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Gigolo-Prozess Klatten-Erpresser soll Millionen zurückzahlen

BMW-Erbin Susanne Klatten hat vor dem Augsburger Landgericht einen Prozess gegen ihren Erpresser gewonnen. Der bereits zu sechs Jahren Haft verurteilte Schweizer Helg Sgarbi soll insgesamt 9,4 Millionen Euro zurückzahlen.

Stand: 27.11.2009

Verurteilter Erpresser Sgarbi im "Klatten-Prozess"

Nach einer Entscheidung des Gerichts muss Sgarbi die erpresste Summe bis auf den letzten Euro plus Zinsen zurückerstatten. 30 Jahre lang kann Klatten das Geld zurückfordern, das sie Sgarbi gegeben hatte. Von den 9,4 Millionen Euro, die der Schweizer zahlen soll, sind sieben Millionen für die Klägerin, den Rest erstritten ihre Anwälte für zwei andere von Sgarbi geschädigte Frauen.

Sechs Jahre Haft für Sgarbi

Sgarbi war am 9. März vom Landgericht München I wegen versuchter gewerbsmäßiger Erpressung und gewerbsmäßigen Betrugs verurteilt worden. Der Prozess dauerte nur wenige Stunden, der Andrang von Medienvertretern und Zuschauern war hingegen so groß wie selten an diesem Gericht. Mit seriösem schwarzen Dreiteiler, schwarzer Brille, etwas bleich um die Nase, aber gefasst hatte sich Sgarbi den Kameras gestellt.

Gleich zu Prozessbeginn ließ er seinen Anwalt, Egon Geis, ein umfassendes Geständnis verlesen: Sgarbi räume ein, vier wohlhabende Frauen um insgesamt 9,4 Millionen Euro betrogen und erpresst zu haben. Der Angeklagte selbst erklärte, er "bedauere das Vorgefallene zutiefst" und entschuldige sich, "in aller Öffentlichkeit bei den geschädigten Damen." Wo das Geld geblieben ist und ob es Mittäter gab - dazu machte Sgarbi keine Angaben. 

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zum Thema: Der Gigolo vor Gericht - Prozess gegen Helg Sgarbi in Bildern Journalisten belagern den Gerichtssaal beim Klatten-Prozess

Es ist ein Auflauf, wie ihn das Landgericht München nicht alle Tage erlebt: Doch Zuschauer und Reporter sind ganz wild darauf, den Mann zu sehen, der erst das Herz der reichsten Frau Deutschlands eroberte und sie dann um Millionen betrog. Und ruckzuck war auch schon das Urteil gefällt. [Bildergaleriemehr] zum Thema: Der Gigolo vor Gericht - Prozess gegen Helg Sgarbi in Bildern

Richter: Die Opfer haben es Sgarbi leicht gemacht

Lüge oder Betrug?

"In der Schweiz ist einfache Lüge kein Betrug."
Sgarbis Verteidiger Till Gontersweiler aus Zürich

Die Staatsanwaltschaft hatte ein weit weniger mildes Urteil gefordert: neun Jahre Gefängnis. Der Angeklagte könne mit dem Urteil "sehr zufrieden sein", meint Oberstaatsanwalt Winkler. Und tatsächlich liegt das Urteil nicht weit von der Forderung der Verteidigung entfernt. Sie hatte für eine Haftstrafe  "um die fünf Jahre" plädiert.

Der Vorsitzende Richter hat es Sgarbi strafmildernd angerechnet, dass es die Frauen dem gewerbsmäßigen Liebhaber auch leicht gemacht hätten: "Eine gewisse Leichtfertigkeit der Opfer kann nicht verkannt werden", so Wolf.

Die Masche des Frauenflüsterers

Intime Details im Licht der Öffentlichkeit

Vier reiche Frauen hat der Liebesschwindler Helg Sgarbi ausgenommen. Seine Opfer mussten nach Sgarbis Geständnis nicht vor Gericht aussagen. Dennoch sind viele - auch intime - Details der Fälle bekannt. Nicht zuletzt, weil eine italienische Zeitung die Aussagen der Frauen bei der Polizei veröffentlicht hat. Eine Chronologie des Falls, wie er sich laut Anklage darstellt:

Anbaggern im Grand Hotel Quellenhof

Advent 2005: Die niederbayerische Unternehmersgattin Marie Luise H. lernt im Grand Hotel Quellenhof in Bad Ragaz in der Schweiz den rund 20 Jahre jüngeren Helg Sgarbi kennen. Vor dessen Charme kann sie nicht einmal ihr Ehemann schützen, der bei dem ersten Treffen dabei ist.

Die Unfallgeschichte

Anfang 2006: Ersmals kommt die sogenannte Unfallgeschichte zum Einsatz. Sgarbi erzählt seiner neuen Freundin H., er habe in den USA ein Kind angefahren und schwer verletzt. Jetzt müsse er Schadenersatz zahlen. Der Druck auf die Mitleidsdrüse funktioniert offenbar.

