 26 Jahren hierher gezogen.

Arzt Dr. Heiligtag | Bild: BR

Dr. Heiligtag, Leitender Arzt Lukasklinik:
"Man hat in der Schulmedizin und auch in meinem Studium nicht gewusst, dass es eine direkte Krebsabwehr gibt. Aber man hat sie schon hier seit Rudolf Steiners Zeiten gefördert mit der Misteltherapie. Heute kann man wissenschaftlich beweisen, dass die Misteln die Immunabwehr steigern, intensivieren und bestimmte kompetente Zellen des Patienten stärken."

Misteltherapie und Schulmedizin

Heute wird die Misteltherapie auch von der Schulmedizin anerkannt - und sogar eingesetzt. Das Prinzip der Homöopathie hat Rudolf Steiner auch auf die Landwirtschaft übertragen und damit eine völlig neue Agrarlehre begründet. Ähnlich wie beim Menschen werden hier auch Pflanzen durch hoch verdünnt potenzierte Präparate gestärkt.

Jörg Mensens, Gärtner am Goetheanum:
"Die stellt eigentlich jeder Hof aus den Pflanzen, die man vor Ort findet, selber her. Die werden in wirklich kleinen, fast homöopathischen Mengen dem Kompost zugefügt, und dadurch werden die Pflanzen angeregt, stärker zu sein, selbst mehr nach den entsprechenden Nährstoffen zu suchen. Und sie werden eigentlich auch so robust, dass sie ohne Spritzmittel gut wachsen können."

Demeterbauern und Gärtner bringen die homöopathischen Präparate auch auf ihren Feldern aus. Sie schwören auf deren Wirkung. Die gestärkten Pflanzen sollen Schädlinge und Krankheiten gut in Schach halten können. Im Zeitalter von Chemie und Technik muten Steiners Lehren fast wie von einem anderen Stern.

Wie wird man Anthroposoph?

Schon zu Steiners Lebzeiten wurden seine Vorträge mitstenographiert. Zu Tagungen wie dieser gehört es, daraus vorzulesen:
"Das müsste in einer ideal gestalteten Landwirtschaft schon angesehen werden als ein Heilmittel für eine erkrankte Landwirtschaft."

Hohe Ideale hat sie, die Anthroposophie, und ihre Anhänger schwören darauf. Doch wie wird man eigentlich Anthroposoph?

Nikolai Fuchs, Leiter der landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum:
"Indem man sich bemüht! Das ist man, solange man übt.  Solange ist man Anthroposoph. Und wenn man das aufhört, dann ist man es nicht mehr."

Autorin: Angelika Vogel

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