31.07.2010
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Was wusste der heutige Papst Benedikt XVI. über den Fall des pädophilen Priesters Peter H., der im Erzbistum München-Freising rückfällig wurde? Mehr als die Kirche zugibt, versucht die "New York Times" zu belegen. Erst kurz zuvor hatte sie berichtet, Kardinal Ratzinger habe nicht auf Fälle in den USA reagiert.
Stand: 26.03.2010
Die "New York Times" lässt nicht locker, die Vergangenheit des Papstes im Hinblick auf eine mutmaßliche indirekte Verbindung zu früheren Missbrauchsfällen zu durchleuchten. Einem Bericht, wonach Kardinal Ratzinger in den 90er-Jahren einen Kinderschänder in den USA nicht des Priesteramts enthoben habe, obwohl Bischöfe ihn schriftlich auf den Missbrauch hingewiesen hätten, folgten tags darauf neue Vorwürfe. Selbst das kleine Garching an der Alz, wo sich Peter H. noch 1998 an einem Minderjährigen vergangen haben soll, schaffte es so in das Weltblatt.
In ihrer Ausgabe vom 25. März beschäftigt sich die "New York Times" ausführlich mit den Umständen, unter denen H. in Ratzingers früheres Erzbistum München-Freising kam und versucht zu belegen: Ratzinger war in seiner Zeit als Erzbischof enger in den Fall eingebunden, als es bisherige Stellungnahmen des Ordinariats und des Vatikans vermuten lassen. Im Kern geht es um die Frage: Wusste Erzbischof Joseph Ratzinger, dass der pädophile Peter H. sofort nach seinem Umzug nach München wieder in einer Pfarrei als Seelsorger eingesetzt worden war?
Als vermeintlichen Beleg dafür bringt die Zeitung eine Aktennotiz vom 20. Januar 1980 ins Spiel, in der festgehalten worden sei, dass der pädophile Geistliche mit Beginn seiner Therapie zur Seelsorgemithilfe in einer Münchner Pfarrei zugelassen sei. Diese Notiz sei in Kopie auch an Joseph Ratzinger gegangen. Dies suggeriert, dass Ratzinger zumindest über den Fall informiert war.
Nach Angaben des Erzbistums handelte es sich dabei allerdings um einen Routinevorgang. Es sei "unwahrscheinlich", dass die Aktennotiz damals auf dem Schreibtisch Ratzingers gelandet sei. Die Erzdiözese hat den Einsatz von Peter H. in der Seelsorge inzwischen als "schweren Fehler" bezeichnet. Die Verantwortung dafür übernahm der damalige Generalvikar Gerhard Gruber.
Unstrittig ist, dass Peter H. mit Zustimmung Ratzingers 1980 ins Erzbistum München und Freising kam - wohl wissend, dass der Pfarrer an seiner früheren Wirkungsstätte in Essen wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt worden war. Der Geistliche wurde in einem Pfarrhaus aufgenommen, damit er in München eine Therapie machen konnte. Nach Ratzingers Weggang nach Rom 1982 soll H. sich dann an verschiedenen Wirkungsstätten im Erzbistum München-Freising wiederholt an Kindern vergangen haben. 1986 wurde er erneut zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Bildunterschrift: Die Franziskanerkirche in Bad Tölz
Schon kurz nach seiner Ankunft in Bayern durfte Peter H. trotz seines Vorlebens wieder in der Seelsorge arbeiten. Erst in München, dann von 1982 bis 1985 in Grafing. Dort wurde der Priester rückfällig. 1986 verurteilte ihn das Amtsgericht Ebersberg wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu einer Bewährungsstrafe. Wieder durfte der Mann in die Pfarrseelsorge zurück, jetzt nach Garching an der Alz. "Für den erneuten Einsatz in der Pfarrseelsorge waren offenbar die relativ milde Strafe des Amtsgerichts Ebersberg und die Ausführungen des behandelnden Psychologen ausschlaggebend", teilte die Erzdiözese mit.
Erst 2008 führte ein auf Wunsch des neuen Münchner Erzbischofs Reinhard Marx erstelltes forensisches Gutachten dazu, dass der Priester aus der Pfarrseelsorge abgezogen wurde. Er war dann als Kur- und Tourismusseelsorger tätig und hatte die Auflage, keine Kinder- und Jugendarbeit mehr zu machen. Nachdem er sich nicht an die Auflage hielt, wurde er Mitte März 2009 suspendiert. In Bad Tölz, wo H. zuletzt arbeitete, erfuhren viele Gläubige erst aus den Medien, dass ihr Seelsorger ein verurteilter Missbrauchstäter ist. Dies führte während eines Gottesdienstes zum Eklat.
H.s zuletzt bekannt gewordenes mutmaßliches Vergehen datiert aus dem Jahr 1998, wäre also noch nicht verjährt. In Garching an der Alz im Landkreis Altötting soll er als Pfarradministrator einen Minderjährigen missbraucht haben. Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft.
Bildunterschrift: Räumt Fehler ein: Kardinal Friedrich Wetter
Dass sich der Papst bisher nicht zu dem Fall in seinem ehemaligen Erzbistum geäußert hat, erzürnt viele Gläubige. Ratzingers Nachfolger im Amt, Kardinal Friedrich Wetter, hat sich mittlerweile bei den Katholiken in Garching entschuldigt und persönliche Fehler beim Einsatz des pädophilen Priesters eingeräumt: "Mir ist jetzt schmerzlich bewusst, dass ich damals eine andere Entscheidung hätte treffen müssen", teilte er mit.
Zur Übersicht: AktuellPapst Benedikt XVI.: Im Sog des SkandalsIm Skandal um Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche hat das Erzbistum München und Freising einen schweren Fehler eingeräumt. In den 80er Jahren hatte die Münchner Kirchenleitung einen pädophilen Priester aus Nordrhein-Westfalen als Seelsorger in Oberbayern eingesetzt. Dort verging sich der Geistliche erneut an Minderjährigen.