Opfer Nummer eins zahlt 600.000

März, Mai, August 2006: Dreimal trifft sich der Gigolo mit der niederbayerischen Millionärin in Münchner Hotels. Jedes Mal soll er sechsstellige Geldbeträge bekommen haben. Insgesamt 600.000 Euro. Doch das reicht nicht.

Intime Bilder tauchen auf

Januar 2007: In einem Passauer Hotel zeigt Sgarbi seiner "Freundin" H. Aufnahmen von intimen Kontakten. Die Geschichte dazu: Die Mafia besitze die Bilder und fordere jetzt 1,5 Millionen Euro. Die Masche geht auf.

2,4 Millionen Franken in Plastiktüte

Februar 2007: Am Bahnhof in Bad Ragaz übergibt die Frau ihrem neuen Liebhaber eine Plastiktüte. Inhalt: 2,43 Millionen Schweizer Franken - rund 1,5 Millionen Euro.

Jagdrevier Lanserhof

Sommer 2007: Helg Sgarbi erschließt sich ein neues Jagdrevier, den Lanserhof bei Innsbruck. Hier steigen vornehmlich sehr reiche Frauen ab zum Heilfasten, Entschlacken und Erholen. In einem Monat erobert Sgarbi drei Millionärinnen, darunter die BMW-Erbin Susanne Klatten.

Erster Lanserhof-Fang

Juni 2007: Elfriede R., vermögende Kauffrau aus München, ist das erste Lanserhof-Opfer. Sie lernt Helg Sgarbi kennen und verliebt sich.

Zweiter Lanserhof-Fang

Ende Juni 2007: Monika S. aus Franken lernt Helg Sgarbi im Lanserhof kennen und verliebt sich. Schon einige Tage später reisen die Frischverliebten nach Rom.

Dritter Lanserhof-Fang

Juli 2007: Susanne Klatten, Milliardärin und reichste Frau Deutschlands, lernt im Lanserhof Helg Sgarbi kennen. Sie verliebt sich nicht - zunächst. Doch auch sie wird Sgarbis Fängen nicht entkommen.

Unfallgeschichte, die zweite

Juli 2007: Bei seinem zweiten Lanserhof-Opfer ist Sgarbi zu diesem Zeitpunkt schon weiter. Nach ihrer Liebestour nach Rom tischt er Monika S. eine Unfallgeschichte auf. Wieder will er ein Kind verletzt haben, diesmal in Italien, weshalb er Geld für die Mafia brauche - 300.000 Euro.

Plastiktüte mit 300.000 Euro

Juli 2007: Monika S. fällt auf die Mitleidstour rein und übergibt Helg Sgarbi am Münchner Isartor eine Plastiktüte mit 300.000 Euro.

Unfallgeschichte, die dritte

Juli/August 2007: Gleichzeitig bekommt das erste Lanserhof-Opfer Elfriede R. ihre Unfallgeschichte aufgetischt. Die Zutaten dieses Mal: ein verletztes Kind, das im Koma liegt, und geldgierige Angehörige. Sgarbi bittet um 800.000 Euro für die Angehörigen des Unfallopfers. Elfriede R. zahlt nicht.

Liebesfalle für Klatten schnappt zu

August 2007: Helg Sgarbi gibt Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, nicht so schnell auf. Er besucht sie in ihrem Frankreichurlaub. Hier schnappt die Liebesfalle dann doch zu.

Das intime Treffen in München-Schwabing

August 2007: Klatten trifft ihren Verehrer in einem Hotel in München-Schwabing. Sgarbi filmt das Treffen unbemerkt. Das Video soll später für Erpressungsversuche benutzt worden sein.

Wieder die Unfallgeschichte

August/September 2007: Jetzt bekommt auch die Münchner Milliardärin Klatten ihre Unfallgeschichte aufgetischt. Diesmal soll der Unfall in Miami passiert sein und Sgarbi braucht Geld, um einen Prozess in den USA zu verhindern - sieben Millionen Euro.

Ein Umzugskarton voll 500-Euro-Scheine

September 2007: Unter dem Codewort "seven up" übergibt Klatten in einer Tiefgarage eines Münchner Hotels einen Umzugskarton an Sgarbi. Der Inhalt: sieben Millionen Euro in 500-Euro-Scheinen - als Darlehen. Doch ihr neuer Liebhaber will mehr.

Das Maß ist voll

Oktober 2007: Sgarbi präsentiert Klatten ein neues Liebesnest - ein Appartement in München. Gleichzeitig will er aber mehr Geld. 290 Millionen Euro soll die Milliardärin in eine Stiftung einzahlen, damit ihr Liebhaber seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Da reicht es der Milliardärin. Sie beendet die Beziehung. Jetzt wird die Affäre verhängnisvoll.

Die Erpressung

November/Dezember 2007: Klatten lernt das wahre Gesicht des Charmeurs Sgarbi kennen. Er droht am Telefon damit, kompromittierende Videos ihrer Treffen zu veröffentlichen. Sein Schweigen will er sich zunächst mit 49 Millionen Euro vergolden lassen. Später wird er seine Forderung auf 14 Millionen reduzieren.

Noch eine Erpressung

November 2007: Das erste Opfer von Sgarbi, Marie Luise H., soll noch einmal für Aufnahmen intimer Treffen bezahlen. Sgarbi droht, die Aufnahmen zu veröffentlichen, außer sie zahlt zwei Millionen Euro. H. schaltet ihren Anwalt ein.

Die Justizfalle schnappt zu

Januar 2008: Gefangen in der Liebesfalle sieht die Milliardärin Klatten keinen anderen Ausweg, als ihren Ex-Liebhaber anzuzeigen. Klatten und die Ermittler stellen Sgarbi eine Falle. Der wird am 14. Januar in Vomp im österreichischen Tirol bei einer vorgetäuschten Geldübergabe festgenommen.

Der Komplize und Guru

Februar 2008: In Italien wird Ernano B., selbsternannter Guru und mutmaßlicher Komplize von Sgarbi festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, die Erpresservideos aufgenommen zu haben. Außerdem soll Sgarbi ihm den Großteil der Beute abgeliefert haben. Italien will ihn aber nicht an die deutsche Justiz ausliefern. Nach acht Monaten Untersuchungshaft wird B. wieder freigelassen.

Hinter Gittern

März 2008: Helg Sgarbi wird von Tirol nach Deutschland ausgeliefert und sitzt seither in Untersuchungshaft.

Sektenführer oder Bandenboss?

Welche Rolle bei den Liebesbetrügereien ein italienischer Autohändler und angeblicher Sektenführer gespielt hat, wurde im Münchner Prozess nicht aufgeklärt. Laut Medienberichten hat Sgarbi das Geld nicht für sich selbst gebraucht, sondern an den 63-jährigen italienischen Guru Ernano B. weitergeleitet. So waren auf dem Grundstück des Italieners in den Abruzzen rund eine Million Euro gefunden worden, die aus der Beute Sgarbis stammen sollen.

Ernano B. soll sich im Fall Klatten auch als Komplize von Sgarbi betätigt haben und das Material, mit dem Klatten angeblich erpresst wurde, heimlich von einem benachbarten Hotelzimmer aus gefilmt haben. Derzeit steht B. in seinem italienischen Wohnort unter Hausarrest. Ihm wird am 24. März im italienischen Pescara der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Der Fall Klatten: Erst bezirzt, dann erpresst

Die 46-jährige BMW-Erbin und Milliardärin Susanne Klatten war dem heute 44-jährigen Schweizer laut Anklage im Juli 2007 in einem Kur-Hotel für Superreiche nahe Innsbruck begegnet und ließ sich nach anfänglichem Widerstand von dem Proficharmeur erobern und reinlegen. Sieben Millionen Euro soll sie ihrem Liebhaber gezahlt haben - als Darlehen. Erst als ihr Liebhaber weitere Millionen für seinen Lebensunterhalt wollte, wachte Klatten offenbar auf und beendete die Beziehung. Zu spät. Jetzt erpresste Sgarbi laut Anklage die öffentlichkeitsscheue Milliardärin mit kompromittierenden Videos ihrer intimen Treffen. Angeblich wollte er 49 Millionen haben. Da entschloss sich Klatten, zur Polizei zu gehen.

Die unbekannte Milliardärin
Susanne Klatten mit dem Bayerischen Verdienstorden

Bildunterschrift: Susanne Klatten - mit Bayerischem Verdienstorden

Die 46-jährige Susanne Klatten gilt als die reichste Frau Deutschlands. Im Oktober vergangenen Jahres hat das "Manager Magazin" ihr Vermögen auf 7,8 Milliarden Euro geschätzt. Die Tochter von Herbert Quandt und dessen dritter Frau Johanna erbt nach dem Tod des Vaters 1982 gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan einen Großteil des Vermögens. Dadurch wird sie Großaktionärin von BMW - gemeinsam mit Mutter und Bruder hält sie 46,6 Prozent der Wertpapiere. Die gelernte Werbekauffrau und Betriebswirtin ist außerdem Hauptaktionärin des Chemie-Unternehmens Altana und hält Anteile am Windturbinenhersteller Nordex. Verheiratet ist sie mit Jan Klatten, den sie während eines Praktikums bei BMW kennenlernte - und das sie unter dem Pseudonym Susanne Kant absolvierte. Das Paar hat drei Kinder.

Gewerbsmäßiger Liebhaber

Flur im Lanserhof bei Innsbruck

Bild vergrößern Bildunterschrift: Sgarbis Jagdrevier: der Lanserhof bei Innsbruck

Medienberichten zufolge hat Sgarbi das lukrative Liebesgeschäft mit reichen Frauen offenbar schon länger betrieben. Vor sechs Jahren soll er schon einmal wegen eines ähnlichen Falls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden sein. Außerdem soll er 2001 einer über 80-jährigen Comtesse die Ehe versprochen und ihr hohe Geldsummen abgeluchst haben.

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